Samstag, 27. August 2016

Tag 32

Sa, 27.08.16
Ich habe mir heute im Vintage Store neben dem Café Ganesh einen weißen Hut mit grünem Band gekauft, der mich in Clanwilliam vor einem Sonnenstich bewahren soll. 120 ZAR (ca. 7,50 EUR) hat er gekostet. Ich hatte mir zwar gestern einen Hut aus der Magnet-Kostümkammer mitgenommen, aber der passt nicht richtig und sitzt unsicher auf meinem Kopf. Deshalb jetzt der neue.

Morgen Mittag geht es los. Ich weiß nicht, ob ich in der nächsten Woche dazu komme, den Blog hier regelmäßig weiterzuführen. Ich werde aber natürlich mein Bestes geben.

Hier noch der offizielle Clanwilliam-Text von der Magnet-Homepage:
  • The Clanwilliam Arts Project is in its 16th year. It is an annual project co-ordinated by Magnet Theatre and includes student facilitators from UCT Drama School, Michaelis School of Art, UCT Music School, ComNet and other independent practitioners who all use the project as a site for community arts training. Workshops in art, drama, dance, lantern making, storytelling, drumming, stilt walking and fire performance are run with 700 learners from the schools in Clanwillliam over the period of a week in early September. The project culminates in a lantern parade and performance of a /Xam narrative (chosen from the Bleek and LLoyd collection) by the children and the facilitators and is attended by between 2 500 and 3000 audience from the town. (http://magnettheatre.co.za/project/clanwilliam-arts-project/)

Tag 31

Fr, 26.08.16
Heute Morgen habe ich am Narrativ fürs Video gearbeitet und, als ich damit fertig war, den Text an Jennie und Margie geschickt. Vom anschließenden Videoschnipsel-Schneiden hat mich für eine Weile Themba erlöst, der nach Begleitung suchte für eine Fahrt quer durch die Stadt, um verschiedene Sachen abzuholen. Zukisani kam ebenfalls mit auf unsere dreistündige Tour mit dem Magnet-Minibus.
Unser erster Stopp war Marks und Jennies Haus. Dort empfing uns neben einem großen, sehr alten Hund auch eine runde schwarze Frau mittleren Alters. Ich fragte Themba anschließend, was genau diese Dame so tue. Themba und Zuks suchten nach dem richtigen Begriff, „Auntie“ sei wohl als Bezeichnung verbreitet, eine Art Haushaltshilfe sei sie, nicht unähnlich unserem Justin, schätze ich. Beide äußerten aber Unbehagen angesichts der offenbar gängigen Praxis, so jemanden anzustellen. Ein Relikt aus Apartheid-Zeiten wohl, zu einem gewissen Grad.

Weiter ging es zum Hiddingh Campus, Requisiten für Jennies anstehende Show abholen. Die zwei folgenden Stopps: Eine Tankstelle (Bezahlung bei Tankstellen-Mitarbeitern direkt am Autofenster) und ein ausgesprochen ansprechender Laden für Bürobedarf. Bei letzterem holten wir Papier und Farben für Clanwilliam ab. Weiter zu einer Firma, die unter anderem Elektrogeräte (Mikrofone, Boxen) verleiht. Und dann zu einem Lagerraum, den Magnet für Requisiten fertiger Shows gemietet hat. Der Minibus war zu diesem Zeitpunkt bereits ziemlich voll; wir mussten ein wenig umschichten, bevor wir vier Rollen extrem schwerer Rollen Bühnenbodenbelag in den Bus hieven konnten.

Dann zurück zu Magnet, es war mittlerweile 14 Uhr, und alles wieder ausladen (die Rollen mit dem Bodenbelag trugen wir etwas später auf die Bühne, und das diesmal zu viert, Lwando half, und trotzdem waren sie noch enorm schwer). Die Pizza vom Vorabend hatte mir unterdessen sowohl als Frühstück als auch als Mittagessen gute Dienste geleistet.
Die Stimmung am Theater war bei unserer Rückkehr etwas seltsam: Jennie war gerade dabei, eine Art Gardinenpredigt-Krisengespräch mit vieren der Trainees (Meagan, Beviol, Zizipho, Lwando) zu führen, die anderen waren nicht da. Thema des Gesprächs: Zuspätkommen und Garnichtkommen, anscheinend ein Problem bei den angehenden Theaterschaffenden. Auch Margie war noch immer im Büro, obwohl wir uns eigentlich schon drei Stunden zuvor „bis nach Clanwilliam“ gesagt hatten. Sie führte ein ernstes Telefonat mit Natasha darüber, dass die Trainees am Vortag früher vom Clanwilliam-Vorbereitungskurs weggegangen waren und darüber, dass Natasha heute nicht am Theater war. Dabei erfuhr ich, dass die Trainees für unentschuldigte Abwesenheit als Strafe ein Bußgeld bezahlen müssen. Anders gehe es nicht, erklärte Margie mir. Auf diese Weise werde probiert, den Trainees Pflichtbewusstsein anzuerziehen, damit sie im späteren Arbeitsleben nicht wegen so etwas gefeuert würden.

Ich schnitt weiter Videoclips. Später eröffnete mir Jennie, die meinen Narrativ-Vorschlag mittlerweile gelesen hatte, dass dieser ihr gut gefalle, und ich die Clips doch einmal zusammensetzen solle. Das tat ich dann auch, nachdem ich sie alle geschnitten hatte, und wurde tatsächlich, Meghan war gerade im Begriff zu gehen, eine Viertelstunde vor Feierabend fertig. Ist noch sehr unfertig, das Ganze, aber sieht jetzt schon gut aus, ich bin zufrieden. Mit diesem funktionierenden Zwischenstand kann ich bauchschmerzlos nach Clanwilliam gehen und das Video dort fertigstellen.
Ich half Themba noch, den Trailer (nicht Video, sondern Anhänger), den wir zuvor ins Foyer gezogen hatten, zu beladen (finaler Inventur-Stand: 78 Posten), bevor ich nach einem warmen (bis zu 27 Grad) und durchaus erschöpfenden Tag in den Feierabend und ins verkürzte Wochenende startete.

Nächste Woche ist spring break von der Uni. Angélique ist daher heute morgen aufgebrochen zu einem Trip auf die sogenannte Garden Route, die mir gestern schon Clement empfohlen hatte. Ine startet morgen früh mit einer Reisegruppe auf eine einwöchige Tour durch Namibia. Und da ich Sonntagmittag ebenfalls losziehe (-mittag und nicht -vormittag, wie ursprünglich geplant, da ich nun mit Jennie mitfahre, die später losfährt, weil Jennie Meghan, die eigentlich mit ihr mitfahren sollte, nicht in ihrem Auto haben möchte, weil Meghan noch immer stark erkältet ist, und Meghan daher meinen Platz im Magnet-Minibus bei Themba und den Trainees einnimmt), wird das Haus rund eine Woche lang leerstehen. (Und damit das keine südafrikanischen Einbrecherbanden lesen, verzichte ich an dieser Stelle bewusst auf die isiXhosa-Übersetzung.)

Ach ja: Ich habe mir heute Zahlen gemerkt, die Themba von sich gegeben hat. In Clanwilliam werden wir 48 es mit rund 700 Kindern und Jugendlichen zu tun haben. Bei der Abschlussveranstaltung am Samstagabend werden offiziellen Angaben nach 2000-3000 Menschen erwartet, es wären aber wahrscheinlich eher 1500-2000 dort.

Und noch mal ach ja: In Südafrika kann man sich, wenn man das nötige Kleingeld hat, persönliche Nummernschilder ausstellen lassen. Heute habe ich zum Beispiel „BAKER 42-WP“ und „MOTION-WP“ gesehen (WP = Western Cape Province).

Freitag, 26. August 2016

Tag 30

Do, 25.08.16
Der heutige Donnerstag begann wie der letzte, nämlich mit einem Warm-up von Sarah im Noah-Stil. Selbe Verrenkungen wie letzte Woche: happy cow, tremor finden, fluffy sounds und so weiter. Meghan war nicht dabei, sie hatte sich krank gemeldet und blieb den Tag über zu Hause.
Nach dem Warm-up ging ich für rund eine halbe Stunde ins Büro, bevor um zehn die Trainees inkl. Nwabisa, Lwanda, Honey und Zukisani das aufführten, was sie letzte Woche geprobt hatteen. Dafür kamen sogar einige Extragäste dazu, nämlich eine Lehrerin und ein Lehrer der Trainees (Schauspielunterricht?) sowie zwei ehemalige Trainees (?). Aufgeführt wurden kurze Kombinationsszenen bestehend aus je einer Action-Geschichte, einer Werbung und noch irgendetwas. Das Publikum saß eng beieinander auf der Bühne auf dem Boden, Augen geschlossen, während die jeweiligen Kleingruppen der Trainees ihre Geschichtchen rein stimmlich inszenierten und mit Effekten versahen. Viel davon war auf isiXhosa, glaube ich, ich habe von den Textpassagen jedenfalls wenig verstanden. 
Hinterher gab es eine Runde konstruktive Kritik, mit der insbesondere Jennie, aber auch die anderen Lehrkräfte nicht sparten. Ist ja keine Applaus-und-Lächel-Veranstaltung hier, sondern Unterricht, bei dem etwas gelernt werden soll.

