Nachdem Jenny H. heute eine Meditation
von Band abgespielt hat, schien der Tag eigentlich erst normal
loszugehen.
Um zehn jedoch rief Jennie alle auf der Bühne zusammen,
auf der eigentlich gerade Nwabisa probte. Die bedrückt-wütende, zum
Boden gerichtete Ansage: Irgendwann seit Freitag sei Geld aus dem
Büro gestohlen worden, „a significant amount“, das für eines
der kommenden Events benutzt werden sollte, 4000 Rand (270 Euro). Wer
auch immer es war, solle das Geld zurückgeben, „no questions
asked“, nur zurückgeben, damit die Veranstaltung stattfinden
könne. Es müsse jemand von Magnet gewesen sein. Margie sagte Dinge übers Vertrauensverhältnis, bedrückte und demonstrativ ahnungslose Blicke streiften umher.
Die Trainees fingen, nachdem das
Büro-Team die Bühne wieder verlassen hatte, gleich mit der Diskussions-Detektivarbeit an; Nwabisa holte sie zum Glück recht bald in die
Probe zurück. Im Büro herrschte eine Viertelstunde lang eine eher
depressive Stimmung, bis Margie per Telefon herausfand, dass Magnet
bis 5000 Rand versichert ist. Jennie machte
sich trotzdem daran, eine Ereignisabfolge für Freitag (wer
wann wo war) zusammenzutragen. Sie telefonierte außerdem mit
Mark, der offenbar ordentlich wütend war. Später kam noch die
Polizei, um den Fall aufzunehmen. Immerhin: Margie meinte, das sei
das erste Mal gewesen, dass so etwas passiert ist, seit Magnet 2010 ins
jetzige Gebäude gezogen sei.
Arbeit gab es natürlich trotzdem auch. Ich erklärte Maggie, wie das
Crowdfunding abläuft, da sie das ab Mitte der Woche übernehmen
wird. Ich arbeitete mit neuem Infomaterial an der Wiki-Seite; sie ist im
Grunde fertig, Jennie muss nur noch die Veröffentlichung absegnen.
(Bzw. rief sie mich heute Nachmittag, als ich gerade nach Hause
gekommen war, an, und fragte, wie sie den Text, die ich ihr
geschickt hatte, bearbeiten könne. Antwort: gar nicht, da es ein
Screenshot, also eine Bilddatei ist. Jennie meinte, irgendwas am Englisch sei
nicht richtig. Was ich mir kaum vorstellen kann, da sowohl Meghan als
auch Jenny H. drübergeguckt haben. Aber gut, werde ich dann wohl morgen
erfahren, was Jennie gefunden hat.)
Jennie hatte heute allgemein keinen so tollen
Tag, schien es („Can something good happen today, please?“). Kurz
vor Feierabend kam sie aus Nwabisas Probe nach oben ins Büro und
schimpfte, was zur Hölle sie die letzten drei Jahre hier eigentlich
gemacht habe; man hatte sie davor schon auf der Bühne die Trainees
zusammenstauchen hören. „No books, no pencils, can't read the
text, don't even know the text, one week before they open!“ Lwanda
stimmte mit ein, er habe keine Lust mehr. Der Arbeitsethos der
Schauspielerinnen und Schauspieler sei zwar nicht von allen, aber von
den meisten unter aller Sau.
Und auch Meghan hatte heute einen
Frustmoment: Als sie bei der Polizei anrief,
verstand man sie am anderen Ende der Leitung wegen ihres
amerikanischen Akzents nicht, Margie musste übernehmen. Darüber hatte sie sich schon häufiger aufgeregt, der Fall heute aber fiel besonders drastisch
aus. Wie das denn sein könne, fragte sie, in all den Filmen und
Serien und Liedern, die die Leute kennen, haben doch alle genau
ihren Akzent. Tja. Ist heute anscheinend alles nicht so einfach.
