Montag, 31. Oktober 2016

Tag 87

Mo, 31.10.16
Nachdem Jenny H. heute eine Meditation von Band abgespielt hat, schien der Tag eigentlich erst normal loszugehen.

Um zehn jedoch rief Jennie alle auf der Bühne zusammen, auf der eigentlich gerade Nwabisa probte. Die bedrückt-wütende, zum Boden gerichtete Ansage: Irgendwann seit Freitag sei Geld aus dem Büro gestohlen worden, „a significant amount“, das für eines der kommenden Events benutzt werden sollte, 4000 Rand (270 Euro). Wer auch immer es war, solle das Geld zurückgeben, „no questions asked“, nur zurückgeben, damit die Veranstaltung stattfinden könne. Es müsse jemand von Magnet gewesen sein. Margie sagte Dinge übers Vertrauensverhältnis, bedrückte und demonstrativ ahnungslose Blicke streiften umher.
Die Trainees fingen, nachdem das Büro-Team die Bühne wieder verlassen hatte, gleich mit der Diskussions-Detektivarbeit an; Nwabisa holte sie zum Glück recht bald in die Probe zurück. Im Büro herrschte eine Viertelstunde lang eine eher depressive Stimmung, bis Margie per Telefon herausfand, dass Magnet bis 5000 Rand versichert ist. Jennie machte sich trotzdem daran, eine Ereignisabfolge für Freitag (wer wann wo war) zusammenzutragen. Sie telefonierte außerdem mit Mark, der offenbar ordentlich wütend war. Später kam noch die Polizei, um den Fall aufzunehmen. Immerhin: Margie meinte, das sei das erste Mal gewesen, dass so etwas passiert ist, seit Magnet 2010 ins jetzige Gebäude gezogen sei.

Arbeit gab es natürlich trotzdem auch. Ich erklärte Maggie, wie das Crowdfunding abläuft, da sie das ab Mitte der Woche übernehmen wird. Ich arbeitete mit neuem Infomaterial an der Wiki-Seite; sie ist im Grunde fertig, Jennie muss nur noch die Veröffentlichung absegnen. (Bzw. rief sie mich heute Nachmittag, als ich gerade nach Hause gekommen war, an, und fragte, wie sie den Text, die ich ihr geschickt hatte, bearbeiten könne. Antwort: gar nicht, da es ein Screenshot, also eine Bilddatei ist. Jennie meinte, irgendwas am Englisch sei nicht richtig. Was ich mir kaum vorstellen kann, da sowohl Meghan als auch Jenny H. drübergeguckt haben. Aber gut, werde ich dann wohl morgen erfahren, was Jennie gefunden hat.)

Jennie hatte heute allgemein keinen so tollen Tag, schien es („Can something good happen today, please?“). Kurz vor Feierabend kam sie aus Nwabisas Probe nach oben ins Büro und schimpfte, was zur Hölle sie die letzten drei Jahre hier eigentlich gemacht habe; man hatte sie davor schon auf der Bühne die Trainees zusammenstauchen hören. „No books, no pencils, can't read the text, don't even know the text, one week before they open!“ Lwanda stimmte mit ein, er habe keine Lust mehr. Der Arbeitsethos der Schauspielerinnen und Schauspieler sei zwar nicht von allen, aber von den meisten unter aller Sau.

Und auch Meghan hatte heute einen Frustmoment: Als sie bei der Polizei anrief, verstand man sie am anderen Ende der Leitung wegen ihres amerikanischen Akzents nicht, Margie musste übernehmen. Darüber hatte sie sich schon häufiger aufgeregt, der Fall heute aber fiel besonders drastisch aus. Wie das denn sein könne, fragte sie, in all den Filmen und Serien und Liedern, die die Leute kennen, haben doch alle genau ihren Akzent. Tja. Ist heute anscheinend alles nicht so einfach.

