Sonntag, 31. Juli 2016

Die Tage 4 und 5

Sa, 30.07.16
Hier in „Africa's America“ (Zitat Aimee/gestern) war es heute warm. Auf dem Weg zum Einkaufen habe ich mich mal wieder sehr kontinentaleuropäisch gefühlt, als ich entgegenkommenden Menschen auf der rechten Fußwegseite in die Quere gelaufen bin, und auf dem Rückweg sehr deutsch, als ich beim Versuch, dem Motto „jaywalking is a religion“ (Zitat Meghan/gestern) gerecht zu werden, losgegangen bin, eine Sekunde nachdem die Autos grün bekamen, und dann spontan zurück musste. Danach wollte ich eine Gitarre im Second-Hand-Laden kaufen, aber der hatte zugemacht, fünf Minuten bevor ich die Öffnungszeiten ergooglet habe.

So, 31.07.16
Um kurz nach neun trafen Ine, Angélique und ich uns zufällig im Wohnzimmer – wundersamerweise, möchte man meinen, an einem Sonntagmorgen. Da begann für mich nämlich der heutige, dem gestrigen Tag nicht unähnliche, meinezeitinsüdafrikatechnisch unspektakuläre Lesetag. 2/5 Theaterstücke habe ich für Dienstag gelesen: Bola Agbaje – Off the Endz, und Cush Jumbo – Josephine and I.

Freitag, 29. Juli 2016

Tag 3

Fr, 29.07.16
Früh aufgestanden, geduscht (herrlich warm), mit Ine im Jammie (Uni-Shuttlebus) zum Upper Campus gefahren, runter zum International Academic Programmes Office (IAPO) auf dem Middle Campus, auf Meghan gewartet. Mit Meghan nach Kontaktperson Loren gefragt wegen Registrierung an der Uni, Loren nicht da, bei Finance-Typ Formular zum Bezahlen von 200 US-Dollar exchange fee geholt, zur Uni-Kassiererin gegangen, zurückgeschickt worden wegen fehlender Unterschriften, Unterschriften bei Finance-Typ abgeholt („This is a new form, I thought maybe I don't need to sign it“), zurück, bezahlt, zurück, zum Admissions-Büro geschickt worden, dort die Info bekommen, dass ich mich nicht fertig anmelden kann, da die Anmeldung, die ich im April per Post geschickt habe, nie angekommen ist. Ich muss also demnächst noch mal hin und diesen Schrieb nachreichen. Ich hab mich sehr gefreut.

Gegen elf bin ich mit Meghan mit einem (anderen) Jammie zum Hiddingh Campus gefahren; an der Bushaltestelle hatten wir bereits Linda getroffen, eine unserer sechs weiteren Mitstudentinnen in dem Play-Reading-Seminar, das wir unregistrierterweise just for fun zwei Mal die Woche (Di und Fr) besuchen werden. Da ich sehr müde war und auch die Lektüre für heute natürlich nicht gelesen hatte, waren die zwei Stunden (12:15-14:15) mit Dozentin Veronica enorm anstrengend, obwohl „V“ und alle sehr nett waren. Nachdem ich mir danach ein Stück Pizza gegönnt hatte, sind wir zu fünft mit Mitstudentin Aimee im Auto durch den angsteinflößenden Kapstädter Verkehr zum Strand gefahren. Wir sind zum Green Point Lighthouse gefahren und haben ein Eis in der Creamery gegessen. Ich komme mit den Südafrikanischen Rand (ZAR) noch nicht ganz zu Rande und habe halbversehentlich ein Eis für 55 ZAR = ca. 3,50 EUR gekauft; zugegebenermaßen allerdings ein sehr großes, leckeres Eis. Dann sind wir ein ganzes Stück die Sea Point Promenade entlangspaziert und haben das heute ausgezeichnete Wetter genossen.