Heute bin ich aufgewacht und war erst
einmal verwirrt, da mein Laptop und mein Wecker mir unterschiedliche
Uhrzeiten anzeigten. Nach kurzer Recherche fand ich heraus, dass mein
Laptop automatisch die Sommerzeit, die in Deutschland letzte Nacht
endete, herausgenommen hatte – was ich schnell änderte. Hier bleibt
die Zeit dieselbe, ich habe also ab sofort eine Stunde
Zeitverschiebung zu Deutschland (hier in Südafrika ist es eine Stunde später).
Dann machte ich einen Nudelsalat, denn
für heute Mittag hatte ich mich mit einer Englische-Literatur- und
Psychologie-Studentin, die ich auf meiner Suche nach netten Menschen, mit
denen ich im November etwas machen könnte, kennengelernt habe, nahe des
Lower Campus zum Picknick verabredet. Sinakho (sprich: ßi-NA-ko, mit
kehligem A, ähnlich dem aa in „Afrikaans“) kommt aus
Johannesburg, hat mal zwei, drei Jahre in England gelebt, und
ist ziemlich witzig. Wir haben den Nachmittag über gegessen,
ein wenig Musik gemacht (ich hatte meine Gitarre dabei) und uns vor
allen Dingen sehr gut unterhalten. Das Ganze fand statt am Ufer eines
Reservoirs, das zwar eingezäunt ist; im Zaun klafft allerdings ein
großes Loch (mit einem Schild daneben, auf dem jemand das „no
entry“ mit einem großen „welcome“ übermalt hat). Wir waren
bei weitem nicht die einzigen, das Gewässer war sehr gut besucht (wie eigentlich immer, so Sinakho).
Diverse Leute schwammen sogar darin. Und die Szenerie war durchaus
malerisch.
Bemerkenswert: Gegen Abend stand die
Sonne im einen Moment noch hoch am Himmel, dann berührte sie den Gipfel des
Tafelbergs, und plötzlich war sie in einer Geschwindigkeit dahinter
verschwunden, die ich so noch nicht gesehen habe. So schnell ist die
normalerweise nicht, waren wir uns einig.
Ach, und ich habe ein
Zehn-Sekunden-Video aufgenommen, das, wie ich hinterher festgestellt
habe, zufällig eine Art absurdes Kunstwerk geworden ist. Ich
mag es sehr:
Als es gegen halb sieben langsam frisch wurde und noch langsamer in Richtung Dämmerung voranschritt, gingen wir
über den Campus zur Main Rd hinunter, von wo aus wir uns Ubers bestellen wollten. Auf
dem Weg trafen wir vor einem Wohnheim noch zufällig eine Freundin von Sinakho, Denise,
die unter anderem erzählte, dass sie am Montag um ihr Handy
erleichtert worden sei, als sie (mittags!) mit dem Zug fuhr. Alle anderen im
Abteil waren gerade ausgestiegen, und sie, da sie nun allein im
Waggon war, wollte gerade in ein anderes Abteil wechseln. Handy aus der
Hand gerissen, Handy zurückgerissen, Messer gezückt, gut, verkackt,
hier, bitteschön.
Ach: Ich wartete, bevor wir zum
Reservoir gingen, auf einem Parkplatz auf Sinakho. Ich saß neben
einem Auto, das einen platten Hinterreifen hatte. Steht hier wohl
schon länger, dachte ich. Stand es aber nicht, der Besitzer und dessen
Familie kamen kurz darauf zurück. Er solle vielleicht mal seinen Reifen
checken, riet ich ihm, als er einsteigen wollte. Oh, tatsächlich,
hm, gar nicht bemerkt, danke. Jetzt wechseln?, überlegte er. Hm, nein, er wolle
probieren, zur nächsten Werkstatt zu fahren. Stieg ein, fragte mich durchs Fenster,
wie sieht das aus?, ja, eher nicht so. Woraufhin er wieder ausstieg
und mit einer beeindruckenden Selbstverständlichkeit den Reifen
wechselte, mit sicheren Handgriffen und ganz ohne Murren oder irgendetwas, nicht einmal ein „so was Blödes“ kam ihm über die Lippen. Vielmehr unterhielt er
sich beim Reifenwechseln noch ein wenig mit mir, während seine Frau und sein Sohn (schätzungsweise) sich die Beine vertraten.