Sonntag, 30. Oktober 2016

Tag 86

So, 30.10.16
Heute bin ich aufgewacht und war erst einmal verwirrt, da mein Laptop und mein Wecker mir unterschiedliche Uhrzeiten anzeigten. Nach kurzer Recherche fand ich heraus, dass mein Laptop automatisch die Sommerzeit, die in Deutschland letzte Nacht endete, herausgenommen hatte – was ich schnell änderte. Hier bleibt die Zeit dieselbe, ich habe also ab sofort eine Stunde Zeitverschiebung zu Deutschland (hier in Südafrika ist es eine Stunde später).

Dann machte ich einen Nudelsalat, denn für heute Mittag hatte ich mich mit einer Englische-Literatur- und Psychologie-Studentin, die ich auf meiner Suche nach netten Menschen, mit denen ich im November etwas machen könnte, kennengelernt habe, nahe des Lower Campus zum Picknick verabredet. Sinakho (sprich: ßi-NA-ko, mit kehligem A, ähnlich dem aa in „Afrikaans“) kommt aus Johannesburg, hat mal zwei, drei Jahre in England gelebt, und ist ziemlich witzig. Wir haben den Nachmittag über gegessen, ein wenig Musik gemacht (ich hatte meine Gitarre dabei) und uns vor allen Dingen sehr gut unterhalten. Das Ganze fand statt am Ufer eines Reservoirs, das zwar eingezäunt ist; im Zaun klafft allerdings ein großes Loch (mit einem Schild daneben, auf dem jemand das „no entry“ mit einem großen „welcome“ übermalt hat). Wir waren bei weitem nicht die einzigen, das Gewässer war sehr gut besucht (wie eigentlich immer, so Sinakho). Diverse Leute schwammen sogar darin. Und die Szenerie war durchaus malerisch.

Bemerkenswert: Gegen Abend stand die Sonne im einen Moment noch hoch am Himmel, dann berührte sie den Gipfel des Tafelbergs, und plötzlich war sie in einer Geschwindigkeit dahinter verschwunden, die ich so noch nicht gesehen habe. So schnell ist die normalerweise nicht, waren wir uns einig.

Ach, und ich habe ein Zehn-Sekunden-Video aufgenommen, das, wie ich hinterher festgestellt habe, zufällig eine Art absurdes Kunstwerk geworden ist. Ich mag es sehr:

Als es gegen halb sieben langsam frisch wurde und noch langsamer in Richtung Dämmerung voranschritt, gingen wir über den Campus zur Main Rd hinunter, von wo aus wir uns Ubers bestellen wollten. Auf dem Weg trafen wir vor einem Wohnheim noch zufällig eine Freundin von Sinakho, Denise, die unter anderem erzählte, dass sie am Montag um ihr Handy erleichtert worden sei, als sie (mittags!) mit dem Zug fuhr. Alle anderen im Abteil waren gerade ausgestiegen, und sie, da sie nun allein im Waggon war, wollte gerade in ein anderes Abteil wechseln. Handy aus der Hand gerissen, Handy zurückgerissen, Messer gezückt, gut, verkackt, hier, bitteschön.

Ach: Ich wartete, bevor wir zum Reservoir gingen, auf einem Parkplatz auf Sinakho. Ich saß neben einem Auto, das einen platten Hinterreifen hatte. Steht hier wohl schon länger, dachte ich. Stand es aber nicht, der Besitzer und dessen Familie kamen kurz darauf zurück. Er solle vielleicht mal seinen Reifen checken, riet ich ihm, als er einsteigen wollte. Oh, tatsächlich, hm, gar nicht bemerkt, danke. Jetzt wechseln?, überlegte er. Hm, nein, er wolle probieren, zur nächsten Werkstatt zu fahren. Stieg ein, fragte mich durchs Fenster, wie sieht das aus?, ja, eher nicht so. Woraufhin er wieder ausstieg und mit einer beeindruckenden Selbstverständlichkeit den Reifen wechselte, mit sicheren Handgriffen und ganz ohne Murren oder irgendetwas, nicht einmal ein „so was Blödes“ kam ihm über die Lippen. Vielmehr unterhielt er sich beim Reifenwechseln noch ein wenig mit mir, während seine Frau und sein Sohn (schätzungsweise) sich die Beine vertraten.