Am Schluss sangen wir Nwabisa, die heute Geburtstag hat, ein Ständchen. Es gab sogar Kuchen und eine südafrikanische Süßigkeit. Letztere hätte ich beschrieben als krosses, extrem fettiges Gebäck, das aussieht wie Karamell, aber irgendetwas anderes sein muss. Es wirkt frittiert, ist feucht und innen flüssig-Honig-fettig. Ich habe später erfolgreich den Namen der Süßigkeit ergooglet, und meine Analyse war gar nicht so weit ab vom Schuss. Zitat Wikipedia:
  • „Koeksister, auch Koeksuster, ist ein zu einem Zopf geflochtenes, frittiertes Gebäck, das nach dem Ausbacken durch einen speziellen Sirup gezogen und getrocknet wird. Wort und Rezept sind burischen Ursprungs und in Südafrika sehr verbreitet. Koeksister leitet sich ab von Afrikaans oder Niederländisch "koek" (= Kuchen) und von sissen (= frittieren). Ein Koeksister wird als süßes Dessert oder einfach zwischendurch verzehrt.“
 

Danach habe ich mich wieder der Vorbereitung auf unser Crowdfunding-Video gewidmet. Ich habe einen guten Teil eines möglichen narrativen Ablaufs zusammengepuzzelt und hoffe, morgen mit der ersten (Text-)Version fertigzuwerden. Wir haben außerdem die Clanwilliam-Gerätschaften fertig inventuriert, wenngleich auch bis nachmittags nicht verladen bekommen, da der Truck Verspätung hatte, weil in der internen Kommunikation in dem Truck-Unternehmen etwas schiefgelaufen war.
Um zwei fuhr Themba uns wieder im Magnet-Minibus zum Hiddingh Campus zu unserer nächsten/meiner zweiten und letzten Clanwilliam-Vorbereitungs-Sitzung. Wieder mit Lavona, wieder im Freien auf dem Parkplatz zwischen den Unigebäuden, wieder mit den Drama Students. Wir spielten wieder ein paar Spiele, die wir potentiell mit den Kindern in Clanwilliam spielen können, z.B. Verstecken, aber auch ein „Spiel“, mit dem ich mich nicht so richtig anfreunden konnte: „Help“ haben wir es genannt, und es bestand daraus, dass sich alle auf den Boden werfen und laut und theatralisch um Hilfe rufen. Als Reaktion auf mein Nichtsoglücklichsein darüber meinte Mariana, man könne ja das Wort ersetzen. Vielleicht durch roly poly? Gut, ist womöglich nicht das beste Wort zum Schreien, aber meine Kritik scheint angekommen zu sein.

Die Magnet-Trainees mussten um halb vier weg. Ich wollte mich auch auf den Weg machen, habe mich dann aber noch kurz mit Lavona unterhalten, unter anderem darüber, dass Afrikaans für mich eine Mischung aus witzig und teils unverständlich ist. So hat Lavona herausgefunden, dass ich nicht aus den Niederlanden, sondern aus Deutschland komme, was sie aber direkt klasse fand. Ob ich den Drama Students nicht ein paar deutsche Lieder beibringen könne, die wir mit den Kindern singen können? Eine fremde Sprache würde die Kinder sofort faszinieren. Ja, wieso nicht, sagte ich, und blieb. Nach einer halbstündigen Pause hatte Mariana eine Probe-Unterrichtseinheit, wir Übrigen haben wieder die Kindern gespielt. Und danach haben wir „Auf der Mauer, auf der Lauer“ probiert, was jedoch mit dem Buchstaben-Weglassen zu kompliziert war. „Drei Chinesen mit dem Kontrabass“ quittierten alle mit großen Augen und Lavona meinte, dass einfache Kindergarten-Lieder vielleicht besser wären, woraufhin ich meinte, dass das ein einfaches Kindergarten-Lied sei, woraufhin alle erneut große Augen machten. Sehr glücklich waren sie dann aber mit „Der Hahn ist tot“ auf Deutsch, Englisch, Niederländisch/Afrikaans, Französisch, und ich könne doch auch gerne eine Liste mit Strophen in noch anderen Sprachen vorbereiten.
Ich freue mich schon auf Clanwilliam. Auch, da mit den Drama Students sofort diese unverwechselbare TheWi-Stimmung herrscht – ein offenbar globales Phänomen. Egal ob Erlangen, Amsterdam oder Kapstadt, TheWis sind einfach überall TheWis.

Im Anschluss an den Kurs, 17:45 Uhr war es mittlerweile, bin ich zum Glück dem Minibus-Taxi entkommen, das zu nehmen Themba vorgeschlagen hatte, da er uns/mich heute nicht nach Hause fahren konnte. Auch den Jammie musste ich nicht nehmen. Denn Clement, einer der Drama Students, wohnt ebenfalls in Obz und erklärte sich freundlicherweise bereit, mich im Auto mitzunehmen. Wir warteten noch zwanzig Minuten, damit der größte Schwall Feierabendverkehr vorüber war, bevor wir zum Parkplatz gingen. Dort sammelten wir noch zwei Freunde von Clement auf, die ebenfalls mitkamen. Der Verkehr stellte sich als für Kapstädter Verhältnisse tatsächlich erstaunlich flüssig heraus. Auf halbem Weg jedoch kamen wir an einer Polizeikontrolle vorbei, die gerade mit einigen anderen Autos beschäftigt war. Angehalten haben sie uns nicht. Aber Clement freute sich plötzlich erstaunlich überschwänglich, nämlich genau über die Tatsache, dass sie uns nicht anhielten: „Whooaaa, we would have been so fucked!“ Wieso das, kam es vom Rücksitz. Weil du high bist? Nein, Clements Antwort. Weil ich keinen Führerschein habe. Er könne aber fahren, er fahre seit zwei Jahren. Das Auto habe er seit drei Wochen. Bekommen habe er es von seiner Mutter. Seiner Polizisten-Mutter. Seiner Verkehrspolizisten-Mutter. Ja. Also. Willkommen in Südafrika.

Trotz mangelndem Führerschein fuhr Clement gut und sicher. Immerhin. Er hat mir sogar noch dringend davon abgeraten, jemals in ein Minibus-Taxi zu steigen, da die wie die Bescheuerten fahren. Er klang dabei wesentlich mehr wie Margie als wie Meghan und Ine. Südafrikanerinnen und Südafrikaner warnen mich vor den Taxen, Internationale finden sie okay. Ich weiß nicht recht, was ich davon halten soll.

Zu Hause machte ich mir gut und reichlich Abendessen, nur um beim Spülen von Ine gefragt zu werden, ob ich gleich mitkommen wolle, etwas essen und trinken. Ich habe mich trotz Bauchvollheit meinen Mitbewohnerinnen und Sandro sowie einigen von deren internationalen Freunden angeschlossen. Gelandet sind wir bei Fernando's, einer Pizzeria direkt gegenüber von Magnet. Ich bestellte einen Milkshake, sehr lecker, und nach langem Ringen mit mir selbst auch eine Pizza („French Prince“: Camembert, Cranberries, Bacon), da diese dort ausgezeichnet sein soll. Meine Pizza war dann zwar nicht schlecht, aber auch nicht überwältigend, wobei ich nicht sicher bin, ob das an der Pizza oder an meinem fehlenden Hunger lag. Ich werde den Rest morgen essen und dann über eine Neubewertung nachdenken. Unabhängig von den kulinarischen Geschichten habe ich mich aber gut unterhalten, u.a. mit Priya (Schweiz, indische Wurzeln) Michelle (USA, chinesische Wurzeln) und meinen Roomies.
 

Fazit des Tages: Donnerstage haben in letzter Zeit die Tendenz, besonders lange, ereignis- und abwechslungsreiche Tage zu sein. Schön.