Honey war heute wieder da. Er
wirkte nicht anders als sonst, aber seine tagelange Abwesenheit hatte
durchaus seine Auswirkungen. Erst unterhielt Margie sich unten mit ihm, ich probierte von oben aus dem Büro zu lauschen, konnte aber
nur stellenweise Satzfetzen ausmachen. Von Margie zum Beispiel, die Honey
mit viel Stimmung in der Stimme fragte, was er denke, wo das
hinführen soll für ihn, er sei doch bisher auf so einem guten Weg
gewesen. Später wurden Zukisani und ich sogar aus dem Büro
geschickt, da Jennie, Margie und Jenny H. ein vertrauliches Gespräch
mit Honey führen wollten. Ich konnte ähnlich viel wie beim ersten
Mal verstehen; es ging streckenweise um Bierkonsum (ein nicht so ergiebiges Thema, schien mir), dann darum, ob Honey
wisse, was seine Abwesenheit für Magnet bedeutet, was für
Auswirkungen sie auf alle anderen habe. Und derlei Dinge.
Rausgeschmissen wurde Honey letztlich nicht, aber allzu glänzend ist
die Lage glaube ich auch nicht. Schwierig auf jeden Fall.
Ich arbeitete erst eine ganze Weile an
meinem Ekhaya-Crowdfunding-Handbuch-Dokument, dann nachmittags an
meinem Clanwilliam-Trailer-„Drehbuch“. Nachmittags fand außerdem
auf der Bühne ein Vorbereitungsseminar für Bewerber beim UCT Drama
Department statt. Viele waren es nicht, die gekommen waren, so fünf
oder sechs junge Erwachsene. Einige von ihnen habe ich wiedererkannt,
Jugendliche aus den Culture Gangs. Magnet hilft ihnen, sich auf die
Bewerbung an der Uni vorzubereiten.
Kurz vor Feierabend habe ich ein
Gespräch zwischen Jennie, Nwabisa und Lwanda verfolgt, sie
unterhielten sich über „The Fall“. Jennie hatte am Vorabend
offenbar eine Aufführung gesehen. Die drei unterhielten sich über
das Stück selbst (Nwabisa merkte an/kritisierte?, dass das Stück
probiere, im Nachhinein Geschehnissen Sinn zu geben, die sich
währenddessen gar nicht nach Sinn und Verstand angefühlt hatten)
und über dessen Verhältnis zu „23“, das bald uraufgeführt
wird. „23“ ist wesentlich intuitiver als „The Fall“, geht
dieselbe Thematik von einer anderen Seite her an, und ist weniger
Argumentation als vielmehr physical theatre, in Einklang mit der
Ausbildung der Trainees. Ich weiß, ich wiederhole mich, aber ich
freue mich schon auf die fertige Inszenierung von Nwabisas Show.
Zum Abschluss hier erst ein Foto, das
Ine beim friedlichen Protest am Mittwoch geschossen hat:
Gefolgt von einigen Bildern von dem
darauf folgenden, nicht mehr friedlichen Teil der Demonstration:
Der heutige Samstag war erneut schön
ruhig, ich mag momentan meine entspannten Wochenenden. Ich lese
gerade zwei Bücher parallel, eins auf Deutsch und eins auf Englisch.
In Kapstadt ist es seit einigen Tagen ziemlich windig und nur noch mäßig warm. Und ich möchte
hier noch eine E-Mail dokumentieren, die ich schon vor über einer
Woche bekommen, aber heute erst gelesen habe:
Drama Department Update. 20.11.2016
Dear Drama Department Students
On behalf of the Drama Department Staff: It remains
increasingly difficult to update students and provide clarity on the
continuation of courses, the marking structures, the timing of course
delivery and the examination process. The unfolding events at UCT are
changing rapidly and what appears to be a way forward one day is
challenged and collapses the next. Opinions and thinking within the
university and faculties appear polarised and there are many nuances
within those polarities. The proposed blended learning option is
coming under increasing disfavour. Libraries, computer lab and
transport access has been disrupted and erratic. Many staff and
students who have been attempting to engage with this option have
found that they are being harassed for pursuing this route.