Die Tage 84 und 85

Fr, 28.10.16
Honey war heute wieder da. Er wirkte nicht anders als sonst, aber seine tagelange Abwesenheit hatte durchaus seine Auswirkungen. Erst unterhielt Margie sich unten mit ihm, ich probierte von oben aus dem Büro zu lauschen, konnte aber nur stellenweise Satzfetzen ausmachen. Von Margie zum Beispiel, die Honey mit viel Stimmung in der Stimme fragte, was er denke, wo das hinführen soll für ihn, er sei doch bisher auf so einem guten Weg gewesen. Später wurden Zukisani und ich sogar aus dem Büro geschickt, da Jennie, Margie und Jenny H. ein vertrauliches Gespräch mit Honey führen wollten. Ich konnte ähnlich viel wie beim ersten Mal verstehen; es ging streckenweise um Bierkonsum (ein nicht so ergiebiges Thema, schien mir), dann darum, ob Honey wisse, was seine Abwesenheit für Magnet bedeutet, was für Auswirkungen sie auf alle anderen habe. Und derlei Dinge. Rausgeschmissen wurde Honey letztlich nicht, aber allzu glänzend ist die Lage glaube ich auch nicht. Schwierig auf jeden Fall.

Ich arbeitete erst eine ganze Weile an meinem Ekhaya-Crowdfunding-Handbuch-Dokument, dann nachmittags an meinem Clanwilliam-Trailer-„Drehbuch“. Nachmittags fand außerdem auf der Bühne ein Vorbereitungsseminar für Bewerber beim UCT Drama Department statt. Viele waren es nicht, die gekommen waren, so fünf oder sechs junge Erwachsene. Einige von ihnen habe ich wiedererkannt, Jugendliche aus den Culture Gangs. Magnet hilft ihnen, sich auf die Bewerbung an der Uni vorzubereiten.

Kurz vor Feierabend habe ich ein Gespräch zwischen Jennie, Nwabisa und Lwanda verfolgt, sie unterhielten sich über „The Fall“. Jennie hatte am Vorabend offenbar eine Aufführung gesehen. Die drei unterhielten sich über das Stück selbst (Nwabisa merkte an/kritisierte?, dass das Stück probiere, im Nachhinein Geschehnissen Sinn zu geben, die sich währenddessen gar nicht nach Sinn und Verstand angefühlt hatten) und über dessen Verhältnis zu „23“, das bald uraufgeführt wird. „23“ ist wesentlich intuitiver als „The Fall“, geht dieselbe Thematik von einer anderen Seite her an, und ist weniger Argumentation als vielmehr physical theatre, in Einklang mit der Ausbildung der Trainees. Ich weiß, ich wiederhole mich, aber ich freue mich schon auf die fertige Inszenierung von Nwabisas Show.

Zum Abschluss hier erst ein Foto, das Ine beim friedlichen Protest am Mittwoch geschossen hat:

Gefolgt von einigen Bildern von dem darauf folgenden, nicht mehr friedlichen Teil der Demonstration:

Sa, 29.10.16
Der heutige Samstag war erneut schön ruhig, ich mag momentan meine entspannten Wochenenden. Ich lese gerade zwei Bücher parallel, eins auf Deutsch und eins auf Englisch. In Kapstadt ist es seit einigen Tagen ziemlich windig und nur noch mäßig warm. Und ich möchte hier noch eine E-Mail dokumentieren, die ich schon vor über einer Woche bekommen, aber heute erst gelesen habe:

Drama Department Update. 20.11.2016
Dear Drama Department Students
On behalf of the Drama Department Staff: It remains increasingly difficult to update students and provide clarity on the continuation of courses, the marking structures, the timing of course delivery and the examination process. The unfolding events at UCT are changing rapidly and what appears to be a way forward one day is challenged and collapses the next. Opinions and thinking within the university and faculties appear polarised and there are many nuances within those polarities. The proposed blended learning option is coming under increasing disfavour. Libraries, computer lab and transport access has been disrupted and erratic. Many staff and students who have been attempting to engage with this option have found that they are being harassed for pursuing this route.
We at the Drama Department find ourselves torn; one the one hand we have students demanding course continuity, ready answers and certainty, and on the other, we have students demanding that we discontinue course activities completely. This is putting us under enormous pressure and, as a result, frustrating you and causing deep anxiety all round.
In addition, the Umhlangano Collective continues to occupy the Hiddingh Campus. (Staff have had no access to our Campus for the past 5 weeks.)  Hiddingh Staff, with support of the Dean and Humanities Executive, have to date honoured this occupation believing that securitisation is not the way forward. Given the unsettling events on Main Campus, our position appears justified. We are in continuing facilitated talks with the Collective and there is a staff and student meeting scheduled with Umhlangano for Saturday 22 October. We believe that ongoing dialogue is the only way we can fairly and credibly deliver our creative and academic programme to all students.
There is also an extended Humanities Dean’s Advisory Committee meeting on Friday afternoon where the issue of how to continue will be deliberated.
We are hoping that both these meetings will begin to provide some sorely-needed clarity and equitable pathways forward.
We ask for your patience and understanding as we continue to positively engage in a painstaking and time-consuming process.
Geoffrey Hyland
Associate Professor: HOD Drama

Freitag, 28. Oktober 2016

Tag 83

Do, 27.10.16
Heute Morgen haben Margie und Sara sich fassungslos und frustriert über die Vorgänge auf den Straßen Kapstadts gezeigt, ich habe ab und an einen Kommentar eingeworfen. Sara meinte, sie fühle sich an 1986 erinnert, damals sei sie selbst Studentin gewesen, und damals wären sie gegen das Apartheids-Regime auf die Straße gegangen. Die beiden nicht mehr ganz jungen Damen sind besorgt; die Geschichte wiederholt sich, und niemand ist da, „no adult“, der eingreifen und die Geschehnisse entschärfen und lenken könnte. Die Studenten sind zornig, die Regierung unfähig, der Präsident abwesend, die Unileitung(en) probieren, sich aus der Affäre zu ziehen, die Polizei ist alles andere als eine Hilfe. Nicht schön gerade, die Situation hier. Und übrigens mal etwas abseits der Geschehnisse gefragt: Wieso berichten die deutschen Medien über den ganzen Scheiß eigentlich kein bisschen?

Im Büro habe ich auf Geheiß Margies ein bisschen an Nwabisas Postern herumgedoktort, da ein Logo gefehlt hat. Ich habe die Glühbirne in einem der beiden Klos gewechselt, da Themba sich heute freigenommen hatte, weil er bald umzieht und packen muss (und trotzdem war er mittags eine Weile da, er ist einfach unverzichtbar plus er kann nicht nein sagen). Ich habe Ausdrucke von Easiprint abgeholt und zwei Schlüssel nachmachen lassen. Ich habe ein bisschen weiter gecrowdfundet. Ich habe einen Großteil des Ekhaya-Übergabe-Infozettels geschrieben. Ach, und Meghan war übrigens heute ebenfalls nicht da: Sie hat einen Freund zu Besuch und macht, was ich letzte Woche getan habe, also frei.

Nachmittags habe ich bei Nwabisas „23“-Probe (aus eigener Entscheidung, und da Jenny H. nicht Margie ist, hat sie mich gewähren lassen) zugeschaut, mitgeholfen und ein paar Bilder gemacht. Hat Spaß gemacht, fühlte sich regelrecht nach dramaturgischer Arbeit an. Ich bin direkt ein bisschen traurig, dass es nächste Woche vorbei ist bei Magnet, jetzt, wo ich mich mit den Trainees und allen immer besser verstehe. Aber ich bin ja auch nach nächstem Mittwoch noch einen knappen Monat im Lande, also Abschied ist nächste Woche immerhin noch nicht.

