Samstag, 26. November 2016

Tag 112

Fr, 25.11.16
Reisetage sind Wartetage. An einem Tag, an dem man reisen muss, kann man noch so viel tun, unterbewusst ist man die ganze Zeit im Wartemodus.

Heute Morgen um kurz nach zehn bin ich ein letztes Mal zu Magnet gegangen. Ich habe meine Gitarre mitgenommen, zwei Handtücher und meine restlichen Vorräte (ein paar Nudeln, Kartoffeln, etwas Reis, Butter, Couscous, Butter, Karamellcreme, Nutella). Die Gitarre geht an Themba (der heute Morgen nicht da war), die Handtücher und die Vorräte haben sich zunächst Meagan, Beviol und Luthando unter den Nagel gerissen (Beviol war sehr besitzergreifend in Sachen Nutella), da sie als einzige in der Lobby saßen, als ich ankam. Ich glaube aber nicht, dass sie alles behalten haben: Margie hat auf meinen Vorschlag hin verfügt, dass alles unter den Trainees aufgeteilt werden solle.

Ich half Margie noch kurz mit dem Herunterladen der Fotos von gestern. Dann verabschiedete ich mich im Büro von Jennie, Margie, Zukisani und Jenny H.; im Foyer von Meagan, Natasha, Beviol, Lwanda, Emmanuel, der Ex-Trainee-“Kudu“-Stagemanagerin, Luthando und Zizipho; im Theater von Livie, Lwando und Honey. Alle Verabschiedungen fielen sehr herzlich aus, aber nicht zu traurig, da ich viele wahrscheinlich/hoffentlich in nicht allzu ferner Zukunft schon in Deutschland wiedersehen werde. Und außerdem sind heutzutage alle sowieso so gut online miteinander vernetzt, dass Abschiede kaum noch Abschiede sind, selbst wenn man den Äquator überquert.
Um kurz nach elf verließ ich Magnet Theatre, warf einen letzten Blick zurück und ging mit mittelschwerem Herzen zurück in die Station Rd.

Dort hatte ich mich für halb zwölf mit Sinakho verabredet, sie kam allerdings mit 15 Minuten Verspätung. Der Grund: Heute war nicht nur Black Friday, sondern es war am frühen Morgen auch ein LKW auf dem Freeway verunglückt, hatte sich offenbar mehrmals überschlagen. Der Verkehr in Teilen Kapstadts stand beinahe still.
Der Uberfahrer, der uns in die Stadt brachte – ein netter dicker weißer Mann um die 30 –, fand aber trotzdem einen Weg in die Bree Street. Dabei redete er sehr viel mit uns und mit sich, kommentierte gern und viel das Geschehen um uns herum. Schließlich setzte er uns vor einem Restaurant namens Culture Club Cheese ab. Sinakhos und mein Plan war es nämlich, Fondue zu essen. Leider war das jedoch nicht im Angebot; Fondue würden sie nur im Winter anbieten, nicht im Sommer, wurde uns gesagt. Und heute war nicht nur auf dem Papier ein Sommertag, sondern auch in der Realität. Anders als die letzten zwei Tage war es heute angenehm warm und sonnig.
Statt Fondue bestellten wir Raclette (vorbereitet, nicht zum Selbermachen) und Camembert-Mac'n'Cheese, beides teilten wir uns. Lecker war es, wenn auch der Käse ein bisschen strenger war, als ich es mir vorgestellt hatte.

Da das Käserestaurant nicht nur kein Fondue, sondern auch kein Eis hatte, das wir danach gern haben wollten, fuhren wir wieder nach Obz. Der Verkehr war teils etwas zäh, aber wesentlich weniger schlimm als erwartet.
In der Lower Main Rd bestellten wir uns Smoothies bei Honey Bun, einem hübschen kleinen Laden. Wir setzten uns an die offene Fensterfront, schlürften unsere Kaltgetränke und beobachteten den Stau vor unserer Nase sowie einen Geldtransporter, der einen Geldautomaten leerte oder befüllte, der auf jeden Fall von einem Mann mit Maschinengewehr bewacht wurde.

Anschließend gingen wir wieder zu mir, wo wir Ine aufsammelten. Ine und ich hatten ausgemacht, gemeinsam Innocence auf Wiedersehen zu sagen und ein Foto mit ihm zu machen, Sinakho kam des Spaßes wegen mit. Innocence war glücklich uns zu sehen, nach ungefähr jedem Satz, den ich sagte, gab er mir die Hand. „That's Ine, she's my friend, too!“, ja, weiß ich, wir wohnen zusammen, ach ja, er erinnere sich, das habe ich ihm erzählt. Als wir im offenbarten, dass ich heute und Ine sehr bald abreisen würden, zückte er sofort sein Handy und bat einen Beisteher, den er offenbar ebenfalls kannte, ein Foto von uns zu machen. Sinakho machte gleichzeitig Bilder mit Ines Handy. Ine sagte danach, sie sei froh, dass Innocence das selber vorgeschlagen habe, das mit den Fotos, und wir das nicht hatten machen müssen.