We at the Drama Department find ourselves torn; one
the one hand we have students demanding course continuity, ready
answers and certainty, and on the other, we have students demanding
that we discontinue course activities completely. This is putting us
under enormous pressure and, as a result, frustrating you and causing
deep anxiety all round.
In addition, the Umhlangano Collective continues to
occupy the Hiddingh Campus. (Staff have had no access to our Campus
for the past 5 weeks.) Hiddingh Staff, with support of the Dean
and Humanities Executive, have to date honoured this occupation
believing that securitisation is not the way forward. Given the
unsettling events on Main Campus, our position appears justified. We
are in continuing facilitated talks with the Collective and there is
a staff and student meeting scheduled with Umhlangano for Saturday 22
October. We believe that ongoing dialogue is the only way we can
fairly and credibly deliver our creative and academic programme to
all students.
There is also an extended Humanities Dean’s
Advisory Committee meeting on Friday afternoon where the issue of how
to continue will be deliberated.
We are hoping that both these meetings will begin to
provide some sorely-needed clarity and equitable pathways forward.
We ask for your patience and understanding as we
continue to positively engage in a painstaking and time-consuming
process.
Heute Morgen haben Margie und Sara sich
fassungslos und frustriert über die Vorgänge auf den Straßen
Kapstadts gezeigt, ich habe ab und an einen Kommentar eingeworfen.
Sara meinte, sie fühle sich an 1986 erinnert, damals sei sie selbst
Studentin gewesen, und damals wären sie gegen das Apartheids-Regime
auf die Straße gegangen. Die beiden nicht mehr ganz jungen Damen
sind besorgt; die Geschichte wiederholt sich, und niemand ist da, „no
adult“, der eingreifen und die Geschehnisse entschärfen und lenken
könnte. Die Studenten sind zornig, die Regierung unfähig, der
Präsident abwesend, die Unileitung(en) probieren, sich aus der
Affäre zu ziehen, die Polizei ist alles andere als eine Hilfe. Nicht schön gerade, die Situation hier. Und übrigens
mal etwas abseits der Geschehnisse gefragt: Wieso berichten die
deutschen Medien über den ganzen Scheiß eigentlich kein bisschen?
Im Büro habe ich auf Geheiß Margies
ein bisschen an Nwabisas Postern herumgedoktort, da ein Logo gefehlt
hat. Ich habe die Glühbirne in einem der beiden Klos gewechselt, da
Themba sich heute freigenommen hatte, weil er bald umzieht und packen
muss (und trotzdem war er mittags eine Weile da, er ist einfach
unverzichtbar plus er kann nicht nein sagen). Ich habe Ausdrucke von
Easiprint abgeholt und zwei Schlüssel nachmachen lassen. Ich habe
ein bisschen weiter gecrowdfundet. Ich habe einen Großteil des
Ekhaya-Übergabe-Infozettels geschrieben. Ach, und Meghan war
übrigens heute ebenfalls nicht da: Sie hat einen Freund zu Besuch
und macht, was ich letzte Woche getan habe, also frei.
Nachmittags habe ich bei Nwabisas
„23“-Probe (aus eigener Entscheidung, und da Jenny H. nicht
Margie ist, hat sie mich gewähren lassen) zugeschaut, mitgeholfen
und ein paar Bilder gemacht. Hat Spaß gemacht, fühlte sich
regelrecht nach dramaturgischer Arbeit an. Ich bin direkt ein
bisschen traurig, dass es nächste Woche vorbei ist bei Magnet,
jetzt, wo ich mich mit den Trainees und allen immer besser verstehe.
Aber ich bin ja auch nach nächstem Mittwoch noch einen knappen Monat
im Lande, also Abschied ist nächste Woche immerhin noch nicht.
Heute Morgen habe ich erneut bei Shauns
singing class mitgemacht, bzw. habe ich eher dabeigesessen, während
die Trainees über ein neues Lied für Nwabisas Show diskutiert
haben. Es ging um die richtige Ausführung des steaming, einer
Art Inhalation, die offenbar in der Xhosa-Kultur eine säubernde,
quasi-aber-nicht-wirklich-rituelle Bedeutung hat. Ganz habe ich es nicht
durchblickt. Zuvor hatte Shaun Lwando gedehnt/massiert; die Trainees
waren heute von ihrer gestrigen Tanzklasse enorm muskelkaterig.