Gegen fünf sind wir wieder zurückgefahren bzw. haben uns durch den unglaublichen Feierabendverkehr gequält. Amy hat Meghan nach Hause gebracht; da der Motor ihres Autos zu überhitzen drohte, sind wir anderen drei (Kat, kurz für Katleho, und Bonolo) dann von Amys Wohnung aus alleine unseres Weges gegangen. Ich musste rund 15 Minuten die Main Rd hinunter; das anstrengendste Stück waren die letzten 50 Meter, auf denen ich eine Ewigkeit vor der Ampel stand, die einfach nicht grün werden wollte, während der Verkehr vorbeige-afrika-fahrweist ist. Apropos Verkehr, überall in der Stadt stehen mitten auf den Straßen (besonders den großen, vielbefahrenen) Menschen und versuchen, einem am Autofenster z.B. Blumen zu verkaufen oder Flyer anzudrehen. Der frisch angekommene Europäer wundert sich.

Zum Abendessen habe ich eine afrikanische Gewürzmischung namens Chakalaka ausprobiert. Scharf und lecker.

Karte 1: Station Road/Observatory; UCT Upper/Middle/Lower Campus; Hiddingh Campus (dritter, unbeschrifteter Punkt); Green Point Lighthouse
Karte 2 & 3: Die Lage Kapstadts/der Station Rd in Südafrika

Tag 2

Do, 28.07.16
Die erste Nacht war kälter als erhofft. Gliedmaßen sind strikt unter der Decke zu halten, sonst frieren sie. Da werde ich mich dran gewöhnen müssen.
Morgens war ich einkaufen bei Pick n Pay. Mein erstes Mal Afrika bei Tageslicht, mein erstes Mal Kapstadt auf eigene Faust. Einige Beobachtungen: Erstens ist afrikanischer Winter gleich Regenzeit gleich spontane Platzregen. Zweitens sind die Architektur und das Straßenbild generell überall leicht heruntergekommen, oder zumindest in den drei Straßen, die ich jetzt gesehen habe. Drittens ist der Verkehr ungefähr so, wie man ihn aus Filmen kennt, nämlich auf den ersten Blick total verrückt. Amsterdam-Fahrradverkehr, nur nicht mit Rädern, sondern mit Autos. Ständig wird irgendwo gehupt, aus allen Minibus-Taxen (vor denen ich schon von diversen Stimmen gewarnt wurde) brüllen die jungen Männer heraus. Wahrscheinlich, ob man lebensmüde veranlagt ist und mitfahren möchte. Um es alles noch unübersichtlicher zu machen, fährt man hier auf der linken Straßenseite.
Der Einkauf war weniger spannend als erhofft, die Auswahl und die Artikel unterscheiden sich auf den ersten Blick nicht groß von woanders. Das Merkwürdigste war noch, dass Säcke mit Feuerholz direkt neben den Gefriertruhen mit Fleisch standen. Wahrscheinlich sind mir die für mich kuriosen Dinge aber auch einfach noch nicht aufgefallen. Für zwei volle Taschen mit Lebensmitteln habe ich gerade mal knapp 14 Euro bezahlt (218 Rand). Ich habe mit meiner Visa-Karte bezahlt; der Bankautomat vorne in der Mall hatte kein Bargeld mehr.