Von Innocence aus gingen wir zu Spar in der Station Rd, da ich auf der Suche nach einem Briefkasten war. Bei Spar wurde uns aber die Info gegeben, dass der einzige nahe Briefkasten tatsächlich der mir bekannte bei Pick n Pay war. Eigentlich hatten wir vermeiden wollen, dort hingehen zu müssen, nun taten wir es doch.
Bei Pick n Pay freute ich mich erneut über den Tannenbaum in der Eingangshalle, dann warf ich meine letzte Nacht noch quasi in letzter Minute geschriebenen Postkarten ein. Und dann stand ein weiterer Abschied an, Sinakho bestellte sich ein Uber. Selbes Prinzip wie bei Magnet, sehr herzlich, ein bisschen traurig, aber nicht zu sehr.

Ine und ich gingen wieder in die Station Rd. Ich packte den Rest, mein Koffer war dick und schwer. Später am Flughafen wurde angezeigt, er wiege 27 Kilo, er hat also, wenn ich mich recht erinnere, Gewicht zugelegt. Papier hauptsächlich, so wie ich das einschätze.

Ich verabschiedete mich von Helen, dann bestellte ich mir ein Uber. Nach der Fahrt in die Stadt am Mittag hatte ich überlegt, frühzeitig loszufahren, damit ich für Verkehrs-Eventualitäten gewappnet wäre. Später schien mir das aber doch mehr Panik als nötig zu sein. Ich bestellte daher das Uber doch erst gegen 16:20 Uhr. Zu der Zeit wollte eigentlich auch Justin da sein, wie er mir am Morgen gewhatsappt hatte. (Außerdem hatte er eine seltsame Nachricht geschrieben: „Oooh man! No any present for me as it will be my rememberance,memories from my other Germany guy from Europe if possible pls. Anything Andy :D :D :D“, aber ich hatte kein Geschenk für ihn und hatte auch nicht vor, ihm eins zu geben.) Er war aber nicht da war und ich hatte keine Lust, auf ihn zu warten. (Am nächsten Tag sah ich eine weitere Nachricht von ihm, geschrieben um 17:34 Uhr, ob ich ihm bitte die Tür öffnen könne. Ine meinte zudem, er habe ihr geschrieben, ob sie meine Schlüssel aufbewahren könne, da ich angeblich zum verabredeten Zeitpunkt nicht dagewesen und er nicht in die Wohnung hineingekommen sei. Ich bin ganz froh, dass ich ihm kein Geschenk gegeben habe.)

Ine begleitete mich hinaus, wir verabschiedeten uns (ebenfalls sehr herzlich), dann stieg ich ins Uber und ließ die Station Rd hinter mir. Mögen die nächsten Mieter sich daran erfreuen und/oder sich über die Mängel, die Theresa nicht richtig in den Griff zu kriegen bereit ist (Mäuse, Schimmel), ärgern.

Mein letzter Uberfahrer in Südafrika war ein freundlicher Kerl, wir unterhielten uns gut. Dazu hatten wir auch etwas mehr Zeit, als es normal der Fall gewesen wäre, die Main Rd war feierabendtypisch dicht. Danach klarte es aber glücklicherweise auf und wir kamen gut durch.

Tinashe Lazarus war 24 und aus Zimbabwe – letzteres wie 80% der Uberfahrer in Kapstadt, wie er auf meine Nachfrage hin schätzte. Er probierte, mit mir über Fußball zu reden, deutsche Vereine, was aber bei mir auf weniger Freude stieß als von ihm wahrscheinlich erwartet. Dann probierte er es mit Autos, und ich spielte so gut wie möglich mit, damit wir ein Thema zum Reden hatten („Jaja, Mercedes ist auch meine Lieblingsmarke, klar...!“).

Am Flughafen setzte er mich ab, Handshake, ich ging hinein, gab meinen Koffer ab, ging durch die Sicherheitskontrolle, reihte mich in die laaange Schlange vor der Passkontrolle ein.

Nun sitze ich am Gate, es ist kurz vor halb acht, das Boarding geht gleich los. Und das war Südafrika.

Mein Fazit?
Die Zeit der Vorbereitung auf den Aufenthalt hier war scheiße, die erste Zeit im Land nicht besonders schön. Clanwilliam war ein erster Höhepunkt, danach ging es aufwärts, erst recht nach meinen anderthalb Wochen zu Hause Mitte/Ende September. Seit meiner Rückkehr wurde es stetig besser, mit dem November als fabelhaftem Abschluss.
Ein Glück, dass es nicht wie im ersten Monat geblieben ist, so hat es sich doch noch gelohnt. Ich habe viel gesehen und erlebt, ich habe viel gelernt, ich habe viele tolle Menschen kennengelernt, die mich hoffentlich noch lange begleiten werden (mit Fernfreundschaften kenne ich mich ja mittlerweile schon aus). Und letztlich kann ich auch die negativen Erfahrungen, die ich in Südafrika gemacht habe, als wertvoll verbuchen. Nicht schön vielleicht, aber lehrreich. Was will man mehr?