Nachdem Shaun mit dem deutlich leidenden Lwando fertig war, ging es
in die nächste, größere Runde; ich durfte der gesichtsverziehenden Meagan die Kniegelenke und den Rücken dehnen.
Von zehn bis viertel vor zwölf hatten
wir mal wieder ein großes staff meeting. Es gab – neben vielen
anderen Themen – eine kurze Nachbesprechung des Culture Gangs
Showcase und einen Ausblick auf die Early-Years-Stücke, die nach Deutschland bzw. Italien gehen werden. Die mich direkt betreffenden Programmpunkte: Ich muss die Übergabe des Ekhaya-Crowdfundings vorbereiten,
ich werde noch das Clanwilliam-Video machen, Jennie wird sich die
Wiki-Seite noch angucken. Außerdem haben wir festgelegt, dass
nächste Woche Mittwoch der offiziell letzte Tag für Meghan und mich
bei Magnet sein wird, inkl. Verabschiedung mit Essen im Büro oder
so, meinte Jennie. Außerdem habe ich mir einen O-Ton von Jennie
notiert: „Everyone at magnet is getting paid, except for me and
Mark, because there is no money.“ Und ausgenommen Meghan und ich, versteht
sich.
Es gibt momentan ein bisschen ein
Problem mit Honey, der seit Sonntag unkontaktierbar verschwunden ist.
Da er einen Schlüssel bei sich hat und den Code der Alarmanlage
kennt, waren Menschen ein wenig besorgt, von der Sorge um Honeys
Wohlergehen ganz abgesehen. Ich schnappte nach dem Meeting die Worte substance abuse, bezogen auf die Townships, auf. Die Auflösung
der Situation kam jedoch nachmittags, als Jenny H. einen Anruf von Honey bekam: Ein
Mitglied seiner Familie sei nach einer Handgreiflichkeit bei einer
Feier festgenommen worden; er, Honey, müsse wohl morgen vor Gericht aussagen.
Irgendwie so in der Art. Ist alles ein bisschen undurchsichtig.
Ich habe weiter crowdgefundet, heute
derart, dass ich die ganzen Theater und Kapstadt-/Südafrika-Portale,
die ich letzte Woche bei Facebook angeschrieben habe, noch einmal
angeschrieben habe. Letzte Woche hat von 36 Angeschriebenen nur einer
reagiert, das Market Theatre (die auch sofort die Crowdfunding-Seite teilten,
woraufhin wir als direkte Reaktion eine neue Spende bekamen). Heute
jedoch, auf mein freundliches „Hey, Nachricht bekommen?, bitte
helft uns doch“ hin, gab es ganze zwölf Rückmeldungen und eine
ganze Reihe von Facebook-Shares. „African time“, meinte Jenny H.,
hier dauert eben alles ein bisschen länger.
Nach der Mittagspause (teils draußen verbracht) sind Themba, Zuks,
Meghan und ich erneut zum Lagerraum in Woodstock gefahren, um, juhu,
die rutschfesten Bodenmatten abzuholen. Themba hatte mir (und sich
selbst) neulich noch versprochen, die werden da jetzt erst mal eine
Weile bleiben, aber nun braucht Nwabisa sie wahrscheinlich für
„23“. Obwohl wir heute an den 30 Grad gekratzt haben, war das
Herumschleppen der superschweren Rollen diesmal gar nicht so schlimm.
Vielleicht, weil Marks Wagen, in den wir die Rollen heute hineinhievten, anders ist als
der Magnet-Van; vielleicht, weil wir uns einfach langsam an die
Dinger gewöhnen.
Ich erfuhr bei der Gelegenheit (d.h. der Fahrt) ein
bisschen mehr über Themba: Er kommt aus Zimbabwe, sein Vater auch,
seine Mutter ist Südafrikanerin. Sein Adoptivvater (oder so) ist
Brite. Themba hat einen südafrikanischen Pass und einen britischen,
keinen von Zimbabwe. Ist alles ein bisschen kompliziert.
