Samstag, 13. August 2016

Tag 18

Sa, 13.08.16
Habe ich nicht gestern Abend noch darüber gejammert, dass meine Gesundheit gerade komische Sachen macht? Stichwort defekte Wundheilung und Ausschlag im Gesicht. Ich habe jetzt einen möglichen Faktor, der dafür mitverantwortlich sein könnte, identifiziert: Die Decke meines Zimmers ist voller Schimmel.

Aufgefallen ist mir das schon vor zwei Wochen. Da dachte ich nach kurzer Inspektion, das wären einfach Abschürfungen der Farbe, weshalb ich dem Ganzen keine weitere Beachtung geschenkt habe. Heute Morgen aber ist mir aufgefallen, dass die schwarzen Flecken sich ausgebreitet haben. Ich habe Ine geweckt (um halb elf, ich muss mich deswegen also nicht schlecht fühlen) und sie gefragt, ob sie meine Neuinterpretation der Sachlage unterstütze. Tat sie. Sie hatte bis vor ein paar Tagen ein ähnliches Problem: Bei ihr war eine Wand konstant nass. Arbeiter haben das dann letzte Woche repariert. Schimmel war jedoch noch keiner da – anders als bei mir nun.
Nachdem ich Ines Gutachten eingeholt hatte, habe ich meiner Vermieterin Theresa sofort eine E-Mail geschrieben, das Problem müsse doch bitte so schnell wie möglich behoben werden. Zufälligerweise kam sie zwei Stunden später persönlich zur Tür hinein, um Angélique einen neuen Schreibtischstuhl zu bringen. Ich habe Theresa nun also nicht nur endlich kennengelernt, sondern ihr auch direkt die Decke zeigen können (sie hatte meine Mail noch nicht gelesen). Sie oh-my-god-ete zufriedenstellend und meinte direkt, Justin kümmere sich am Mittwoch darum. Ob das nicht auch schon früher gehe, fragte ich, woraufhin sie meinte, ja, Montag gehe auch. Super. Außerdem schicke sie jemanden, der das offenbar undichte Dach repariert. Später hat sie das alles noch einmal per E-Mail bestätigt. Ich werde also hoffentlich nur zwei Nächte auf der Couch im Wohnzimmer schlafen müssen.

Kurz nach Theresas Besuch lud Ine mich ein, mit ihr nach Stellenbosch zu fahren, etwa eine Stunde von Kapstadt entfernt. Kurztrip bis morgen Abend. Ich war sehr versucht, spontan mitzugehen, habe mich aber nach Pro- und Contra-Abwägungen doch dagegen entschieden. Was vielleicht nicht meine beste Entscheidung heute war.

Warum?

Anstatt mit Ine zum Bahnhof aufzubrechen, habe ich einen Gang angetreten, den ich schon länger tun wollte: zum Vodacom-Store, mir eine südafrikanische Handynummer besorgen. Das hatte ich bisher noch nicht getan, da der Laden rund 4,6 km entfernt liegt und ich den Weg gerne laufen wollte. Rückblickend vielleicht auch keine so grandiose Idee.

Die ersten vier Kilometer verliefen unspektakulär, das Wetter war nicht bombastisch, aber immerhin regnete es nicht. Die Route war auch nicht kompliziert, einfach nur Main Rd hinunter, ein langer gerader Weg. Eine vielbefahrene breite Straße zudem, überall mit Fußwegen versehen. Unterwegs habe ich zwei Bettlerinnen, „I'm so hungry“, mit einem Kopfschütteln und einem Sorry abgewimmelt. Dann kam ein dritter Bettler, links neben mir ragte ein hoher Zaun auf, dahinter wahrscheinlich Wohnhäuser oder ähnliche Gebäude, Bäume hingen über. Der Mann erschien plötzlich, sprach mich von hinten rechts an, ich ging weiter, er mir nach, er hatte keine Vorder- und Eckzähne, ich verstand kaum ein Wort von dem, was er mir erzählte. Auch ihm sagte ich Sorry, aber er ließ nicht locker, ich sagte ihm, ich habe kein Cash, er ließ nicht locker, und dann habe ich das erste Mal doch etwas verstanden, „give me your money or I'll take it from you“. Dazu machte er ein wenig amüsiertes Gesicht.
Okay, Taktikänderung. Der kleine schwarze Mann im blauen Sweater, vielleicht Ende zwanzig, vielleicht jünger oder älter, auf jeden Fall von der Straße gezeichnet, hatte kein Messer oder eine andere Waffe, zumindest nicht sichtbar. Trotzdem, „I'll take it from you“ ist nicht gerade das, was man von einem Bettler hören möchte. Ich zückte nun doch mein Portemonnaie und gab ihm alles, was ich an Scheinen hatte, zwei Stück, je zwanzig Rand, zusammen nicht mal 2,70 Euro. Leider hörte er trotzdem nicht auf, auf mich einzureden. Er sehe, ich sei nervös (ich hatte mich eigentlich erstaunlich gut unter Kontrolle), aber er sei kein schlechter Kerl. Und noch irgendetwas. Hm? Nach einer Weile verstand ich, dass er mit mir zu Pick n Pay gehen wollte, damit ich ihm Sachen kaufe. Für sein Baby. Meine Verhandlungsposition war unverändert nicht die beste, im Umkreis nur Straßen, schnelle Autos, Zäune und keine Menschen, also willigte ich ein. Zudem musste ich eh in die Richtung, in die auch er mit mir wollte, also was sollte ich großartig tun. Und lieber zusammen einkaufen gehen, als dass er zum Beispiel plötzlich sagt, dann nehme er eben mein Handy.
 