Und damit kommt dieser Blog zu einem Ende. Möglicherweise lade ich bald noch ein paar Fotos hoch, diejenigen von Charlotte und Henri von der Garden Route nämlich, sobald ich sie bekomme. Aber an und für sich ist dies der letzte reguläre Eintrag. Vier Monate minus ein paar Tage Heimaturlaub, das macht 112 Tage in Südafrika.

Sure man.

Freitag, 25. November 2016

Tag 111

Do, 24.11.16
Ein letztes Mal habe ich heute einen Tag bei Magnet verbracht, von kurz nach elf bis fünf war ich da. Zunächst habe ich das Margie-Video fertiggemacht. Nächste Woche bei der Premiere von „Kudu“ soll es gezeigt werden. Hier schon einmal ein exklusives Preview:

Um kurz nach drei ging dann der angekündigte tech run von „Kudu“ los. Zu meiner großen Freude spielten die Trainees sogar im Kostüm, das sie nämlich heute bekommen hatten. Jennie hatte mich vorgestern gefragt, ob ich Fotos machen könne; so mit voller Ausstattung und mit eingerichtetem Licht hat das viel Spaß gemacht.

Nach dem Durchlauf verabschiedete ich mich von Nwabisa und Themba (von beiden eher mit „bis bald“ als mit „tschüss“). Alle anderen sollte ich morgen früh noch einmal sehen, hoffe ich.
Auf dem Heimweg traf ich in der Station Rd Ex-Trainee Jason. Ich hatte zwar nie so richtig etwas mit ihm zu tun gehabt hatte, trotzdem wechselten wir aber ein paar Worte und sagten einander tschüss.

Um viertel vor acht wollten Ine und ich zum Baxter Theatre ubern. Ine meinte, Helen würde gern mitfahren, nicht ins Theater, aber mit demselben Uber. Wir warteten zehn, elf, zwölf Minuten auf sie, aber als sie dann nicht kam und das Uber schon vor der Tür stand, fuhren wir ohne sie. Von Helen kam den Abend über keine Reaktion mehr auf die Nachrichten, die Ine ihr geschickt hatte.

Im Baxter trafen wir uns mit Sinakho, wir hatten Karten für „Dead Yellow Sands“ gekauft. Die einstündige Inszenierung von und mit Graham Weir – alt, grau, langhaarig, langbärtig – hatte zwei Fleur du Cap Awards gewonnen, einen fürs beste Lichtdesign, einen für die beste One-Man-Show.
Zurecht: Weir saß die ganze Zeit über meist unbeweglich auf einem Stuhl auf der schwarzen, leeren Bühne, es war dunkel, nur sein Gesicht, seine Haare oder ab und zu sein ganz Körper waren eher schummrig beleuchtet. Es wirkte oft, als würde nur sein Kopf im Dunkel schweben, sonst sah man nichts. Er erzählte eine Geschichte, die offenbar teilweise auf seiner eigenen Biographie basierte, bzw. waren es verschiedene, in unterschiedlichen Akzenten vorgetragene Episoden, die das lyrische Ich recht bald von seinem Geburtsort ins Krankenhaus und schließlich in den Alterstod führten. Ich hatte zu Beginn noch das Gefühl (und interessanterweise machte Ine in allen Punkten die gleiche Erfahrung), ich würde mich nicht auf die Aufführung einlassen können, weil ich ihn ab und zu nicht verstand, oder weil die Form mich ablenkte, oder weil ich unkonzentriert war, oder aus welchem Grund auch immer. Nach zwei, drei Episoden verflog dieser Effekt aber zum Glück und ich konnte der Aufführung nicht nur folgen, sondern sie sogar genießen.

Nach der Show gingen Sinakho, Ine und ich ein Stück die Main Rd hinunter zu einem sehr schmucken Café namens Cocoa Wah Wah. Wir bestellten Getränke und Essen (ich: sehr leckeren Apfel-Erdbeer-Crush und Chicken Wings) und ließen den Abend bei guten Gesprächen ausklingen.

Gegen elf trennte sich Sinakho von Ine und mir und wir fuhren zu unseren jeweiligen Wohnungen. Wieder in der Station Rd fing ich an zu packen und schrieb auch endlich ein paar Postkarten. Bisher habe ich erst eine verschickt, jetzt kurz vor knapp kommen noch ein paar dazu.