Mittwoch, 24. August 2016

Tag 29

Mi, 24.08.16
Heute haben wir die letzten zwei Ekhaya-Teilnehmerinnen interviewt, Nolufefe (Performerin) und Koleka (Regisseurin). Ich habe auch schon alle Interviews transkribiert, das heißt, ich kann jetzt endlich richtig beginnen mit der Arbeit an unserem Video. Wir wollten eigentlich Freitag mit der Kampagne online gehen, das klappt aber zeitlich nicht mehr. Der neue Zeitplan sieht als Veröffentlichungstag den 05.09. vor. Damit das klappt, meinte Jennie, könne ich mir auch nächste Woche in Clanwilliam ruhig pro Tag ein, zwei Stunden Zeit nehmen, um an dem Video zu arbeiten.
Außerdem soll ich in Clanwilliam, da Nwabisa und Lwanda ja nun nicht mehr mitkommen werden, die sozialen Netzwerke unterhalten, bzw. nur Facebook, aber immerhin. Heißt, ich soll ab und zu mal ein Foto hochladen, damit die Welt sieht, was wir Tolles machen. Dafür hat Margie mich sogar zu einem der Administratoren der Magnet-Facebookseite ernannt (was mich zugegebenermaßen ein bisschen nervös macht, da ja bekanntlich aus großer Macht große Verantwortung folgt).
Margie (von einigen der Trainees und Ex-Trainees übrigens liebevoll „Mama“ genannt) hat heute zudem allen im Büro eine Art Schokokuchen-Pralinen-Lolli mit Goldglitzer mitgebracht; Meghan war stark verschnupft-krank und ist deswegen früher gegangen; und mit Themba und Honey habe ich nachmittags die Inventur beendet. Wir haben jetzt eine hübsche Excel-Tabelle mit 50 notierten Posten, die alle ihre Nummer-auf-Klebeband-markierte Entsprechung im Magnet-Foyer finden. Das heißt, morgen kann verladen werden. Clanwilliam rückt näher.

Übrigens: Heute vor einem Monat bin ich in Kapstadt angekommen.

Dienstag, 23. August 2016

Tag 28

Di, 23.08.16
Heute bin ich von iMovie zu Final Cut Pro gewechselt für die Videobearbeitung und ich bin sehr zufrieden. Mit Honey und Zuks habe ich große und kleine Dinge aus Holz und Metall herumgetragen, vom Theater in den Lagerraum und vom Lagerraum ins Theaterfoyer. In der Mittagspause habe ich verschleppte Nachrichten beantwortet, viele davon. Ein Elektromensch hat das Licht im Büro repariert, wir sitzen nicht mehr im Dunkeln. Meghan und ich haben Jennie interviewt, mit Themba und Honey habe ich weiter Inventur gemacht.
Grundsätzlich bin ich ein wenig erstaunt, dass sich die 9-bis-17-Uhr-Tage gar nicht unbedingt wie solche anfühlen, sondern eher kürzer. Andererseits fällt mir doch auf, dass die Zeit, in der ich Zeit habe für andere Sachen, also abends, relativ gering ist Tag für Tag. In der Hinsicht macht sich der volle Werktag also durchaus bemerkbar.


Ach ja: Meghan bemerkte heute, dass einige Leute, Margie z.B., wenn sie etwas auf Afrikaans sagen, klingen, als würden sie Niederländisch mit starkem russischem Akzent sprechen. Da ist in der Tat was dran. Wobei es wirklich erstaunlich ist, wie stark es auf die jeweils sprechende Person drauf ankommt: Meagan z.B. klingt eher, als würde sie lustiges, irgendwie falsches Holländisch reden.

Montag, 22. August 2016

Tag 27

Mo, 22.08.16
Heute Morgen trafen wir uns zunächst zur allmontagmorgendlichen (wenngleich unserer ersten) Gruppenmeditation auf der Bühne, Luathando leitete die Wir-liegen-auf-dem-Boden-und-entspannen-uns-Übung. Davor jedoch richtete Margie das Wort mit einem wake-up call for vigilance an alle. Freitagabend sei ein MacBook aus dem Büro gestohlen worden. Der Dieb hatte es ausgenutzt, dass die externe Gruppe, die eine Aufführung im Theater hatte, dachte, er wäre ein Magnet-Trainee, und die Magnet-Leute dachten, er wäre Teil der aufführenden Gruppe. Er sei mehrere Stunden lang anwesend gewesen, bevor er während der Performance ins Büro geschlichen und den Laptop entwendet habe. Sehr ärgerlich. Darum: Wachsamkeit!

Im Büro war es kalt, wenn auch nicht so kalt wie in der Lobby, da sich das Büro direkt unter dem Dach befindet und dort zeitweise sogar ein Heizlüfter heizlüftete. Außerdem war es dunkel dort oben: Die meisten Lampen funktionierten nicht. Und irgendwann fiel das Internet aus. Ich schnitt derweil Videoclips, und Meghan und ich schauten eine Videoaufzeichnung von Ekhaya an, die Show, für die wir crowdfunden. Und dann saßen wir ein bisschen unnütz herum, es gab nichts für uns zu tun, bis Jennie mit uns das Crowdfunding durchsprach und Kritik anbrachte.

Anschließend saß ich wieder ein bisschen herum, bis Themba mit mir die Soundanlage für Clanwilliam testete, er erklärte mir aktive und passive Lautsprecher und solcherlei Dinge. Dann fingen wir mit der Inventur für Clanwilliam an: Alles, was dort benötigt wird, muss rausgesucht, markiert und aufgelistet werden. Und bald eingepackt, der Truck kommt Donnerstag. Sonntagmorgen fahren wir los; bis dahin gibt es noch einiges zu tun.

Wir werden übrigens „nur noch“ 48 Personen sein, die fahren. Wir waren wegen eines Rechenfehlers tatächlich 50, was tiefe Unruhe an der Grenze zur Panik bei Jennie auslöste. Nwabisa und Lwanda haben sich jedoch bereit erklärt, nicht mehr mitzukommen, das komme ihnen ganz gelegen. Daher Entwarnung.

Sonntag, 21. August 2016

Die Tage 25 und 26

Sa, 20.08.16
Viel gelesen, Podcasts gehört, Dinge gelernt, eine Weile die Nebenjoblage in Erlangen durchleuchtet. Ein angenehmer Tag, aber nichts groß Berichtenswertes.

So, 21.08.16
Ein Tag nicht unähnlich dem gestrigen, mit dem Unterschied, dass ich mittags damit beschäftigt war, Ines Zimmer vor der völligen Überschwemmung zu retten. Ihre Türen zum Innenhof sind anscheinend nicht dicht genug, um Wasser, das vom Dach herunter- und über die Scheiben läuft, davon abzuhalten, nach innen zu spritzen. Da Ine nicht zu Hause war und ich den Schlamassel durch ihre offene Zimmertür gesehen habe, habe ich Katastrophenhilfe geleistet, inkl. MacGyver-Einsatz eines Handtuchs, das das Wasser draußen umleitete.

Freitag, 19. August 2016

Tag 24

Fr, 19.08.16
Heute war ein unaufgeregter Bürotag. Morgens hatten wir (Margie, Meghan, Zukisani und ich) eine Art Lagebesprechung: alles wunderbar. Von Margie habe ich mir, als ich, bevor ich kurz am Magnet-Mac arbeiten wollte, die dreckige speckige Tastatur saubergemacht habe, ein „You are being German, Andreas!“ anhören müssen. Ich habe Fotos sortiert, wir haben Ekhaya-Performer Athenkosi interviewt und videoaufgenommen, ich habe Athenkosis und Jasons Interviews transkribiert. Ich habe lange nach authentischer frei nutzbarer südafrikanischer Musik für unseren Crowdfunding-Trailer gesucht, um am Schluss, als ich endlich ein gutes Stück gefunden hatte, festzustellen, dass ich wahrscheinlich doch keine Musik brauche. Ich habe einen kurzen Testausschnitt des Trailers erstellt und zufrieden festgestellt, dass das Video erstens gut werden könnte, und zweitens, dass ich in Sachen „worauf man bei einem gefilmten Interview achten muss“ doch einiges aus dem Medienwissenschafts-Studium behalten habe. Gegen Feierabend haben Meghan und ich noch Lwanda zugehört, der eine seiner (wie so oft etwas kruden) Lebensweisheiten preisgab, diesmal zum Thema Kinderkriegen und Beziehungen. Lwanda, 28 Jahre, hat mit Beviol, 21 oder 22, einen einjährigen Sohn, wie ich bei der Gelegenheit erfahren habe. Zizipho hat auch schon ein Kind, Luthando ebenfalls. Was in westeuropäischen Augen eher früh wirkt, ist hier offenbar gar nicht so unnormal. Und damit: Wochenende.