Mittwoch, 26. Oktober 2016

Tag 82

Mi, 26.10.16
Heute Morgen habe ich erneut bei Shauns singing class mitgemacht, bzw. habe ich eher dabeigesessen, während die Trainees über ein neues Lied für Nwabisas Show diskutiert haben. Es ging um die richtige Ausführung des steaming, einer Art Inhalation, die offenbar in der Xhosa-Kultur eine säubernde, quasi-aber-nicht-wirklich-rituelle Bedeutung hat. Ganz habe ich es nicht durchblickt. Zuvor hatte Shaun Lwando gedehnt/massiert; die Trainees waren heute von ihrer gestrigen Tanzklasse enorm muskelkaterig. Nachdem Shaun mit dem deutlich leidenden Lwando fertig war, ging es in die nächste, größere Runde; ich durfte der gesichtsverziehenden Meagan die Kniegelenke und den Rücken dehnen.

Von zehn bis viertel vor zwölf hatten wir mal wieder ein großes staff meeting. Es gab – neben vielen anderen Themen – eine kurze Nachbesprechung des Culture Gangs Showcase und einen Ausblick auf die Early-Years-Stücke, die nach Deutschland bzw. Italien gehen werden. Die mich direkt betreffenden Programmpunkte: Ich muss die Übergabe des Ekhaya-Crowdfundings vorbereiten, ich werde noch das Clanwilliam-Video machen, Jennie wird sich die Wiki-Seite noch angucken. Außerdem haben wir festgelegt, dass nächste Woche Mittwoch der offiziell letzte Tag für Meghan und mich bei Magnet sein wird, inkl. Verabschiedung mit Essen im Büro oder so, meinte Jennie. Außerdem habe ich mir einen O-Ton von Jennie notiert: „Everyone at magnet is getting paid, except for me and Mark, because there is no money.“ Und ausgenommen Meghan und ich, versteht sich.

Es gibt momentan ein bisschen ein Problem mit Honey, der seit Sonntag unkontaktierbar verschwunden ist. Da er einen Schlüssel bei sich hat und den Code der Alarmanlage kennt, waren Menschen ein wenig besorgt, von der Sorge um Honeys Wohlergehen ganz abgesehen. Ich schnappte nach dem Meeting die Worte substance abuse, bezogen auf die Townships, auf. Die Auflösung der Situation kam jedoch nachmittags, als Jenny H. einen Anruf von Honey bekam: Ein Mitglied seiner Familie sei nach einer Handgreiflichkeit bei einer Feier festgenommen worden; er, Honey, müsse wohl morgen vor Gericht aussagen. Irgendwie so in der Art. Ist alles ein bisschen undurchsichtig.

Ich habe weiter crowdgefundet, heute derart, dass ich die ganzen Theater und Kapstadt-/Südafrika-Portale, die ich letzte Woche bei Facebook angeschrieben habe, noch einmal angeschrieben habe. Letzte Woche hat von 36 Angeschriebenen nur einer reagiert, das Market Theatre (die auch sofort die Crowdfunding-Seite teilten, woraufhin wir als direkte Reaktion eine neue Spende bekamen). Heute jedoch, auf mein freundliches „Hey, Nachricht bekommen?, bitte helft uns doch“ hin, gab es ganze zwölf Rückmeldungen und eine ganze Reihe von Facebook-Shares. „African time“, meinte Jenny H., hier dauert eben alles ein bisschen länger.

Nach der Mittagspause (teils draußen verbracht) sind Themba, Zuks, Meghan und ich erneut zum Lagerraum in Woodstock gefahren, um, juhu, die rutschfesten Bodenmatten abzuholen. Themba hatte mir (und sich selbst) neulich noch versprochen, die werden da jetzt erst mal eine Weile bleiben, aber nun braucht Nwabisa sie wahrscheinlich für „23“. Obwohl wir heute an den 30 Grad gekratzt haben, war das Herumschleppen der superschweren Rollen diesmal gar nicht so schlimm. Vielleicht, weil Marks Wagen, in den wir die Rollen heute hineinhievten, anders ist als der Magnet-Van; vielleicht, weil wir uns einfach langsam an die Dinger gewöhnen.

Ich erfuhr bei der Gelegenheit (d.h. der Fahrt) ein bisschen mehr über Themba: Er kommt aus Zimbabwe, sein Vater auch, seine Mutter ist Südafrikanerin. Sein Adoptivvater (oder so) ist Brite. Themba hat einen südafrikanischen Pass und einen britischen, keinen von Zimbabwe. Ist alles ein bisschen kompliziert.