Wieder bei Magnet spielten/probierten
die Trainees draußen unter Aufsicht von Nwabisa mit heißem Wasser (steaming!).
Anstatt an einem Tag wie heute kaltes zu benutzen. Theatermenschen,
tztz.
Kurz vor sechs kam Ine nach Hause. Sie
hatte mich heute früh gefragt, ob ich mitwolle zu einem
Protestmarsch vors Parlament, angeblich dem größten in Südafrika
jemals (wobei das zweifelhaft ist). Da ich arbeiten musste, ging das natürlich nicht. Nun also kam Ine gegen sechs zurück,
sichtlich aufgelöst. Sie meinte, sie haben vier Stunden lang in der
prallen Sonne gestanden und friedlich gegen die (Erhöhung der)
Studiengebühren protestiert, Stichwort #feesmustfall. Urplötzlich
habe die Polizei angefangen, mit stun grenades, Blendgranaten, zu
schießen, dann auch mit Gummigeschossen, und zwar auf friedlich
Demonstrierende/in Panik Weglaufende. Ine meinte, angeblich
habe jemand ein Plakat in Brand gesetzt und geworfen, daraufhin sei
das Ganze losgegangen. Die Polizei verhafte wahllos Studierende auf
der Straße, und in den Medien werde nur über angeblich gewalttätige Studenten, nicht aber über Polizeigewalt berichtet. Ine war
körperlich okay, aber sichtlich aufgewühlt von den Erlebnissen des
Tages.
Später hat sie ihre Erfahrungen in
einem Facebook-Post niedergeschrieben, den ich hier festhalten
möchte:
Hier ein Video von den heutigen Ereignissen:
Zum Abschluss noch ein weniger
unerfreuliches Thema: Mehrsprachigkeit. Wie schon einmal erwähnt hat
Südafrika elf amtliche Landessprachen: Englisch, Afrikaans, isiZulu,
Siswati, Süd-Ndebele, Sesotho, Sepedi, Xitsonga, Setswana, Tshivenda
und isiXhosa. Diese Vielsprachigkeit, so realisiere ich langsam,
schlägt sich in einer Vielzahl von Dingen nieder.
Zum Beispiel Magnet Theatre: Die
schwarzen Trainees sprechen isiXhosa und/oder isiZulu, die farbigen
Afrikaans, Hauptkommunikationssprache ist Englisch. Letzteres aber
nicht durchgängig, isiXhosa wird ebenfalls andauernd gesprochen. Was
natürlich dazu führt, dass nicht alle immer verstehen, was gesagt wird.
Und wenn – wie z.B. heute – ein isiXhosa-Lied geübt wird,
müssen Meagan und Beviol, die beiden farbigen Trainees, erst einmal
die Worte/Lautfolge lernen. Im Büro wird Englisch gesprochen. Viele
der erarbeiteten Stücke sind zwei- bis dreisprachig, „23“ z.B.
Englisch/isiXhosa/Afrikaans. Mit all dem wird sich einfach abgefunden, man
hat sich damit arrangiert, niemand scheint sich daran zu stören.
Eine interessante Arbeitsweise/-atmosphäre, wenn man mal so drüber
nachdenkt.
Nicht ganz dazu passend, sondern eher im weiteren Zusammenhang mit den Amtssprachen stehend, hier eine ganz
interessante Karte von Wikipedia:
Ein weiteres Beispiel für den Effekt der vielen Sprachen ist der Umgang mit Akzenten.
Wesentlich weniger als z.B. von Kanadiern, Briten oder Amerikanern
wird man von den Menschen in Südafrika auf seinen Akzent im Englischen angesprochen, habe ich
das Gefühl. Auf Herkunft schon, aber nicht im direkten Bezug auf den Akzent.
Auch wird weniger Rücksicht genommen, wenn jemand
merkt, dass der Gegenüber einen starken Akzent hat – bzw.
vielleicht nicht weniger Rücksicht in dem Sinne. Aber es wird als
normal angesehen, da die meisten Menschen hier nicht
Muttersprachler sind, und man daher (so meine Theorie) bei jeder
zweiten Person (bzw. noch häufiger) auf seine eigene Sprechweise Acht geben, deutlicher
oder langsamer reden müsste. Das wird einfach nicht gemacht.