Bzw. hier noch das Lied, das ich nun wohl doch nicht verwenden werde. Lwanda zufolge ist es ein sehr bekanntes Lied, das hier gern zu verschiedenen Gelegenheiten gesungen wird, und das sich nach home anfühlt:
https://archive.org/details/Shoshaloza

Tag 23

Do, 18.08.16
Puh, was für ein Tag. Lang und voll und abwechslungsreich.
Er begann um neun Uhr. Meghan und ich nahmen erstmals an einer der Unterrichtseinheiten der Magnet-Trainees teil. Jeden Tag wird von neun bis halb elf etwas anderes gemacht, zum Beispiel Schauspiel, Gesang oder Tanz. Heute war die Stimme dran, eine voice class. Gehalten wurde die Stunde von Sara Matchett, Mitte 50, aus Kapstadt, die, wie sie erzählte, eine Freundin von Sruti ist und jüngst ihre Doktorarbeit eingereicht hat. Sarah forderte uns auf, uns auf den Boden zu legen, und erklärte uns, dass das, was wir nun machen würden, sogenannte Fitzmorris Voice Work sei – also exakt das, was ich seinerzeit in Kanada in Voice I gemacht habe. Die Yoga-artigen Übungen, die wir daraufhin machten, waren folgerichtig auch genau die, die ich aus Kanada kenne, bis hin zur Terminologie, „fluffy sounds“ zum Beispiel. Ich lag also in wilden Verrenkungen in Kapstadt auf dem Boden und fühlte mich, als wäre ich wieder in Montreal.
In der zweiten Hälfte der Stunde probten die Trainees etwas und führten es am Schluss auf, weshalb Meghan und ich nur zugucken konnten und ich Zeit hatte, mich mit Sara zu unterhalten. Da ich zu Beginn schon freudig angemerkt hatte, dass ich mit dem Fitzmorris-Ansatz vertraut bin, fragte Sara mich, wie das denn komme, wo ich Fitzmorris Voice Work gemacht habe. In Montreal, meinte ich, an der Concordia University. „Oh, so you worked with Noah?“ Hallo, kleine Welt.

Es folgten zwei Stunden Arbeit im Büro am Fundraising-Text und an meinem Vorschlag für eine Magnet-Wiki (den ich an Margie schickte, woraufhin sie später, als ich gerade draußen stand, extra raus- und zu mir kam, „That is a fabulous proposal, Andreas, thank you very much“ sagte, sich umdrehte und wieder hineinging).
Um 12:30 Uhr kamen wir für ein Staff Meeting an unserem Bürotisch zusammen, Jennie leitete die Runde. Wir (neben Jennie noch Margie, Jenny H., Themba, Nolan, Yonela, Zukisani, Honey, Meghan und ich) besprachen allerlei Dinge bzw. klärten einander über Entwicklungen, Probleme und To-Do-Angelegenheiten auf. So erzählte z.B. Nolan von seiner Arbeit in den Farmland Schools und Yolanda von den Culture Gangs, es wurde über Funding und sogar kurz über unsere Praktikanten-Arbeit geredet. Was Jennie außerdem am Herzen lag, war, dass Magnet-Angehörige sich keinesfalls in Gefahr begeben sollen (so geschehen nach eigener Aussage neulich von Maggi, ebenfalls mit den Culture Gangs in den Townships beschäftigt). Und Margie schlug vor, dass ich in Clanwilliam doch auch Fotos machen könne, was alle, inklusive meiner selbst, für eine ausgezeichnete Idee hielten. (Apropos: Ein Foto, das ich von dem Meeting mit meinem Handy aufgenommen habe, habe ich später allem Anschein nach versehentlich gelöscht, als ich wegen zu geringem Speicherplatz Dinge vom Handy gelöscht habe.)

Um 13:45 Uhr stiegen alle Trainees, Meghan und ich in den Magnet-Kleinbus (Stimmung wie auf Klassenfahrt), damit Themba uns zum Hiddingh Campus fahren konnte. Dort hatten wir ab 14:15 Uhr eine Clanwilliam-Trainingseinheit im Freien, geleitet von UCT-Drama-Department-Dozentin Lavona. Die Gruppe bestand aus Studentinnen und Studenten vom Drama Department, vom Dance Department sowie aus Magnet-Angehörigen. Zunächst wurden diejenigen, die noch bei keinem dieser Treffen zugegen gewesen waren, mit der Geschichte vertraut gemacht, die den Mittelpunkt des anstehenden Clanwilliam-Festivals bildet: „Mantis and the Cat Skins“ wurde die Geschichte getauft, die aus einer Geschichtensammlung eines mittlerweile nicht mehr existenten Volks oder einer verlorenen Kultur oder zumindest aus einer Sprache kommt, die es nicht mehr gibt, irgendwie so in der Art („Xham“, mit Klick, wenn ich Jennie richtig verstanden habe).
In der Geschichte kesselt ein Charakter, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnere (irgendwo in dem Namen kommt „Cha-u-a“ vor, ch wie in Bach), mit Feuer Katzen ein, tritt dann dank eines magischen Spruchs, an den ich mich ebenfalls nicht mehr erinnere, unverletzt durch das Feuer, tötet die Katzen und zieht ihnen das Fell ab. Er bringt den Zauberspruch einem zweiten Charakter bei (natürlich ebenfalls mit kompliziertem, nicht mehr erinnerbarem Namen), der bald mehr Geld mit Katzenfellen macht als Charakter 1, weshalb dieser den zweiten zu Abgaben zwingen will. Auf ein Nein hin entzieht C1 C2 die Magie, was letzterer ersterem aber nicht glaubt. C2 tritt erneut durch das Feuer und fängt zu brennen an. Irgendetwas (Vögel? ein magischer Mantel? je nach Version) rettet C2, indem es ihn in einen Bach schmeißt. C2 ist durch das Feuer ein alter, zerbrechlicher Mann geworden, weshalb seine Enkel ihn fragen, was denn passiert sei, und dann auf seine Antwort hin weiter, wie es denn angehen könne, dass Enkelkinder ihrem Großvater erzählen müssen, wie man sich zu verhalten hat, nämlich dass man teilen muss.
So weit, so grausam. Und nichtsdestotrotz das Thema des ganzen Festivals, um das sich alles drehen wird. Meagan und Zizipho (beide von Magnet) sowie Venus (Tänzerin) haben Lwanda (Magnet) und mir die Geschichte ein paar Mal erzählt und vorgespielt, bevor wir improvisatorisch eingestiegen sind.

Nach anderthalb Stunden haben wir eine Pause gemacht, bevor es um 16:15 Uhr weiterging. Da das Festival in Clanwilliam hauptsächlich für Kinder veranstaltet wird, müssen verschiedene Aktionen entwickelt werden, um die Kleinen bei der Stange zu halten. In kleinen Gruppen haben wir uns für verschiedene Altersklassen und Gruppengrößen Aktivitäten überlegt. Nwabisa (Magnet), Mariana (Drama), Venus, Lwando (Magnet) und ich haben uns den Drei- bis Fünfjährigen angenommen und eine Reihe an Kinderliedern und -spielen aufgelistet. Lehrerin Velona meinte, diese jüngste Alterskategorie sei die schwierigste, da sie konstant beschäftigt werden müssen, sonst sind seien mit der Aufmerksamkeit und im Effekt auch körperlich sofort woanders. Das kann bei 20 bis 40 kleinen Kindern schnell kritisch werden.
Besonders spannend wird das Ganze übrigens dadurch, dass die Kinder in Clanwilliam hauptsächlich Afrikaans sprechen. Auch bei unserem Treffen heute wurde zu großen Teilen Afrikaans gesprochen, man wollte ja die Realität simulieren. Je nach Sprecher und Sprechgeschwindigkeit verstehe ich zwischen 30 und 70 Prozent des Gesagten, würde ich schätzen. Mit Niederländisch werde ich, wurde mir gesagt, auch als aktiver Gesprächspart relativ weit kommen, wenn ich langsam spreche. Insgesamt muss ich einfach hoffen, dass die Kinder ein bisschen Englisch verstehen (was die älteren wohl tun, teils sprechen sie es auch) und dass ich von ihrem Afrikaans möglichst viel begreife. Ich habe es immerhin noch besser als einige (wenige) andere, z.B. Lwanda, der mit Afrikaans gar nichts anfangen kann.