Auf dem Weg unterhielten wir uns, bzw. er sich mit mir, und ich habe genickt und gelächelt und ab und zu auf gut Glück Ja und Nein gesagt. Er hat mir immer wieder versichert, dass er mich nicht in eine verlassene Straße führen werde, er wolle nur zu Pick n Pay, nur die Straße runter. Er sei auch kein schlechter Kerl, wirklich nicht. Er habe im Sommer Arbeit gehabt, glaube ich, irgendetwas mit Schwimmbädern, aber im Winter offenbar nicht. Ich habe mich nach seinem Kind erkundigt, eine Tochter, ein Jahr alt, glaube ich verstanden zu haben. Alia heiße sie, oder irgendwie so. Ich habe ihm, als er in typischer Kapstadt-Manier die Straße auf eher gefährliche Weise benutzen wollte, erzählt, dass ich schlecht im Jaywalken bin, und, dass ich normalerweise Fahrrad fahre, das hier aber zu gefährlich sei. Daraufhin erzählte er mir etwas von Wind in den Bäumen, ich weiß es nicht. Ob ich keine insurance hätte, verstand ich und fragte verwirrt nach, was er meine. Nein, friends, ach so, also weil du doch hier alleine herumläufst, nein nein, ich habe schon friends, ach so, dann läufst du wohl einfach gern, ja, genau, ja.

Pick n Pay war praktischerweise in dem Einkaufszentrum, in das ich sowieso wollte, MontClare Place. Mein neuer Freund wollte mit mir durch die Tiefgarage hineingehen, das sei kürzer, ein an der Straße stehender anderer Mann wies auch in die Garage hinein und sagte etwas, das ich nicht verstand. Aber nein, ich wollte dann doch lieber den Haupteingang an der Straße nehmen, na gut. Im Geschäft fragte mein Begleiter eine der Verkäuferinnen, wo irgendetwas sei, was diese aber ebenfalls nicht verstand, woraufhin er erklärte, das man das für Babys brauche, woraufhin sie uns wiederum die Richtung zeigte. Vor dem Regal mit den Windeln schaute er sich die Preise an und meinte entschuldigend zu mir, puh, die seien aber teuer. Er nahm eine der günstigeren Packungen und verglich sie mit einigen anderen, aber die waren noch teurer, daher blieb er bei der ersten. Und Milchpuder, wo sei das denn, fragte er sich oder mich oder die Welt. Einmal ums Regal herum, ah, da, oh, auch sehr teuer. Hätte ich ihn verstanden, hätte ich auf ihn eingehen können, aber leider hatte ich gegen seine fehlenden Zähne keine Chance, wir standen vor dem Regal und er überlegte irgendetwas. Letztlich habe ich einfach eine der Dosen aus dem Regal genommen, hier, nimm die, ist gut jetzt, ja? Als nächstes fragte er mich scheinbar, ob ich ihn küssen könne, bitte was?, nein, nicht küssen, Cash, ob ich ihm Cash geben könne. Mein Lieber, ich habe dir gerade alles Cash gegeben, das ich hatte, erinnerst du dich? Ach ja... Aber etwas zu essen für mich? Komm, jetzt nicht frech werden, ich kauf dir deinen Babykram und gut ist, ja? Okay, ja. Auf zur Kasse, per Visa-Karte bezahlt. Ihm die Tasche in die Hand gedrückt. Zusammen raus. Er schaute sich nicht mehr um, wollte gehen, mich stehenlassen, da rief ich ihn noch einmal zurück. Handshake, alles Gute. Ich wollte noch etwas sagen von wegen, mach das nicht noch mal, das ist nicht cool, hab es dann aber nicht mehr rausbekommen. So zog er dahin, zurück zum Haupteingang, mit Windeln und Milchpulver in einer großen Plastiktüte von Pick n Pay.