Wieder bei Magnet spielten/probierten die Trainees draußen unter Aufsicht von Nwabisa mit heißem Wasser (steaming!). Anstatt an einem Tag wie heute kaltes zu benutzen. Theatermenschen, tztz.

Kurz vor sechs kam Ine nach Hause. Sie hatte mich heute früh gefragt, ob ich mitwolle zu einem Protestmarsch vors Parlament, angeblich dem größten in Südafrika jemals (wobei das zweifelhaft ist). Da ich arbeiten musste, ging das natürlich nicht. Nun also kam Ine gegen sechs zurück, sichtlich aufgelöst. Sie meinte, sie haben vier Stunden lang in der prallen Sonne gestanden und friedlich gegen die (Erhöhung der) Studiengebühren protestiert, Stichwort #feesmustfall. Urplötzlich habe die Polizei angefangen, mit stun grenades, Blendgranaten, zu schießen, dann auch mit Gummigeschossen, und zwar auf friedlich Demonstrierende/in Panik Weglaufende. Ine meinte, angeblich habe jemand ein Plakat in Brand gesetzt und geworfen, daraufhin sei das Ganze losgegangen. Die Polizei verhafte wahllos Studierende auf der Straße, und in den Medien werde nur über angeblich gewalttätige Studenten, nicht aber über Polizeigewalt berichtet. Ine war körperlich okay, aber sichtlich aufgewühlt von den Erlebnissen des Tages.
Später hat sie ihre Erfahrungen in einem Facebook-Post niedergeschrieben, den ich hier festhalten möchte:

Hier ein Video von den heutigen Ereignissen:

Zum Abschluss noch ein weniger unerfreuliches Thema: Mehrsprachigkeit. Wie schon einmal erwähnt hat Südafrika elf amtliche Landessprachen: Englisch, Afrikaans, isiZulu, Siswati, Süd-Ndebele, Sesotho, Sepedi, Xitsonga, Setswana, Tshivenda und isiXhosa. Diese Vielsprachigkeit, so realisiere ich langsam, schlägt sich in einer Vielzahl von Dingen nieder.
Zum Beispiel Magnet Theatre: Die schwarzen Trainees sprechen isiXhosa und/oder isiZulu, die farbigen Afrikaans, Hauptkommunikationssprache ist Englisch. Letzteres aber nicht durchgängig, isiXhosa wird ebenfalls andauernd gesprochen. Was natürlich dazu führt, dass nicht alle immer verstehen, was gesagt wird. Und wenn – wie z.B. heute – ein isiXhosa-Lied geübt wird, müssen Meagan und Beviol, die beiden farbigen Trainees, erst einmal die Worte/Lautfolge lernen. Im Büro wird Englisch gesprochen. Viele der erarbeiteten Stücke sind zwei- bis dreisprachig, „23“ z.B. Englisch/isiXhosa/Afrikaans. Mit all dem wird sich einfach abgefunden, man hat sich damit arrangiert, niemand scheint sich daran zu stören. Eine interessante Arbeitsweise/-atmosphäre, wenn man mal so drüber nachdenkt.
Nicht ganz dazu passend, sondern eher im weiteren Zusammenhang mit den Amtssprachen stehend, hier eine ganz interessante Karte von Wikipedia:

Ein weiteres Beispiel für den Effekt der vielen Sprachen ist der Umgang mit Akzenten. Wesentlich weniger als z.B. von Kanadiern, Briten oder Amerikanern wird man von den Menschen in Südafrika auf seinen Akzent im Englischen angesprochen, habe ich das Gefühl. Auf Herkunft schon, aber nicht im direkten Bezug auf den Akzent.
Auch wird weniger Rücksicht genommen, wenn jemand merkt, dass der Gegenüber einen starken Akzent hat – bzw. vielleicht nicht weniger Rücksicht in dem Sinne. Aber es wird als normal angesehen, da die meisten Menschen hier nicht Muttersprachler sind, und man daher (so meine Theorie) bei jeder zweiten Person (bzw. noch häufiger) auf seine eigene Sprechweise Acht geben, deutlicher oder langsamer reden müsste. Das wird einfach nicht gemacht. Fremdsprachler sind überall; Akzente werden wahrgenommen, aber nicht als Grund angesehen, die eigene Sprechweise zu verändern. Eigentlich ein ganz angenehmer Effekt, finde ich. Das Motto, das ihm zugrundezuliegen scheint, ist: Irgendwie geht’s schon. Lasst uns einfach normal weitermachen. Wir werden uns schon verstehen.

