Donnerstag, 29. September 2016

Die Tage 54 und 55

Mi, 28.09.16
Heute Morgen habe ich erstmals bei der singing class der Trainees mitgemacht, gegeben von Clanwilliam-Musiker Shaun. Nach einem Gesprächsteil, bei dem ich interessiert, aber nicht produktivfähig zugehört habe, ging es in eine praktische Gruppenarbeit. Zusammen mit Meagan, Beviol, Lwanda und Honey habe ich (wieder eher interessiert-passiv mitmachend) ein traditionelles Lied Xhosa-Lied bearbeitet. Hier der Text, freundlicherweise niedergeschrieben von Lwanda:
1. malibuyele (it must come back) ekhaya (home) x3, icamagu (the spirit) livumile (has agreed)
2. yombela x2, icamagu livumile
ausgesprochen: [maliBUjélé KAja] x3, [i*schmatz*a-MAgu luMIIIlé]
Das hört sich dann (in unserer Zeitlupenversion) so an: Klick!

Danach habe ich an den Clanwilliam-Fotos weitergearbeitet, bis wir eine Sitzung in kleiner Runde im Büro hatten (Margie, Jenny H., Maggie, Zukisani, ich). Wir besprachen die Culture-Gangs-Präsentation am 22. Oktober. Es gibt neun aufführende Gruppen, wovon allerdings die Manenberg-Gruppe wahrscheinlich wegfallen wird, weil es wegen der Schießereien im Township (heute erneut) kaum Treffen gegeben hat. Wir erwarten um die 250 Personen; Catering und Transport für alle muss noch weiter organisiert werden – Meghans und mein Job.

Nach der Mittagspause ging es weiter mit den Fotos bis zum Feierabend, den Jenny H. sehr gerne bis zu 15 Minuten vorverlegt, was mir aber nie ungelegen kommt, insbesondere heute nicht, da ich langsam genug habe von Fotos.

Do, 29.09.16
Apropos Fotos: Heute ging es damit natürlich direkt weiter. Ich habe außerdem eine kurze Weile Fotos mit Margie durchgeschaut, die möchte, dass ich noch eine weitere Selektion meiner Selektion mache, und mir deswegen ihre Vorstellungen dieser Selektionselektion gezeigt hat.
Fun Fact dabei: Alle freuen sich, dass ich Fotos von Mark gemacht habe. Offenbar gab es bis Mitte 2014 so gut wie keine Fotos von ihm, was immer mal wieder ein Problem gewesen war. Gut, dass ich jetzt welche von ihm habe. Genug sogar.

Nach dem Mittag habe ich mich dann endlich überwunden und ein paar Anrufe getätigt, die Catering-Spendenanfragen wollen schließlich weiterverfolgt werden. Ich habe also bei KFC und Pick n Pay angerufen und zumindest keine abweisenden Antworten bekommen. Von SPAR haben wir außerdem schon 300 Äpfel und möglicherweise Saft in Aussicht gestellt bekommen.

Abends hat Ine norwegisch gekocht, neben mir haben Helen und Ines Freunde Ben und Owen mitgegessen. Es gab Kartoffeln mit Karotten, gestampften Erbsen und Hackbällchen in Bratensoße, zum Nachtisch wurde frischer Apfelkuchen serviert. Sehr lecker.

Zum Schluss noch mal zum Thema #feesmustfall, hier ein eher verstörendes Video aus dem Eastern Cape, das heute durch die sozialen Netzwerke ging:

Mittwoch, 28. September 2016

Die Tage 52 und 53

Mo, 26.09.16
Hiermit melde ich mich zurück, der Heimaturlaub ist vorbei, er war sehr schön. Die Entscheidung, das Visum noch einmal korrigieren zu lassen, war die richtige gewesen.
Über die letzten anderthalb Wochen möchte ich an dieser Stelle nichts weiter schreiben. Und auch der heutige Tag bedarf nicht allzu vieler Worte. Der Flug war, ebenso wie der vor anderthalb Wochen, angenehm. Habe ich auf dem Hinflug noch vier Filme geguckt, waren es heute fünf volle und zwei kürzere. Während ich vor anderthalb Wochen beim Abendessen vergessen wurde und es deswegen erst später bekam, woraufhin sich das Frühstück um drei Uhr morgens noch früher als sowieso schon anfühlte, verlief diesmal alles reibungslos. Kollabierte letztes Mal nachts einem Mann vor mir der Kreislauf, was für einen kleinen Aufruhr sorgte, stellte ich heute lediglich fest, dass Emirates vorm Abflug gern R. Kellys „I Believe I Can Fly“ und nach der Landung gern Frank Sinatra im Flugzeug laufen lässt.

