Freitag, 29. Juli 2016

Tag 2

Do, 28.07.16
Die erste Nacht war kälter als erhofft. Gliedmaßen sind strikt unter der Decke zu halten, sonst frieren sie. Da werde ich mich dran gewöhnen müssen.
Morgens war ich einkaufen bei Pick n Pay. Mein erstes Mal Afrika bei Tageslicht, mein erstes Mal Kapstadt auf eigene Faust. Einige Beobachtungen: Erstens ist afrikanischer Winter gleich Regenzeit gleich spontane Platzregen. Zweitens sind die Architektur und das Straßenbild generell überall leicht heruntergekommen, oder zumindest in den drei Straßen, die ich jetzt gesehen habe. Drittens ist der Verkehr ungefähr so, wie man ihn aus Filmen kennt, nämlich auf den ersten Blick total verrückt. Amsterdam-Fahrradverkehr, nur nicht mit Rädern, sondern mit Autos. Ständig wird irgendwo gehupt, aus allen Minibus-Taxen (vor denen ich schon von diversen Stimmen gewarnt wurde) brüllen die jungen Männer heraus. Wahrscheinlich, ob man lebensmüde veranlagt ist und mitfahren möchte. Um es alles noch unübersichtlicher zu machen, fährt man hier auf der linken Straßenseite.
Der Einkauf war weniger spannend als erhofft, die Auswahl und die Artikel unterscheiden sich auf den ersten Blick nicht groß von woanders. Das Merkwürdigste war noch, dass Säcke mit Feuerholz direkt neben den Gefriertruhen mit Fleisch standen. Wahrscheinlich sind mir die für mich kuriosen Dinge aber auch einfach noch nicht aufgefallen. Für zwei volle Taschen mit Lebensmitteln habe ich gerade mal knapp 14 Euro bezahlt (218 Rand). Ich habe mit meiner Visa-Karte bezahlt; der Bankautomat vorne in der Mall hatte kein Bargeld mehr.

Um zwei war ein Treffen zwischen Mark Fleishman, Meghan und mir in den Räumlichkeiten des Magnet Theatre angesetzt. Das Theater liegt nur rund fünf bis zehn Fußminuten von meiner Wohnung entfernt und befindet sich in einer ehemaligen Streichholzfabrik. Mark hat uns erklärt, wieso der Prozess bis hierhin so holprig und informationsarm war. Außerdem hat er dargelegt, wie die kommenden Monate für uns aussehen werden. Die ersten zwei Augustwochen (Aug I und II) werden wir an einer Idee von ihm mitarbeiten, Dramaturgie im relativ klassisch europäischen Sinne. In Aug III laufen Vorbereitungen für Aug IV, nämlich eine Art Festival oder etwas in der Art in Clanwilliam, einer kleinen Stadt etwa 230 Kilometer nördlich von Kapstadt. Dort werden wir die ganze Woche über bleiben. Der September und Oktober sind noch nicht durchgeplant. Mark hat uns stattdessen eine Reihe an Dingen aufgezählt, die für uns in Betracht kommen. Darunter: community theatre work in den Townships mit Magnet und mit einer anderen Gruppe namens Mother Tongue Collective, Arbeit am Internet-/Youtubeauftritt von Magnet und begleitende Arbeit zu den Produktionen, die die Magnet-Schüler gerade entwickeln. Von besagten Schülerinnen und Schüler haben wir heute schon eine Präsentation anschauen dürfen, das Ergebnis einer vor zwei Tagen gestellten Aufgabe. Die kurze Aufführung drehte sich unter anderem um eine verlorene afrikanische Sprache („Koh“?), gesprochen wurde Englisch und Xhosa (mit Klick am Anfang). Nicht viel mehr als eine Übung, aber interessant anzusehen, insbesondere dank der Sprachen und einem großen Feuer in einer Aluschale auf der Bühne. Mit einigen der Schüler habe ich mich hinterher noch kurz unterhalten, zum Beispiel mit Levie (von dem ich, als er sich vorstellte, „I'm Levie“, dachte, er habe mir gerade gesagt, er müsse nun gehen) und Luanda, der heute eine zwölfstündige Taxifahrt zu unternehmen gedenkt, um am Eastern Cape einem wichtigen Ritual für seinen verstorbenen Großvater beizuwohnen.

Nachdem ich kurz mit Meghan bei Kwikspar und bei mir zu Hause war, gab es erst Abendessen mit Ine, bevor wir uns aufmachten, einen Abend im Nachtleben des Obz zu verbringen. Die ganze WG (sogar Sandro traf ich dort erstmals) plus Meghan ging ins Forex, was aber leider für Foreign Exchange Bar steht und auch dementsprechend erasmussig wirkte. Daher gingen Meghan und ich nach nur drei Minuten weiter ins Café Ganesh, eine wesentlich weniger überlaufene und austauschsemestrige, dafür bedeutend schwärzere Bar. Wir setzten uns in den kleinen Obergeschossbereich und fingen sehr schnell an, uns mit zwei jungen Männern zu unterhalten, Jay-Jay und sein Freund, der den ganzen Abend über zu leise sprach, als dass man seinen Namen oder irgendetwas, was er sagte, hätte verstehen können. Was folgte, war eine lange angeregte Unterhaltung. Wir haben eine Einführung in Xhosa bekommen, einen speziellen südafrikanischen Händedruck gelernt und über tausend verschiedene Dinge unterhalten. Ine stieß zu uns, dann auch der Magnet-Techniker Timba (?), später kurzzeitig auch der Rest meiner WG. Während Meghan meinte, ich sei „predictable“ oder vielleicht eher „consistent“, regte Jay-Jay an, Meghan sei „classic“ und „just there“. Kurz nach halb zwei lösten wir uns dann alle wieder voneinander, Meghan nahm ein Uber nach Hause, Ine und ich gingen die fünf Minuten zurück in unsere Station-Road-Wohnung.

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