Um zwei war ein Treffen zwischen Mark Fleishman, Meghan und mir in den Räumlichkeiten des Magnet Theatre angesetzt. Das Theater liegt nur rund fünf bis zehn Fußminuten von meiner Wohnung entfernt und befindet sich in einer ehemaligen Streichholzfabrik. Mark hat uns erklärt, wieso der Prozess bis hierhin so holprig und informationsarm war. Außerdem hat er dargelegt, wie die kommenden Monate für uns aussehen werden. Die ersten zwei Augustwochen (Aug I und II) werden wir an einer Idee von ihm mitarbeiten, Dramaturgie im relativ klassisch europäischen Sinne. In Aug III laufen Vorbereitungen für Aug IV, nämlich eine Art Festival oder etwas in der Art in Clanwilliam, einer kleinen Stadt etwa 230 Kilometer nördlich von Kapstadt. Dort werden wir die ganze Woche über bleiben. Der September und Oktober sind noch nicht durchgeplant. Mark hat uns stattdessen eine Reihe an Dingen aufgezählt, die für uns in Betracht kommen. Darunter: community theatre work in den Townships mit Magnet und mit einer anderen Gruppe namens Mother Tongue Collective, Arbeit am Internet-/Youtubeauftritt von Magnet und begleitende Arbeit zu den Produktionen, die die Magnet-Schüler gerade entwickeln. Von besagten Schülerinnen und Schüler haben wir heute schon eine Präsentation anschauen dürfen, das Ergebnis einer vor zwei Tagen gestellten Aufgabe. Die kurze Aufführung drehte sich unter anderem um eine verlorene afrikanische Sprache („Koh“?), gesprochen wurde Englisch und Xhosa (mit Klick am Anfang). Nicht viel mehr als eine Übung, aber interessant anzusehen, insbesondere dank der Sprachen und einem großen Feuer in einer Aluschale auf der Bühne. Mit einigen der Schüler habe ich mich hinterher noch kurz unterhalten, zum Beispiel mit Levie (von dem ich, als er sich vorstellte, „I'm Levie“, dachte, er habe mir gerade gesagt, er müsse nun gehen) und Luanda, der heute eine zwölfstündige Taxifahrt zu unternehmen gedenkt, um am Eastern Cape einem wichtigen Ritual für seinen verstorbenen Großvater beizuwohnen.

Nachdem ich kurz mit Meghan bei Kwikspar und bei mir zu Hause war, gab es erst Abendessen mit Ine, bevor wir uns aufmachten, einen Abend im Nachtleben des Obz zu verbringen. Die ganze WG (sogar Sandro traf ich dort erstmals) plus Meghan ging ins Forex, was aber leider für Foreign Exchange Bar steht und auch dementsprechend erasmussig wirkte. Daher gingen Meghan und ich nach nur drei Minuten weiter ins Café Ganesh, eine wesentlich weniger überlaufene und austauschsemestrige, dafür bedeutend schwärzere Bar. Wir setzten uns in den kleinen Obergeschossbereich und fingen sehr schnell an, uns mit zwei jungen Männern zu unterhalten, Jay-Jay und sein Freund, der den ganzen Abend über zu leise sprach, als dass man seinen Namen oder irgendetwas, was er sagte, hätte verstehen können. Was folgte, war eine lange angeregte Unterhaltung. Wir haben eine Einführung in Xhosa bekommen, einen speziellen südafrikanischen Händedruck gelernt und über tausend verschiedene Dinge unterhalten. Ine stieß zu uns, dann auch der Magnet-Techniker Timba (?), später kurzzeitig auch der Rest meiner WG. Während Meghan meinte, ich sei „predictable“ oder vielleicht eher „consistent“, regte Jay-Jay an, Meghan sei „classic“ und „just there“. Kurz nach halb zwei lösten wir uns dann alle wieder voneinander, Meghan nahm ein Uber nach Hause, Ine und ich gingen die fünf Minuten zurück in unsere Station-Road-Wohnung.

Mittwoch, 27. Juli 2016

Die Tage 0 und 1

Dienstag, 26.07.2016
Hamburg Airport, Terminal 1, Gate C02. Es ist 20:22 Uhr; in einer halben Stunde wird das Boarding bereits begonnen haben.
Ich mach schnell ein Bild!“ - „Jana, lass.“
Von hier wird mich eine Emirates-Maschine nach Dubai bringen, meinen einzigen Zwischenstopp auf dem Weg nach Kapstadt, Südafrika. In rund 22 Stunden werde ich hoffentlich in der Station Road angekommen sein, Nummer 152, meiner Unterkunft für die nächsten vier Monate.
Papa, glaubst du mir? Glaubst du mir?“
Ungefähr sieben internationale Bewohnerinnen und Bewohner sind schon da, ich werde die letzte Neuankunft sein.
Es werden die Passagiere Bischof, Lang und Tournier dringend ans Gate 21 gebeten.“
Vier Monate Kapstadt, die hoffentlich angenehmer werden, sehr viel angenehmer, als die Vorbereitungen in dem halben Jahr davor.
Nein! Mama sagt doch nein! Kriegst du Ärger. Kriegst du Ärger mit der Polizei, guck, die ist doch da.“
Toi toi toi.
 