Am Ende des Vorbereitungstreffens hat eine der Gruppen eine Art Sprechchor-Kreis gebildet, dem sich nach und nach alle anderen angeschlossen haben. Unter Anleitung von immer wieder wechselnden Personen haben wir Sing-und-Rhythmus-Klatsch-und-Bewegungs-Spiele gespielt mit Texten wie „I went to the river / I went to the river / And I saw those chickens / And I took those chickens / And I hanged them on a line“, „One day, one day / One day, one day / My mama said / My mama said / (Name), cook me some porridge / Using your (Körperteil) / Cook, cook, cook“, oder simpel und ergreifend „Hey boogie boogie bah“. War so witzig wie es klingt.
 

Um 18 Uhr haben wir uns dann abermals zusammengefunden, diesmal in einem Seminarraum, für ein Clanwilliam-Infotreffen, geleitet von Themba. Der Raum war voll; von sage und schreibe 49 Personen, die als Instructors nach Clanwilliam gehen, waren fast alle da. Dabei, neben den Leuten von zuvor, auch Musiker, Künstler, und eine Köchin. Neben dem Besprechen von praktischen Dingen wie Anfahrt, Verhaltensregeln, Schlafplätzen und ähnlichem wurde uns auch versichert, dass wir eine komplette Woche lang sehr lange Tage mit sehr viel zu tun haben werden. Trotzdem sind alle schon freudig-aufgeregt, insbesondere diejenigen, die schon mal in Clanwilliam waren - was durchaus ansteckend ist. Am 28. August wird es morgens losgehen. Bei einem der nächsten bzw. letzten Vorbereitungstreffen nächste Woche, dem am Donnerstag, werden wir wieder dabei sein, wenn ich das richtig verstanden habe.
 

Gegen sieben fuhr Themba (übrigens 31 Jahre alt) Meghan und mich dann nach Hause. Er meinte, er freue sich schon darauf, am Abend nicht mehr mit Leuten zu tun haben zu müssen, sondern sich einfach hinlegen und zum Beispiel etwas lesen zu können. Ja, war auch wirklich ein langer, voller und abwechslungsreicher Tag heute.

Ach ja: Mein Name scheint in Südafrika nicht gängig zu sein, ja regelrecht unbekannt. Ich muss ihn beim Vorstellen immer mal wieder ein zweites Mal sagen. Gestern erklärte irgendwer jemand anderem meinen Namen als „gewissermaßen die Pluralform von Andrea“.

Noch ein ach ja: Mir geht es besser, die Medizin schlägt an, die Wunden heilen und tun nicht mehr weh. Die Flecken an den Händen werden wohl noch eine Weile bleiben, aber so lange sie nicht mehr offen sind und jucken oder schmerzen, ist das zu verkraften.

Und zum Schluss noch ein Clanwilliam-Video von 2008 (seit 2001 existiert das Festival), das einen Eindruck davon vermittelt, was in etwa auf uns zukommen wird:

 

Mittwoch, 17. August 2016

Tag 22

Mi, 17.08.16
Kapstadt ist berühmt oder zumindest bekannt für seinen Wind; heute Morgen, als ich zum Jammie ging, blies er mir mit voller Wucht entgegen, streckenweise auch mit Sandbeilage, und auch den Rest des Tages über blieb es ziemlich stürmisch. Strahlend sonnenschön, aber eben sehr windig:
  • "Cape Doctor" (usually The Cape Doctor or "die Kaapse dokter" in Afrikaans) is the local name for the strong, often persistent and dry south-easterly wind that blows on the South African coast from spring to late summer (September to March in the southern hemisphere). It is known as the Cape Doctor because of a local belief that it clears Cape Town of pollution and 'pestilence'. Although the wind blows over a wide area of the Western Cape Province, it is notorious especially in and around the Cape Peninsula, where it can be unpleasantly strong and irritating. Capetonians also call it "the South-Easter".
 

Mit dem Jammie fuhr ich zum Upper Campus, denn dort hielt Jennie heute um neun Uhr früh einen 45-minütigen Vortrag über Magnet Theatre, vor einem Kurs, der sich offenbar aus dem Bachelorstudiengang Applied Theatre zusammensetzte. Die eigentliche Dozentin, Lektürekurs-Veronica, war auch da, und hat sich über Meghans und meine Anwesenheit gefreut.
Der interessante Vortrag hat einen Einblick erstens in den Arbeitsethos von Magnet und zweitens in Magnets vor ein paar Jahren initiierte und seitdem großgeschriebene Arbeit an Theater für Kinder zwischen drei und sieben Jahren gegeben. Die aktive Veränderung der südafrikanischen Gesellschaft zum Besseren, der selbst auferlegte Auftrag von Magnet, beginnt schon bei Kindern in solch jungen Jahren: Durch kreative Arbeit mit Kindern und Müttern gleichzeitig wird daran gearbeitet, in Südafrika offenbar nicht seltene schwierige Mutter-Kind-Bindungen zu verbessern. Dies geschieht mit dem Hintergedanken, dass in den „ersten tausend Tagen“ eines Kindes Forschungen zufolge wichtige Weichen für den späteren Charakter einer Person gestellt werden. Es läuft in etwa hinaus auf: je schlechter die Bindung eines Kleinkindes zu den Eltern, desto höher die Chance, dass das Kind später Probleme hat, z.B. mit Kriminalität. Hier setzt Magnet an, und voilà: applied theatre, angewandtes Theater.

Als wir auf den Jammie nach Obz warteten, kam Jennie im Auto vorbei und sammelte uns auf. Außerdem dabei: ihr Sohn, Fragezeichen, der ebenfalls in dem Kurs war, vor dem Jennie den Vortrag gehalten hat.
Bei Magnet habe ich mich über verschiedene Wiki-Softwares schlaugemacht, am Fundraising-Text weitergearbeitet, und mit Meghan für das Fundraising-Video Interviewpartner (die Performer in dem Projekt, „Ekhaya“, für das wir fundraisen) angeschrieben sowie einen davon (Jason) sogar schon interviewt. Unsere Fragen: Wo kommst du her und wie war es, dort aufzuwachsen? Wie hat die Arbeit mit Magnet dich verändert? Worum geht es in Ekhaya? Wie ist es, vor Kindern zu performen? Und wie fühlst du dich bei dem Gedanken, in Bologna auftreten zu dürfen? Diese Fragen werden wir auch den anderen hoffentlich noch Zusagenden stellen, um daraus ein Video zu basteln, das potentielle Geldgeber förmlich dazu zwingt, uns zu unterstützen. Bestimmt.

Apropos „wo kommst du her“: Lwanda ist aus Delft. Das ist aber leider weniger komisch, als es zunächst klingt:
  • Delft is a township on the outskirts of Cape Town, South Africa. It is notorious for its high crime rate, substandard schools, lack of jobs, and numerous government built housing projects such as the N2 Gateway.

Dienstag, 16. August 2016

Tag 21

Di, 16.08.16
Ich habe heute drei neue Freunde gefunden: Clamentin, Fucidin und Betadine. Nummer eins sind Penicillin-Tabletten, Nummer zwei ist eine antibiotikahaltige Salbe und Nummer drei ist ein desinfizierendes Mittel, das auch vor chirurgischen Eingriffen benutzt wird. Die sehr nette, sehr schnell sprechende Doktorin um die vierzig (Dr. Van Kets) hat mir die drei Medikamente verschrieben, um gegen eine Bakterienart vorzugehen, die ihrem fachkundigen Blick nach für meine Probleme verantwortlich ist und die ich ausdrücklich nicht googlen soll (weswegen ich mir den Namen gar nicht erst gemerkt habe). Mögliche Auslöser: Ich kann sie von meinen Mitbewohnerinnen und/oder von nassen Handtüchern haben, ich sei „colonized“ worden. Die Ärztin stellte mir jedoch in Aussicht, dass ich nicht mehr lange „wie ein Aussätziger“ herumlaufen müsse: Wenn es bis Freitag nicht deutlich besser geworden sei, solle ich noch mal wiederkommen – aber die Erfolgschance liege bei immerhin 90 Prozent. Schön.

Ich habe die Mittel sodann auch direkt in der Apotheke abgeholt. Der Apotheker mit ungefähr indischen Wurzeln war überaus freundlich und hat mich, genau wie die Ärztin, sofort beim Vornamen angesprochen. Zwei der drei Medikamente werden von meiner Versicherung übernommen, das Fucidin musste ich selbst bezahlen (90 Rand/ca. 6 Euro). 

