So, 14.08.
Heute wollte ich zu Chiminae, die zu Pizza und Kartenspielen eingeladen hatte. Dann habe ich erst abgesagt, weil ich mich nicht so besonders gefühlt habe, und dann bin ich doch hingegangen, um mal rauszukommen und nicht total zu versumpfen. In der Polo Road, nur fünf Minuten zu Fuß, fiel mir auf, dass auch Chims Haus, genau wie unseres und so viele andere in mindestens Obz, keine Türklingel hat. Ich rief also Meghan an, damit Chim mich reinlassen konnte.
Schon da waren bzw. im Laufe des Abends noch gekommen sind neben Meghan und Chim auch deren Freund Sebastian, die beiden Namibier Chris und Luke, Magnet-Techniker Themba und eine Freundin von diesem, Hanna, ein gewisser Sandy, eine Schwangere, deren Namen ich nicht verstand, und zwei, später drei große Hunde. Wir haben UNO gespielt (eine Runde, die in der großen Gruppe zu lange gedauert hat), Pizza bestellt (ich hatte eine eher ausgefallene mit Bananen, Bacon und Knoblauch) und später mehrere (ebenfalls zu lange) Runden Bullshit/Cheat gespielt – ein Spiel, bei dem es darum geht, dreist zu behaupten, man lege gerade verdeckt diese und jene Karte ab, bis man keine Karten mehr auf der Hand hat, während die anderen Mitspielenden einen der Lüge bezichtigen können. Danach tauchte noch eine Gitarre auf, was ganz nett war, aber musikalisch gesehen keine allzu saftigen Früchte zum Ergebnis hatte.
Gegen Mitternacht setzte Aufbruchstimmung ein. Ich wollte eigentlich die fünf Minuten zu Fuß nach Hause laufen. Ich meinte, ich müsse ja nur 50 Meter hoch zur Main Road, und dann knapp fünf Minuten gehen. Mir wurde allerdings sofort sehr eindringlich davon abgeraten, die Main Road zu nehmen (nachts auf keinen Fall). Laufen könne ich, aber nicht diesen und nicht jenen Weg, und, ach, wir bringen dich und nehmen die Hunde mit. Letztlich fuhr mich dann Themba im Auto rum, bevor er auch Meghan und Hanna nach Hause brachte. Natürlich erst, nachdem wir einander Ausraub-Geschichten erzählt hatten. Erneut. Das Thema war, nachdem ich nach meiner Ankunft meine vom Vortag erzählt hatte, den ganzen Abend über beliebt. Meghan sei schon einmal fast gekidnappt worden (in Mittelamerika), Chim für ein paar Stunden tatsächlich. Chris sei schon diverse Male ausgeraubt worden, mit Messern, mit einer Pistole und sogar einmal mit einer Machete. Hanna habe einmal auf die Aufforderung, ihr Handy zu überreichen, im Affekt mit „Ich will dir mein Handy aber nicht geben“ geantwortet (habe sie aber dann doch gemusst). Und Themba sei noch nie in Südafrika, dafür aber einmal im Simbabwe ausgeraubt worden, zusammen mit mehreren Freunden, von einer Gruppe, und das Ganze spektakulär mit Rennen und Rucksack-über-eine-Mauer-Werfen und allem. Dagegen habe ich dann doch eher das Sparprogramm gehabt, scheint mir. Die anderen meinten im Übrigen, dass Babyartikel als Raubgut beliebt seien, weil sie so teuer sind. Also wer weiß, ob mein Zahnloser tatsächlich ein Kind hat oder nicht. Naja. Nach kurzer Autofahrt (dank der vielen Einbahnstraßen länger als zu Fuß) kam ich um kurz nach zwölf sicher wieder zu Hause an. Und habe es mir erneut auf der Couch bequem gemacht.
Mo, 15.08.
Um halb acht am Montagmorgen kamen Theresa und Justin zur Tür herein. Theresa erklärte Angélique und mir, dass Häuser hier nicht wie europäische Häuser mit Heizung und guter Ventilation ausgestattet seien und wir deshalb die Fenster einen Spalt auflassen sollen, wenn wir gehen, damit die Feuchtigkeit entweichen kann. Inwieweit das bei den hohen Decken hier tatsächlich etwas bringt, wage ich zu bezweifeln, aber gut. Justin machte sich sodann ans Werk, meine Zimmerdecke a) zu schrubben, sie b) chemisch zu behandeln und sie c) zu streichen.
Bevor er loslegte, machte ich mich allerdings bereits auf den Weg zum Arzt, um meine Blessuren begutachten zu lassen. Die Praxis von Dr. Roberts liegt unweit von unserer Adresse, ebenfalls in der Station Road. Die Dame am Empfang gab mir einen Termin für in einer Stunde, um zehn. Ich startete also für den Moment durch in Richtung Magnet. Dort führte Margie (ausgesprochen übrigens wie im Deutschen) Meghan und mich in die Aufgaben ein, die sie sich für uns ausgedacht hatte. Unsere primäre Aufgabe ist erst einmal, eine Crowdfunding-Kampagne für ein Gastspiel in Bologna im Februar 2017 zu organisieren. Das heißt, wir managen eine Indiegogo-Seite. Redaktionelle Online-Arbeit. Damit hängen zum Beispiel auch Dinge zusammen wie Fotos auszuwählen, eine Art Trailer zusammenzuschneiden und sich Anreize/Geschenke für Geldgeber auszudenken. Bei der Arbeit daran habe ich eine schon eine weitere Aufgabe ausmachen und direkt vorschlagen können: Das Foto-Archiv durchschauen, auswerten, viele Bilder löschen, die paar guten bearbeiten. Kam gut an, der Vorschlag („Oh yes, pleeeaaase!“).