Ach, noch eins: Wir haben momentan in der Wohnung Stromprobleme. Die letzten Tage ist immer mal wieder der Strom für bis zu einer Stunde ausgefallen, heute Abend dreimal für jeweils ein paar Minuten (das dritte Mal stand ich gerade unter der Dusche). Ein bisschen nervig. Aber so lange es bei Kurzausfällen bleibt, nun gut.

Tag 81

Di, 25.10.16
Heute: Nwabisa hat unsere Poster hochgeladen, das Facebook-Event ist durchgestartet, ich hab noch mal ein bisschen mitgeholfen bei der Bearbeitung und allem. Die Poster kamen ziemlich gut an. Später habe ich endlich Nwabisas Skript gelesen und mit ihr in der Mittagspause darüber gesprochen. Noch später hat sie dann einen Durchlauf gezeigt (bzw. den größten Teil davon), angeschaut von Magnet-Designer Craig Leo, Meghan, Lwanda und mir. Nach der allgemeinen Besprechung danach hatte ich noch eine persönliche Besprechung mit Nwabisa, um noch einmal direkt auf mittags schon besprochene Punkte einzugehen. Was sie bisher auf die Beine gestellt hat wirkt tatsächlich schon besser, als ich es aus irgendeinem Grund eingeschätzt hatte. Und es sind noch mehr als zwei Wochen bis zur Premiere. Ich freu mich schon aufs Endergebnis.

Ich habe heute außerdem weiter an den Clanwilliam-Fotos herumgedacht, also inwiefern ein Trailer möglich ist, was ich dazu noch machen muss und brauche und so weiter. Auch habe ich mir heute für 343 Rand, ca. 23 Euro, das Magnet-Buch gekauft (statt für den Normalpreis von 450 ZAR, ca. 30 Euro). Ich habe die Hoffnung mittlerweile aufgegeben, dass ich womöglich ein Exemplar als Abschiedsgeschenk und Für-drei-Monate-unbezahlte-Arbeit-Dankeschön bekomme. Aber das Buch muss ja schon in meinem Regal stehen, finde ich. Deshalb.

Und ich hatte heute eine Diskussion mit Meghan darüber, was man als nicht-schwarzer Nicht-Südafrikaner sagen darf/sollte und was nicht. Ob man seine Meinung zu bestimmten Themen lieber für sich behält, da man des eigenen Privilegs wegen bestimmte Sachverhalte nicht richtig mitfühlen kann, bzw. ab welchem Punkt und bei welchen Themen das so ist. Wo beginnt mansplaining, wo hören (subjektiv) logische Argumente auf? Ausgelöst wurde das Ganze durch Lwanda, der von Kwikspar zurückkam und sich berechtigterweise darüber aufregte, dass er von einem Ladendetektiv (oder so) zum wiederholten Male durch den Laden verfolgt und sehr offensichtlich beschattet worden war – vermutlich aufgrund seiner Hautfarbe. Darf man (= ich) als weißer Europäer Lwanda, wenn er verkündet, beim nächsten Mal in die Luft gehen und ordentlich Aufstand machen zu wollen, raten, lieber nicht zu explodieren, sondern die Situation eher zu entschärfen als anzuheizen? Kann ich mich nicht richtig in ihn hineinversetzen, in sein Irgendwann-ist-das-Maß-voll-Gefühl, und sollte deshalb die Klappe halten? Oder ist mein Tipp, obwohl in der Tat aus weißer Perspektive geäußert, vielmehr einfach einer, der Diplomatie, den Glauben an gesunden Menschenverstand oder was auch immer über Herumschreien und Auf-die-Pauke-Hauen schätzt? Oder vielleicht beides gleichzeitig, auf verquere Art? Ein schwieriges, spannendes und unheimlich frustrierendes Thema.