Fremdsprachler sind überall; Akzente werden wahrgenommen, aber nicht
als Grund angesehen, die eigene Sprechweise zu verändern. Eigentlich
ein ganz angenehmer Effekt, finde ich. Das Motto, das ihm zugrundezuliegen
scheint, ist: Irgendwie geht’s schon. Lasst uns einfach normal
weitermachen. Wir werden uns schon verstehen.
Ach, noch eins: Wir haben momentan in
der Wohnung Stromprobleme. Die letzten Tage ist immer mal wieder der
Strom für bis zu einer Stunde ausgefallen, heute Abend dreimal für jeweils ein paar
Minuten (das dritte Mal stand ich gerade unter der Dusche). Ein bisschen nervig. Aber so lange es bei Kurzausfällen
bleibt, nun gut.
Heute: Nwabisa hat unsere Poster
hochgeladen, das Facebook-Event ist durchgestartet, ich hab noch mal
ein bisschen mitgeholfen bei der Bearbeitung und allem. Die Poster kamen ziemlich gut an. Später habe
ich endlich Nwabisas Skript gelesen und mit ihr in der Mittagspause
darüber gesprochen. Noch später hat sie dann einen Durchlauf
gezeigt (bzw. den größten Teil davon), angeschaut von
Magnet-Designer Craig Leo, Meghan, Lwanda und mir. Nach der
allgemeinen Besprechung danach hatte ich noch eine persönliche
Besprechung mit Nwabisa, um noch einmal direkt auf mittags schon
besprochene Punkte einzugehen. Was sie bisher auf die Beine gestellt hat wirkt tatsächlich schon
besser, als ich es aus irgendeinem Grund eingeschätzt hatte. Und es
sind noch mehr als zwei Wochen bis zur Premiere. Ich freu mich schon
aufs Endergebnis.
Ich habe heute außerdem weiter an den
Clanwilliam-Fotos herumgedacht, also inwiefern ein Trailer möglich
ist, was ich dazu noch machen muss und brauche und so weiter. Auch habe ich mir heute für 343 Rand, ca. 23 Euro, das
Magnet-Buch gekauft (statt für den Normalpreis von 450 ZAR, ca. 30
Euro). Ich habe die Hoffnung mittlerweile aufgegeben, dass ich
womöglich ein Exemplar als Abschiedsgeschenk und
Für-drei-Monate-unbezahlte-Arbeit-Dankeschön bekomme. Aber das Buch
muss ja schon in meinem Regal stehen, finde ich. Deshalb.
Und ich hatte heute eine Diskussion mit
Meghan darüber, was man als nicht-schwarzer Nicht-Südafrikaner
sagen darf/sollte und was nicht. Ob man seine Meinung zu bestimmten
Themen lieber für sich behält, da man des eigenen Privilegs wegen
bestimmte Sachverhalte nicht richtig mitfühlen kann, bzw. ab welchem
Punkt und bei welchen Themen das so ist. Wo beginnt mansplaining, wo
hören (subjektiv) logische Argumente auf? Ausgelöst wurde das Ganze
durch Lwanda, der von Kwikspar zurückkam und sich berechtigterweise
darüber aufregte, dass er von einem Ladendetektiv (oder so) zum
wiederholten Male durch den Laden verfolgt und sehr offensichtlich beschattet worden war
– vermutlich aufgrund seiner Hautfarbe. Darf man (= ich) als weißer
Europäer Lwanda, wenn er verkündet, beim nächsten Mal in die Luft
gehen und ordentlich Aufstand machen zu wollen, raten, lieber nicht
zu explodieren, sondern die Situation eher zu entschärfen als
anzuheizen? Kann ich mich nicht richtig in ihn hineinversetzen, in
sein Irgendwann-ist-das-Maß-voll-Gefühl, und sollte deshalb die
Klappe halten? Oder ist mein Tipp, obwohl in der Tat aus weißer
Perspektive geäußert, vielmehr einfach einer, der Diplomatie,
den Glauben an gesunden Menschenverstand oder was auch immer über Herumschreien und
Auf-die-Pauke-Hauen schätzt? Oder vielleicht beides gleichzeitig, auf verquere Art? Ein schwieriges, spannendes und unheimlich frustrierendes Thema.