Bei Magnet traf ich später zunächst auf Meghan und Lwanda. Der Lektürekurs war kurzfristig ausgefallen, daher war Meghan (die jetzt vermutlich auch mit dem Kurs aufhören wird) um kurz nach zwölf bereits da. Bevor wir uns irgendwie Arbeit suchten, hatte ich eine längere Diskussion mit Lwanda, der halb provokant, halb ernst die Ansicht vertrat, „racism“ sei nichts an sich Schlechtes. Ende der Geschichte: Er wollte nicht einsehen, dass wir über zwei verschiedene Dinge reden, und ich hatte mit meiner Gegenposition eindeutig recht. War trotzdem interessant.
Die Aufgaben, an denen Meghan und ich heute arbeiteten, waren relativ unspannende Dinge: Ich habe hauptsächlich Fotos sortiert und Videos konvertiert und hochgeladen, Meghan durfte einen von Jennie geschriebenen Text korrekturlesen. So plätscherte unser zweiter Büro(nachmit)tag dahin, mit Themba, Jennie und Jenny H., aber ohne Margie. ich will auf keinen Fall sagen, dass er langweilig war, aber ich freue mich schon auf die interessanteren Aufgaben, die hoffentlich bald kommen, allem voran Clanwilliam.

Montag, 15. August 2016

Die Tage 19 und 20

So, 14.08.
Heute wollte ich zu Chiminae, die zu Pizza und Kartenspielen eingeladen hatte. Dann habe ich erst abgesagt, weil ich mich nicht so besonders gefühlt habe, und dann bin ich doch hingegangen, um mal rauszukommen und nicht total zu versumpfen. In der Polo Road, nur fünf Minuten zu Fuß, fiel mir auf, dass auch Chims Haus, genau wie unseres und so viele andere in mindestens Obz, keine Türklingel hat. Ich rief also Meghan an, damit Chim mich reinlassen konnte.
Schon da waren bzw. im Laufe des Abends noch gekommen sind neben Meghan und Chim auch deren Freund Sebastian, die beiden Namibier Chris und Luke, Magnet-Techniker Themba und eine Freundin von diesem, Hanna, ein gewisser Sandy, eine Schwangere, deren Namen ich nicht verstand, und zwei, später drei große Hunde. Wir haben UNO gespielt (eine Runde, die in der großen Gruppe zu lange gedauert hat), Pizza bestellt (ich hatte eine eher ausgefallene mit Bananen, Bacon und Knoblauch) und später mehrere (ebenfalls zu lange) Runden Bullshit/Cheat gespielt – ein Spiel, bei dem es darum geht, dreist zu behaupten, man lege gerade verdeckt diese und jene Karte ab, bis man keine Karten mehr auf der Hand hat, während die anderen Mitspielenden einen der Lüge bezichtigen können. Danach tauchte noch eine Gitarre auf, was ganz nett war, aber musikalisch gesehen keine allzu saftigen Früchte zum Ergebnis hatte.

Gegen Mitternacht setzte Aufbruchstimmung ein. Ich wollte eigentlich die fünf Minuten zu Fuß nach Hause laufen. Ich meinte, ich müsse ja nur 50 Meter hoch zur Main Road, und dann knapp fünf Minuten gehen. Mir wurde allerdings sofort sehr eindringlich davon abgeraten, die Main Road zu nehmen (nachts auf keinen Fall). Laufen könne ich, aber nicht diesen und nicht jenen Weg, und, ach, wir bringen dich und nehmen die Hunde mit. Letztlich fuhr mich dann Themba im Auto rum, bevor er auch Meghan und Hanna nach Hause brachte. Natürlich erst, nachdem wir einander Ausraub-Geschichten erzählt hatten. Erneut. Das Thema war, nachdem ich nach meiner Ankunft meine vom Vortag erzählt hatte, den ganzen Abend über beliebt. Meghan sei schon einmal fast gekidnappt worden (in Mittelamerika), Chim für ein paar Stunden tatsächlich. Chris sei schon diverse Male ausgeraubt worden, mit Messern, mit einer Pistole und sogar einmal mit einer Machete. Hanna habe einmal auf die Aufforderung, ihr Handy zu überreichen, im Affekt mit „Ich will dir mein Handy aber nicht geben“ geantwortet (habe sie aber dann doch gemusst). Und Themba sei noch nie in Südafrika, dafür aber einmal im Simbabwe ausgeraubt worden, zusammen mit mehreren Freunden, von einer Gruppe, und das Ganze spektakulär mit Rennen und Rucksack-über-eine-Mauer-Werfen und allem. Dagegen habe ich dann doch eher das Sparprogramm gehabt, scheint mir. Die anderen meinten im Übrigen, dass Babyartikel als Raubgut beliebt seien, weil sie so teuer sind. Also wer weiß, ob mein Zahnloser tatsächlich ein Kind hat oder nicht. Naja. Nach kurzer Autofahrt (dank der vielen Einbahnstraßen länger als zu Fuß) kam ich um kurz nach zwölf sicher wieder zu Hause an. Und habe es mir erneut auf der Couch bequem gemacht.

Mo, 15.08.
Um halb acht am Montagmorgen kamen Theresa und Justin zur Tür herein. Theresa erklärte Angélique und mir, dass Häuser hier nicht wie europäische Häuser mit Heizung und guter Ventilation ausgestattet seien und wir deshalb die Fenster einen Spalt auflassen sollen, wenn wir gehen, damit die Feuchtigkeit entweichen kann. Inwieweit das bei den hohen Decken hier tatsächlich etwas bringt, wage ich zu bezweifeln, aber gut. Justin machte sich sodann ans Werk, meine Zimmerdecke a) zu schrubben, sie b) chemisch zu behandeln und sie c) zu streichen. Bevor er loslegte, machte ich mich allerdings bereits auf den Weg zum Arzt, um meine Blessuren begutachten zu lassen. Die Praxis von Dr. Roberts liegt unweit von unserer Adresse, ebenfalls in der Station Road. Die Dame am Empfang gab mir einen Termin für in einer Stunde, um zehn. Ich startete also für den Moment durch in Richtung Magnet. Dort führte Margie (ausgesprochen übrigens wie im Deutschen) Meghan und mich in die Aufgaben ein, die sie sich für uns ausgedacht hatte. Unsere primäre Aufgabe ist erst einmal, eine Crowdfunding-Kampagne für ein Gastspiel in Bologna im Februar 2017 zu organisieren. Das heißt, wir managen eine Indiegogo-Seite. Redaktionelle Online-Arbeit. Damit hängen zum Beispiel auch Dinge zusammen wie Fotos auszuwählen, eine Art Trailer zusammenzuschneiden und sich Anreize/Geschenke für Geldgeber auszudenken. Bei der Arbeit daran habe ich eine schon eine weitere Aufgabe ausmachen und direkt vorschlagen können: Das Foto-Archiv durchschauen, auswerten, viele Bilder löschen, die paar guten bearbeiten. Kam gut an, der Vorschlag („Oh yes, pleeeaaase!“).
Außerdem hat Margie uns (semi-top-secretly) eröffnet, dass unter Umständen Mark und Jennie irgendwann in vielleicht nicht allzu ferner Zukunft das Magnet Theatre, das sie vor fast 30 Jahren gegründet und seitdem aufgerichtet und geleitet haben, verlassen werden. Und dafür müsse ein Exit-Plan her. Soll heißen, alles muss archiviert werden, Dokumente vergangener Arbeiten, aber vor allen Dingen Wissen, Know-How. Ich habe den Aufbau einer Wiki vorgeschlagen, was ebenfalls positiv aufgenommen wurde. Heißt, unsere Prioritätenliste sieht nach dem ersten Tag folgendermaßen aus: 1) Crowdfunding, 2) Archiv, 3) Fotos. Außerdem natürlich die Vorbereitung auf Clanwilliam. Und alles, was sonst noch zwischendurch anfällt, wird wohl dazwischengeschoben werden.

Um zehn habe ich einen kurzen Ausflug zurück zum Arzt gemacht. Die Empfangsdame meinte allerdings, als ich ihr meine Krankenversicherung zeigte, dass die Praxis nicht in dem Verbund mit drin sei, den ich benötige, und dass ich deshalb, sollte ich das wollen, für eine Sprechstunde 440 Rand (30 Euro) bezahlen müsste. Sie suchte mir lieberweise einen Arzt heraus, zu dem ich stattdessen gehen könnte. Zurück bei Magnet empfahl mir Margie dann jedoch einen anderen Arzt, einen, dem sie vertraue, und der tatsächlich auch auf der Liste für Student Doctors steht. Bei Dr. Cornell habe ich einen Termin morgen früh um halb zehn bekommen. Margie meinte, sie sei sehr glücklich darüber, dass sie wisse, dass ich somit in guten Händen sei.