Montag, 24. Oktober 2016

Die Tage 79 und 80

So, 23.10.16
Heute habe ich „Terror“ von F. von Schirach/der ARD nachgeholt, inkl. Begleitlektüre. Ich habe mich über südafrikanische Musik informiert. Und hatte einen sehr angenehmen, entspannten Tag.

Mo, 24.10.16
Meinen Magnet-Tag habe ich mit den Culture-Gangs-Fotos verbracht. Ich bin sogar damit fertig geworden. Meghan hat am Morgen die Meditation geleitet; sie hat uns mit unseren Sorgen konfrontiert und uns Hoffnung zu geben probiert, diese auch zu überwinden. Margie war den Tag über nicht da, weil sie für eine Klausur lernen muss. Jennie war nicht da, weil sie krank ist. Jenny H. hat sich nachmittags gefreut, als ich die Fotos fertig hatte, weil sie lieber die Bilder angucken als ihren Report schreiben mochte.
Ich habe die Jeans und die Shorts mitgenommen, die Paula hiergelassen hat, um sie Magnet zu vermachen. Dann habe ich sie aber spontan Meagan gegeben, das erschien mir noch besser. Die Jeans passen, wie Meagan mir freudig zeigte, als ich gerade dabei war, mich in den Feierabend zu verabschieden. Die Shorts zwar auch, aber sie wolle, dass Magnet auch etwas bekomme. Also eine Hose für eine Trainee, eine Hose für alle Trainees, gewissermaßen. Find ich gut so.
Ach, und seit unserer Vorstellung neulich grüßen Innocence, der Leibwächter in Soldatenmontur, und ich uns immer, wenn ich zu Pick n Pay gehe, neuerdings sogar mir Handschlag. Witziger Typ.
Ach, und heute früh hatten wir in beiden Häusern wieder keinen Strom. Aber offenbar nur für rund eine Stunde. Also alles wieder gut.

Samstag, 22. Oktober 2016

Tag 78

Sa, 22.10.16
Trotz Wochenende stand heute Arbeit auf dem Programm, war doch endlich der Tag des großen Culture Gangs Showcase gekommen. 130 Kinder und Jugendliche aus den verschiedenen Kapstädter Townships waren den ganzen Tag lang bei Magnet und führten in zwei Durchgängen (vier Gruppen vormittags, drei nachmittags) die in den letzten Monaten erarbeiteten Bühnenstücke auf. Familie und Freunde der Performer wurden mit Bussen an- und nach dem jeweiligen Durchgang wieder weggekarrt. Zwischendurch gab es Pancakes von Ina Paarman und Äpfel und Saft von Kwikspar. (Übrigens: von wegen 8000 Stück. Zwischen 150 und 200 waren es, wir haben die 10 Kilo komplett aufgebraucht.) Meghan war die Managerin des Tages und hatte ihn gut im Griff, alles verlief reibungslos. So reibungslos, dass wir sogar rund eine Stunde früher fertig wurden als geplant. Ankunft Performer, Ankunft Publikum 1, Show, Feedback, Urkunden, Abfahrt Publikum 1, Ankunft Publikum 2, Show, Feedback, Urkunden, Abfahrt Performer. Tadaaa.
Ich lief herum und half hier und da, hauptsächlich machte ich aber Fotos. Von den Shows, von den einzelnen Gruppen nach der Überreichung der Urkunden, vom Drumherum. Von allem also. Hier eine Auswahl:

Anschließend, so gegen vier, ging ich mit Themba und Meghan noch die Straße runter ins Armchair, eine Bar, wo wir im Garten ein Stündchen lang bei Sonne und gleichzeitigem Nieselregen den Tag ausklingen lassen. Danach zogen die beiden noch stadteinwärts, ich aber ging nach Hause – ich habe erstmal meinen Bedarf an Menschen für ein bisschen gedeckt, glaube ich. Ab Montag darf es dann gerne wieder weitergehen.