Heute habe ich „Terror“ von F. von
Schirach/der ARD nachgeholt, inkl. Begleitlektüre. Ich habe mich
über südafrikanische Musik informiert. Und hatte einen sehr
angenehmen, entspannten Tag.
Mo, 24.10.16
Meinen Magnet-Tag habe ich mit den
Culture-Gangs-Fotos verbracht. Ich bin sogar damit fertig geworden. Meghan hat am Morgen die Meditation geleitet; sie hat uns mit unseren Sorgen konfrontiert und uns Hoffnung zu geben probiert, diese auch zu überwinden.
Margie war den Tag über nicht da, weil sie für eine Klausur lernen muss. Jennie
war nicht da, weil sie krank ist. Jenny H. hat sich nachmittags
gefreut, als ich die Fotos fertig hatte, weil sie lieber die Bilder
angucken als ihren Report schreiben mochte.
Ich habe die Jeans und die Shorts
mitgenommen, die Paula hiergelassen hat, um sie Magnet zu vermachen.
Dann habe ich sie aber spontan Meagan gegeben, das erschien mir noch
besser. Die Jeans passen, wie Meagan mir freudig zeigte, als ich gerade
dabei war, mich in den Feierabend zu verabschieden. Die Shorts zwar
auch, aber sie wolle, dass Magnet auch etwas bekomme. Also eine Hose
für eine Trainee, eine Hose für alle Trainees, gewissermaßen. Find
ich gut so.
Ach, und seit unserer Vorstellung
neulich grüßen Innocence, der Leibwächter in Soldatenmontur, und
ich uns immer, wenn ich zu Pick n Pay gehe, neuerdings sogar mir
Handschlag. Witziger Typ.
Ach, und heute früh hatten wir in beiden Häusern wieder keinen Strom. Aber offenbar nur für rund eine Stunde. Also alles wieder gut.
Trotz Wochenende stand heute Arbeit auf
dem Programm, war doch endlich der Tag des großen Culture Gangs
Showcase gekommen. 130 Kinder und Jugendliche aus den verschiedenen Kapstädter Townships
waren den ganzen Tag lang bei Magnet und führten in zwei Durchgängen
(vier Gruppen vormittags, drei nachmittags) die in den letzten
Monaten erarbeiteten Bühnenstücke auf. Familie und Freunde der
Performer wurden mit Bussen an- und nach dem jeweiligen Durchgang
wieder weggekarrt. Zwischendurch gab es Pancakes von Ina Paarman und
Äpfel und Saft von Kwikspar. (Übrigens: von wegen 8000 Stück. Zwischen 150 und 200 waren es, wir haben die 10 Kilo komplett aufgebraucht.) Meghan war die Managerin des Tages und
hatte ihn gut im Griff, alles verlief reibungslos. So reibungslos,
dass wir sogar rund eine Stunde früher fertig wurden als geplant. Ankunft Performer, Ankunft Publikum 1, Show, Feedback, Urkunden, Abfahrt Publikum 1, Ankunft Publikum 2, Show, Feedback, Urkunden, Abfahrt Performer. Tadaaa.
Ich lief herum und half hier und da, hauptsächlich machte ich aber
Fotos. Von den Shows, von den einzelnen Gruppen nach der Überreichung der Urkunden, vom Drumherum. Von allem also. Hier eine Auswahl:
Anschließend, so gegen vier, ging ich
mit Themba und Meghan noch die Straße runter ins Armchair, eine Bar,
wo wir im Garten ein Stündchen lang bei Sonne und gleichzeitigem
Nieselregen den Tag ausklingen lassen. Danach zogen die beiden noch
stadteinwärts, ich aber ging nach Hause – ich habe erstmal meinen
Bedarf an Menschen für ein bisschen gedeckt, glaube ich. Ab Montag
darf es dann gerne wieder weitergehen.