Der kleine Vodacom-Laden war direkt gegenüber, ich betrat ihn, zwei junge Vodacom-Damen saßen darin, keine weiteren Kunden. Ich schaute sie an, lachte ein bisschen, sagte sorry, ich müsse mich mal eben einen Moment sammeln, ich sei gerade ausgeraubt worden. Die beiden waren ein bisschen geschockt, wie, hier in der Mall? Nein, auf dem Weg hierher, und der Räuber und ich waren gerade zusammen einkaufen. Die beiden riefen einen Security-Mann, was ist passiert, wo ist der Kerl? Ja, weg, aber komm, lass gut sein. Wieso hast du nichts gesagt, hier sind doch genug Security-Leute? Ja, ach, und dann? Dann wartet der noch vor der Tür auf mich oder was weiß ich. Willst du Anzeige erstatten? Nee, schon gut. Der Security-Mann führte mich trotzdem zum Security-Büro, er wolle wenigstens auf dem Band der Überwachungskamera den Mann identifizieren, damit man ihn sich greifen könne, falls er wiederkomme, womöglich mit seinem nächsten Opfer. Die Aufnahme habe ich jedoch nicht zu Gesicht bekommen, ich habe nur kurz durch eine Gittertür mit der Dame in dem Büro geredet. Vor zehn Minuten?, ja, ungefähr vor zehn Minuten, okay, gut. Der Security-Mann führte mich zurück in die Mall, wie sah er denn aus, Weißer oder Schwarzer, ja, schwarz. Er entschuldigte sich bei mir, manchmal passiere das einfach noch. Ich entgegnete, immerhin hatte er keinen Alkohol gewollt, sondern Sachen für sein Baby, also scheint er es offenbar wirklich gebraucht zu haben. Nicht, dass andere Bettler es nicht auch bräuchten, aber ja, naja. Ja, das sei richtig. Gut, tschüss. Wie, soll ich ihn nicht mehr identifizieren? Nein, alles gut, das wär's dann. Es sei denn, du willst uns doch noch deine Kontaktdaten geben? Nein, schon gut. Okay, schönen Tag noch. Schönen Tag noch.

Zurück zu den beiden jungen Vodacom-Damen. Ich kaufte mir eine SIM-Karte, 100 Telefonminuten (unlimitiert) und 1 GB Datenvolumen (verfällt nach einem Monat). Die eine Dame fragte mich ein paar Mal, ob ich okay sei. Ja, alles wunderbar.
Nachdem alles gekauft und ready to go war, wollte ich mir mit meinem neuen Internetzugang mein erstes Uber-Taxi bestellen, um nicht noch einmal eine knappe Stunde zurücklaufen zu müssen. Die App wollte jedoch nicht so wie ich, daher musste ich dann doch zu Fuß zurück. Aber hey, ich bin auf dem Rückweg nicht ausgeraubt worden.

Hier die Zahnlosen-Bilanz (Punkt zwei und drei laut Kassenzettel):
- Bargeld: 20,- ZAR
- Nestle Nan Sensative [sic] 400g: 119,90 ZAR
- Huggies Dry Comfort SZ2 Mid: 149,90 ZAR
→ 289,80 Rand, ca. 19 Euro

Was soll man sagen. Es haben andere Leute schon mehr als 19 Euro beim Ausgeraubt-Werden verloren. Wenn das also meine diesbezügliche Erfahrung gewesen sein soll, bin ich noch recht gut davongekommen. Hört ihr den Zaunpfahl winken, ihr Räuber und Banditen? Ich habe meine Ausraub-Erfahrung gemacht, das war also gerne das erste und einzige Mal, okay? Danke!

(Nur noch zum Vergleich: Ich habe heute darüber hinaus 287,68 ZAR für eigene Einkäufe und 252,- ZAR für Handybedarf, also 539,68 Rand, ca. 36 Euro, ausgegeben.)
 

Den Abend habe ich dann angenehm unaufregend mit einem Buch auf dem Sofa verbracht, während es draußen gestürmt und Angélique am Wohnzimmertisch Unizeug gemacht hat. Alles Wunde an mir ist mit Bepanthen eingerieben, den Mittelfinger rechts habe ich mit einer Wäscheklammer geschient, da das Übel am Gelenk sitzt. Gute Nacht? Hoffentlich. Und morgen einen besseren Tag, bitte.

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