Die Mittagspause wurde heute mit (fast) dem gesamten Team gemeinsam zelebriert. Das wird bei Magnet offenbar in unregelmäßigen Abständen so gemacht, eine Teambuilding-Maßnahme, ein leckeres Jeder-bringt-etwas-mit-Mahl, und eine Möglichkeit, sich gegenseitig die eigenen Gedanken zu vergangenen, aktuellen und kommenden Projekten mitzuteilen. Das darf man sich so vorstellen, dass alle am Tisch nacheinander allen anderen etwas erzählen, eine Runde um den Tisch. Das war heute, wie ich fand, eine durchaus beeindruckende Angelegenheit. Dass gemeinsame Theaterarbeit zusammenschweißt, ist mir ja keineswegs neu. Bei Magnet bekommt das Ganze aber eine ganz andere Dimension: Die Trainees werden aus den Townships geholt und bekommen durch die Ausbildung bei Magnet die Möglichkeit, die eigene Zukunft nicht in Armut und unter Umständen Kriminalität begehen zu müssen. Eine Chance, derer sich die Trainees sehr bewusst und über die sie unglaublich dankbar sind. Der jetzige Jahrgang befindet sich bereits im dritten Jahr, was das erste Mal ist, wie ich das verstanden habe; sonst lief die Ausbildung immer nur zwei Jahre lang. Das heißt, dass sie schon viel Zeit hatten, sich kennenzulernen und miteinander zu wachsen. Was offenbar auch passiert ist. Eine überaus inspirierende Atmosphäre, die da heute an der Mittagstafel herrschte. Und das, obwohl, oder vielleicht gerade weil Magnet offenbar momentan Schwierigkeiten hat, Geldgeber für einen neuen Ausbildungsjahrgang zu finden. Der Tenor war: Magnet sei eine im weiteren Umkreis bekannte und als gegeben angesehene Institution, Magnet sei Familie, Magnet dürfe und werde nicht untergehen. Selbstbewusst, stolz, aber auch mit Sorgenfalten im ein oder anderen Gesicht.
 
Gegen halb vier waren Meghan und ich mit unserer Arbeit so weit, dass wir nicht mehr viel ohne Absprache mit unseren „Vorgesetzten“ (insbesondere Margie, aber auch Jennie; Mark ist diese Woche nicht da) machen konnten, weshalb Themba uns nach Hause schickte. Dort wartete Justin auf mich, der gerade mit Angéliques Zimmer fertiggeworden war: Auch dort waren offenbar Ansätze von Schimmel an der Decke zu sehen gewesen. Morgen, meinte Justin, komme er wieder, und behandle die Wohnzimmer-Decke, die ebenfalls einen leichten Grauschleier aufweist. Mein Zimmer sieht wunderbar aus, Justin hat ganze Arbeit geleistet. Es riecht nach der Chlor-Behandlung zwar noch immer dezent nach Schwimmbad, aber der Schimmel ist weg. Justin meinte, es sei auch jemand dagewesen, der sich das Dach angeguckt habe, sowohl über mir als auch über Ine. Der werde dann wohl noch mal wiederkommen zum Reparieren. Hoffentlich bald.
 

Und zum Abschluss des heutigen Tages hier noch die fröhliche „Hey du, die Wäsche ist fertig und das find ich sooo toll!“-Melodie unserer bezaubernden Waschmaschine:

Samstag, 13. August 2016

Tag 18

Sa, 13.08.16
Habe ich nicht gestern Abend noch darüber gejammert, dass meine Gesundheit gerade komische Sachen macht? Stichwort defekte Wundheilung und Ausschlag im Gesicht. Ich habe jetzt einen möglichen Faktor, der dafür mitverantwortlich sein könnte, identifiziert: Die Decke meines Zimmers ist voller Schimmel.

Aufgefallen ist mir das schon vor zwei Wochen. Da dachte ich nach kurzer Inspektion, das wären einfach Abschürfungen der Farbe, weshalb ich dem Ganzen keine weitere Beachtung geschenkt habe. Heute Morgen aber ist mir aufgefallen, dass die schwarzen Flecken sich ausgebreitet haben. Ich habe Ine geweckt (um halb elf, ich muss mich deswegen also nicht schlecht fühlen) und sie gefragt, ob sie meine Neuinterpretation der Sachlage unterstütze. Tat sie. Sie hatte bis vor ein paar Tagen ein ähnliches Problem: Bei ihr war eine Wand konstant nass. Arbeiter haben das dann letzte Woche repariert. Schimmel war jedoch noch keiner da – anders als bei mir nun.
Nachdem ich Ines Gutachten eingeholt hatte, habe ich meiner Vermieterin Theresa sofort eine E-Mail geschrieben, das Problem müsse doch bitte so schnell wie möglich behoben werden. Zufälligerweise kam sie zwei Stunden später persönlich zur Tür hinein, um Angélique einen neuen Schreibtischstuhl zu bringen. Ich habe Theresa nun also nicht nur endlich kennengelernt, sondern ihr auch direkt die Decke zeigen können (sie hatte meine Mail noch nicht gelesen). Sie oh-my-god-ete zufriedenstellend und meinte direkt, Justin kümmere sich am Mittwoch darum. Ob das nicht auch schon früher gehe, fragte ich, woraufhin sie meinte, ja, Montag gehe auch. Super. Außerdem schicke sie jemanden, der das offenbar undichte Dach repariert. Später hat sie das alles noch einmal per E-Mail bestätigt. Ich werde also hoffentlich nur zwei Nächte auf der Couch im Wohnzimmer schlafen müssen.

Kurz nach Theresas Besuch lud Ine mich ein, mit ihr nach Stellenbosch zu fahren, etwa eine Stunde von Kapstadt entfernt. Kurztrip bis morgen Abend. Ich war sehr versucht, spontan mitzugehen, habe mich aber nach Pro- und Contra-Abwägungen doch dagegen entschieden. Was vielleicht nicht meine beste Entscheidung heute war.

Warum?

Anstatt mit Ine zum Bahnhof aufzubrechen, habe ich einen Gang angetreten, den ich schon länger tun wollte: zum Vodacom-Store, mir eine südafrikanische Handynummer besorgen. Das hatte ich bisher noch nicht getan, da der Laden rund 4,6 km entfernt liegt und ich den Weg gerne laufen wollte. Rückblickend vielleicht auch keine so grandiose Idee.

Die ersten vier Kilometer verliefen unspektakulär, das Wetter war nicht bombastisch, aber immerhin regnete es nicht. Die Route war auch nicht kompliziert, einfach nur Main Rd hinunter, ein langer gerader Weg. Eine vielbefahrene breite Straße zudem, überall mit Fußwegen versehen. Unterwegs habe ich zwei Bettlerinnen, „I'm so hungry“, mit einem Kopfschütteln und einem Sorry abgewimmelt. Dann kam ein dritter Bettler, links neben mir ragte ein hoher Zaun auf, dahinter wahrscheinlich Wohnhäuser oder ähnliche Gebäude, Bäume hingen über. Der Mann erschien plötzlich, sprach mich von hinten rechts an, ich ging weiter, er mir nach, er hatte keine Vorder- und Eckzähne, ich verstand kaum ein Wort von dem, was er mir erzählte. Auch ihm sagte ich Sorry, aber er ließ nicht locker, ich sagte ihm, ich habe kein Cash, er ließ nicht locker, und dann habe ich das erste Mal doch etwas verstanden, „give me your money or I'll take it from you“. Dazu machte er ein wenig amüsiertes Gesicht.
Okay, Taktikänderung. Der kleine schwarze Mann im blauen Sweater, vielleicht Ende zwanzig, vielleicht jünger oder älter, auf jeden Fall von der Straße gezeichnet, hatte kein Messer oder eine andere Waffe, zumindest nicht sichtbar. Trotzdem, „I'll take it from you“ ist nicht gerade das, was man von einem Bettler hören möchte. Ich zückte nun doch mein Portemonnaie und gab ihm alles, was ich an Scheinen hatte, zwei Stück, je zwanzig Rand, zusammen nicht mal 2,70 Euro. Leider hörte er trotzdem nicht auf, auf mich einzureden. Er sehe, ich sei nervös (ich hatte mich eigentlich erstaunlich gut unter Kontrolle), aber er sei kein schlechter Kerl. Und noch irgendetwas. Hm? Nach einer Weile verstand ich, dass er mit mir zu Pick n Pay gehen wollte, damit ich ihm Sachen kaufe. Für sein Baby. Meine Verhandlungsposition war unverändert nicht die beste, im Umkreis nur Straßen, schnelle Autos, Zäune und keine Menschen, also willigte ich ein. Zudem musste ich eh in die Richtung, in die auch er mit mir wollte, also was sollte ich großartig tun. Und lieber zusammen einkaufen gehen, als dass er zum Beispiel plötzlich sagt, dann nehme er eben mein Handy.
 