Mittwoch, 27.07.16
Ich bin in Dubai angekommen. Der Flug verlief problemlos, ich habe „Where to Invade Next“ angeschaut und probiert, ein bisschen zu dösen, letzteres eher erfolglos. Vom Flugzeug zum Terminal sind wir lange Bus gefahren, draußen waren es 32 Grad um kurz vor sechs Uhr Ortszeit. Die Sonne war schon zu sehen, ein fahlgelber Ball im Morgendunst der Vereinigten Arabischen Emirate. Nach der Busfahrt sofort Security, einer der Taschenkontrolleure trug ein langes weißes Araber-Gewand. In der Schlange auf der Männertoilette habe ich mich erstmals sehr weiß gefühlt. Gerade wollte ich mir mit einem Fünf-Euro-Schein eine Flasche Wasser kaufen; ich hatte vorher nachgefragt, mit Euro könne man hier zahlen. Die 3,50 EUR Wechselgeld hatte der Kassierer jedoch nicht, wollte mir lokales Geld zurückgeben. Als ich darüber nicht zu allzu glücklich war, hat er mir das Wasser geschenkt.

7030 km seit Dubai, noch 630 km bzw. eine Stunde bis Kapstadt, wir sollen um 16:27 Uhr angekommen. Emirates sind sehr gut. Das Essen war lecker und genügend; auch das Medienangebot ist erste Klasse, ich habe „The Revenant“ geguckt und zwei, drei Podcasts gehört. (Süd-)Afrika von oben ist bisher sehr braun und karg mit vereinzelten sehr langen geraden Straßen. Ich habe das Gefühl für Zeit verloren, gestern und heute sind mangels Schlaf eine lange Kombination. Aber in sechs Minuten ist es Zeit für das muslimische Asr-Gebet, so viel weiß ich dank dem Bildschirm (und wo Mekka ist auch, nämlich 6000 km hinter uns). Der Schlafmangel wird außerdem daran deutlich, dass ich mich eben gefragt habe, ob es nicht kürzer wäre, anstatt über Dubai über den Nordpol zu fliegen. Langsam werde ich ein klein wenig nervös, hoffentlich sind sowohl mein Gepäck als auch mein Taxi gleich da.

Die Immigrations-Dame war sehr freundlich, das Gepäck war da, der Taxifahrer kam mit leichter Verspätung, war dann aber sehr nett und redselig. In meinem neuen Zuhause (152 Station Road, Observatory) wurde ich von Ine empfangen, meiner Mitbewohnerin aus Norwegen. Wir haben zwei Häuser, die über einen Garten miteinander verbunden sind; in den Häusern leben je drei Personen. Bei mir wohnt neben Ine noch Angélique aus der Schweiz (Mutter aus dem Kongo); nebenan wohnen Helen (England), Rachel (USA) und Sandro (Schweiz), letzterer mir bisher noch unbekannt. Mit den Mädchen bin ich später zum Abendessen in ein mexikanisches Restaurant gegangen. Alle scheinen sehr nett zu sein, von der Mitbewohnerinnen-Seite her verspricht es unkompliziert und angenehm zu werden. Die Wohnung selbst ist kalt, eine Heizung gibt es nicht, und klamm, alles ist irgendwie feucht, ansonsten aber schön. Kurios außerdem, dass wir Elektrizität im Supermarkt kaufen müssen bzw. einen Code zum Freischalten einer bestimmten Elektrizitäts-Kapazität. Mein Zimmer habe ich schon eingerichtet mit dem, was ich so mitgebracht habe. Um sieben ist es draußen zappenduster, daher (und aufgrund des langen Doppeltages) fühlt es sich seit Stunden wie mitten in der Nacht an. Auf dass die erste Nacht in Südafrika eine erholsame werde.