Außerdem hat Margie uns (semi-top-secretly) eröffnet, dass unter Umständen Mark und Jennie irgendwann in vielleicht nicht allzu ferner Zukunft das Magnet Theatre, das sie vor fast 30 Jahren gegründet und seitdem aufgerichtet und geleitet haben, verlassen werden. Und dafür müsse ein Exit-Plan her. Soll heißen, alles muss archiviert werden, Dokumente vergangener Arbeiten, aber vor allen Dingen Wissen, Know-How. Ich habe den Aufbau einer Wiki vorgeschlagen, was ebenfalls positiv aufgenommen wurde. Heißt, unsere Prioritätenliste sieht nach dem ersten Tag folgendermaßen aus: 1) Crowdfunding, 2) Archiv, 3) Fotos. Außerdem natürlich die Vorbereitung auf Clanwilliam. Und alles, was sonst noch zwischendurch anfällt, wird wohl dazwischengeschoben werden.
Um zehn habe ich einen kurzen Ausflug zurück zum Arzt gemacht. Die Empfangsdame meinte allerdings, als ich ihr meine Krankenversicherung zeigte, dass die Praxis nicht in dem Verbund mit drin sei, den ich benötige, und dass ich deshalb, sollte ich das wollen, für eine Sprechstunde 440 Rand (30 Euro) bezahlen müsste. Sie suchte mir lieberweise einen Arzt heraus, zu dem ich stattdessen gehen könnte. Zurück bei Magnet empfahl mir Margie dann jedoch einen anderen Arzt, einen, dem sie vertraue, und der tatsächlich auch auf der Liste für Student Doctors steht. Bei Dr. Cornell habe ich einen Termin morgen früh um halb zehn bekommen. Margie meinte, sie sei sehr glücklich darüber, dass sie wisse, dass ich somit in guten Händen sei.
Die Mittagspause wurde heute mit (fast) dem gesamten Team gemeinsam zelebriert. Das wird bei Magnet offenbar in unregelmäßigen Abständen so gemacht, eine Teambuilding-Maßnahme, ein leckeres Jeder-bringt-etwas-mit-Mahl, und eine Möglichkeit, sich gegenseitig die eigenen Gedanken zu vergangenen, aktuellen und kommenden Projekten mitzuteilen. Das darf man sich so vorstellen, dass alle am Tisch nacheinander allen anderen etwas erzählen, eine Runde um den Tisch. Das war heute, wie ich fand, eine durchaus beeindruckende Angelegenheit. Dass gemeinsame Theaterarbeit zusammenschweißt, ist mir ja keineswegs neu. Bei Magnet bekommt das Ganze aber eine ganz andere Dimension: Die Trainees werden aus den Townships geholt und bekommen durch die Ausbildung bei Magnet die Möglichkeit, die eigene Zukunft nicht in Armut und unter Umständen Kriminalität begehen zu müssen. Eine Chance, derer sich die Trainees sehr bewusst und über die sie unglaublich dankbar sind. Der jetzige Jahrgang befindet sich bereits im dritten Jahr, was das erste Mal ist, wie ich das verstanden habe; sonst lief die Ausbildung immer nur zwei Jahre lang. Das heißt, dass sie schon viel Zeit hatten, sich kennenzulernen und miteinander zu wachsen. Was offenbar auch passiert ist. Eine überaus inspirierende Atmosphäre, die da heute an der Mittagstafel herrschte. Und das, obwohl, oder vielleicht gerade weil Magnet offenbar momentan Schwierigkeiten hat, Geldgeber für einen neuen Ausbildungsjahrgang zu finden. Der Tenor war: Magnet sei eine im weiteren Umkreis bekannte und als gegeben angesehene Institution, Magnet sei Familie, Magnet dürfe und werde nicht untergehen. Selbstbewusst, stolz, aber auch mit Sorgenfalten im ein oder anderen Gesicht.
Gegen halb vier waren Meghan und ich mit unserer Arbeit so weit, dass wir nicht mehr viel ohne Absprache mit unseren „Vorgesetzten“ (insbesondere Margie, aber auch Jennie; Mark ist diese Woche nicht da) machen konnten, weshalb Themba uns nach Hause schickte. Dort wartete Justin auf mich, der gerade mit Angéliques Zimmer fertiggeworden war: Auch dort waren offenbar Ansätze von Schimmel an der Decke zu sehen gewesen. Morgen, meinte Justin, komme er wieder, und behandle die Wohnzimmer-Decke, die ebenfalls einen leichten Grauschleier aufweist. Mein Zimmer sieht wunderbar aus, Justin hat ganze Arbeit geleistet. Es riecht nach der Chlor-Behandlung zwar noch immer dezent nach Schwimmbad, aber der Schimmel ist weg. Justin meinte, es sei auch jemand dagewesen, der sich das Dach angeguckt habe, sowohl über mir als auch über Ine. Der werde dann wohl noch mal wiederkommen zum Reparieren. Hoffentlich bald.
Und zum Abschluss des heutigen Tages hier noch die fröhliche „Hey du, die Wäsche ist fertig und das find ich sooo toll!“-Melodie unserer bezaubernden Waschmaschine:





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