Auf dem Weg unterhielten wir uns, bzw. er sich mit mir, und ich habe genickt und gelächelt und ab und zu auf gut Glück Ja und Nein gesagt. Er hat mir immer wieder versichert, dass er mich nicht in eine verlassene Straße führen werde, er wolle nur zu Pick n Pay, nur die Straße runter. Er sei auch kein schlechter Kerl, wirklich nicht. Er habe im Sommer Arbeit gehabt, glaube ich, irgendetwas mit Schwimmbädern, aber im Winter offenbar nicht. Ich habe mich nach seinem Kind erkundigt, eine Tochter, ein Jahr alt, glaube ich verstanden zu haben. Alia heiße sie, oder irgendwie so. Ich habe ihm, als er in typischer Kapstadt-Manier die Straße auf eher gefährliche Weise benutzen wollte, erzählt, dass ich schlecht im Jaywalken bin, und, dass ich normalerweise Fahrrad fahre, das hier aber zu gefährlich sei. Daraufhin erzählte er mir etwas von Wind in den Bäumen, ich weiß es nicht. Ob ich keine insurance hätte, verstand ich und fragte verwirrt nach, was er meine. Nein, friends, ach so, also weil du doch hier alleine herumläufst, nein nein, ich habe schon friends, ach so, dann läufst du wohl einfach gern, ja, genau, ja.

Pick n Pay war praktischerweise in dem Einkaufszentrum, in das ich sowieso wollte, MontClare Place. Mein neuer Freund wollte mit mir durch die Tiefgarage hineingehen, das sei kürzer, ein an der Straße stehender anderer Mann wies auch in die Garage hinein und sagte etwas, das ich nicht verstand. Aber nein, ich wollte dann doch lieber den Haupteingang an der Straße nehmen, na gut. Im Geschäft fragte mein Begleiter eine der Verkäuferinnen, wo irgendetwas sei, was diese aber ebenfalls nicht verstand, woraufhin er erklärte, das man das für Babys brauche, woraufhin sie uns wiederum die Richtung zeigte. Vor dem Regal mit den Windeln schaute er sich die Preise an und meinte entschuldigend zu mir, puh, die seien aber teuer. Er nahm eine der günstigeren Packungen und verglich sie mit einigen anderen, aber die waren noch teurer, daher blieb er bei der ersten. Und Milchpuder, wo sei das denn, fragte er sich oder mich oder die Welt. Einmal ums Regal herum, ah, da, oh, auch sehr teuer. Hätte ich ihn verstanden, hätte ich auf ihn eingehen können, aber leider hatte ich gegen seine fehlenden Zähne keine Chance, wir standen vor dem Regal und er überlegte irgendetwas. Letztlich habe ich einfach eine der Dosen aus dem Regal genommen, hier, nimm die, ist gut jetzt, ja? Als nächstes fragte er mich scheinbar, ob ich ihn küssen könne, bitte was?, nein, nicht küssen, Cash, ob ich ihm Cash geben könne. Mein Lieber, ich habe dir gerade alles Cash gegeben, das ich hatte, erinnerst du dich? Ach ja... Aber etwas zu essen für mich? Komm, jetzt nicht frech werden, ich kauf dir deinen Babykram und gut ist, ja? Okay, ja. Auf zur Kasse, per Visa-Karte bezahlt. Ihm die Tasche in die Hand gedrückt. Zusammen raus. Er schaute sich nicht mehr um, wollte gehen, mich stehenlassen, da rief ich ihn noch einmal zurück. Handshake, alles Gute. Ich wollte noch etwas sagen von wegen, mach das nicht noch mal, das ist nicht cool, hab es dann aber nicht mehr rausbekommen. So zog er dahin, zurück zum Haupteingang, mit Windeln und Milchpulver in einer großen Plastiktüte von Pick n Pay.

Der kleine Vodacom-Laden war direkt gegenüber, ich betrat ihn, zwei junge Vodacom-Damen saßen darin, keine weiteren Kunden. Ich schaute sie an, lachte ein bisschen, sagte sorry, ich müsse mich mal eben einen Moment sammeln, ich sei gerade ausgeraubt worden. Die beiden waren ein bisschen geschockt, wie, hier in der Mall? Nein, auf dem Weg hierher, und der Räuber und ich waren gerade zusammen einkaufen. Die beiden riefen einen Security-Mann, was ist passiert, wo ist der Kerl? Ja, weg, aber komm, lass gut sein. Wieso hast du nichts gesagt, hier sind doch genug Security-Leute? Ja, ach, und dann? Dann wartet der noch vor der Tür auf mich oder was weiß ich. Willst du Anzeige erstatten? Nee, schon gut. Der Security-Mann führte mich trotzdem zum Security-Büro, er wolle wenigstens auf dem Band der Überwachungskamera den Mann identifizieren, damit man ihn sich greifen könne, falls er wiederkomme, womöglich mit seinem nächsten Opfer. Die Aufnahme habe ich jedoch nicht zu Gesicht bekommen, ich habe nur kurz durch eine Gittertür mit der Dame in dem Büro geredet. Vor zehn Minuten?, ja, ungefähr vor zehn Minuten, okay, gut. Der Security-Mann führte mich zurück in die Mall, wie sah er denn aus, Weißer oder Schwarzer, ja, schwarz. Er entschuldigte sich bei mir, manchmal passiere das einfach noch. Ich entgegnete, immerhin hatte er keinen Alkohol gewollt, sondern Sachen für sein Baby, also scheint er es offenbar wirklich gebraucht zu haben. Nicht, dass andere Bettler es nicht auch bräuchten, aber ja, naja. Ja, das sei richtig. Gut, tschüss. Wie, soll ich ihn nicht mehr identifizieren? Nein, alles gut, das wär's dann. Es sei denn, du willst uns doch noch deine Kontaktdaten geben? Nein, schon gut. Okay, schönen Tag noch. Schönen Tag noch.

Zurück zu den beiden jungen Vodacom-Damen. Ich kaufte mir eine SIM-Karte, 100 Telefonminuten (unlimitiert) und 1 GB Datenvolumen (verfällt nach einem Monat). Die eine Dame fragte mich ein paar Mal, ob ich okay sei. Ja, alles wunderbar.
Nachdem alles gekauft und ready to go war, wollte ich mir mit meinem neuen Internetzugang mein erstes Uber-Taxi bestellen, um nicht noch einmal eine knappe Stunde zurücklaufen zu müssen. Die App wollte jedoch nicht so wie ich, daher musste ich dann doch zu Fuß zurück. Aber hey, ich bin auf dem Rückweg nicht ausgeraubt worden.

Hier die Zahnlosen-Bilanz (Punkt zwei und drei laut Kassenzettel):
- Bargeld: 20,- ZAR
- Nestle Nan Sensative [sic] 400g: 119,90 ZAR
- Huggies Dry Comfort SZ2 Mid: 149,90 ZAR
→ 289,80 Rand, ca. 19 Euro

Was soll man sagen. Es haben andere Leute schon mehr als 19 Euro beim Ausgeraubt-Werden verloren. Wenn das also meine diesbezügliche Erfahrung gewesen sein soll, bin ich noch recht gut davongekommen. Hört ihr den Zaunpfahl winken, ihr Räuber und Banditen? Ich habe meine Ausraub-Erfahrung gemacht, das war also gerne das erste und einzige Mal, okay? Danke!

(Nur noch zum Vergleich: Ich habe heute darüber hinaus 287,68 ZAR für eigene Einkäufe und 252,- ZAR für Handybedarf, also 539,68 Rand, ca. 36 Euro, ausgegeben.)
 

Den Abend habe ich dann angenehm unaufregend mit einem Buch auf dem Sofa verbracht, während es draußen gestürmt und Angélique am Wohnzimmertisch Unizeug gemacht hat. Alles Wunde an mir ist mit Bepanthen eingerieben, den Mittelfinger rechts habe ich mit einer Wäscheklammer geschient, da das Übel am Gelenk sitzt. Gute Nacht? Hoffentlich. Und morgen einen besseren Tag, bitte.