5h15 Hamburg-Dubai, 9h10 Dubai-Kapstadt, so die heutigen geplanten Flugzeiten. Tatsächlich kam ich pünktlich gegen 16:30 Uhr in Kapstadt an, mein Gepäck lag schon auf dem Laufband, mein Taxifahrer (derselbe wie bei meiner ersten Ankunft, Kenny?) stand schon im Ankunftsbereich. Er setzte mich in der Station Road ab, ich zahlte 550 ZAR für zwei Fahrten. Drinnen traf ich auf Ine, die mir erzählte, was mein Taxifahrer schon erwähnt hatte, nämlich dass seit dem Tag, an dem ich losgeflogen war, die Uni ausgefallen war. Dazu morgen mehr.
Und so fiel ich – ich hatte diesmal bis auf zwei sehr kurze Dämmerzustände im Flugzeug gar nicht geschlafen – zwischen sieben und acht ins Bett und war sofort weg.

Di, 27.09.16
Am heutigen Morgen erwachte ich dafür ausgesprochen ausgeruht. Das tageserste Problem stand jedoch bereits in der Tür, als ich um kurz vor neun zu Magnet gehen wollte. Tatsächlich war es die Tür, die das Problem war: Sie ließ sich nicht öffnen. Das mittlere Schloss, das der Gittertür vor der Haustür, widersetzte sich meinem Schlüssel vehement. Fünf Minuten lang probierte ich auf alle möglichen Arten, die Tür zu öffnen, erfolglos. Ich weckte Ine, damit sie ausprobieren konnte, ob es mit ihrem Schlüssel womöglich funktioniere. Was es tatsächlich tat. Wir stellten fest, dass früher am Morgen, als sie die Mülltonne an die Straße gestellt hatte, ein Stück ihres Schlüssels im Schloss abgebrochen und steckengeblieben sein musste. Wir ließen folglich die Gittertür erst einmal unabgeschlossen. Am Abend hatte Ine Meldung von Theresa, dass die Handwerker für morgen bestellt seien.

Bei Magnet begrüßte mich Jenny H., kurz darauf Margie, und noch ein wenig später Nwabisa. Meghan ist momentan nicht hier, da sie in Kalifornien bei der Hochzeit ihrer Schwester ist, noch bis Anfang nächster Woche. Sie hat allerdings einen Plan hinterlassen, was weiterhin zu tun sei bei den Dingen, an denen sie gearbeitet hatte. Halbwegs damit in Einklang verabredete ich mit Margie, einigen Menschen wegen des Ekhaya-Crowdfundings und des Culture-Gangs-Showcase E-Mails zu schreiben, sowie meine Facebook-Freunde mit der Kampagne zu belästigen. Als ich damit für heute fertig war, widmete ich mich wieder meinen Clanwilliam-Fotos, von denen ich am Ende des Tages tatsächlich schon einmal die ersten fünf Tage hochladen und verbreiten konnte. Ich bin auf der Zielgeraden, würde ich sagen, spätestens übermorgen will ich fertig sein damit. 

Noch zur Schließung des Campus: Die #feesmustfall-Bewegung ist zurück, landesweit gibt es wieder Proteste, und landesweit haben die Unis den Lehrbetrieb vorübergehend eingestellt. Ich habe heute eine lange E-Mail von einem Professor Evance Kalula bekommen, weitergeleitet an mich vom Internationalen Büro der Universität von Amsterdam. Darin geht Kalula darauf ein, wieso die UCT momentan und noch mindestens bis Ende der Woche geschlossen ist (Sicherheitsbedenken bzw. sie wollen die Sicherheitsmaßnahmen nicht erhöhen, um eine weitere Eskalation zu verhindern) und was für Auswirkungen das auf das Semester hat (es wird wahrscheinlich um zwei Wochen verlängert, damit alle Prüfungen stattfinden können usw.). Insbesondere für die internationalen Studenten könnte das wohl problematisch werden; an einer Lösung, d.h. einer Einigung mit den Demonstrierenden, werde jedoch gearbeitet.

Mittwoch, 21. September 2016

Tag 51

Do, 15.09.16
Heute Morgen bin ich nicht zu Magnet gegangen, da ich später am Tag für etwa anderthalb Wochen nach Deutschland fliege, eine Hochzeit und ein 80-jähriger Geburtstag stehen an. Statt also zur Arbeit zu gehen, habe ich gepackt, Geld fürs Taxi zum Flughafen abgehoben, etwas Reiseproviant gekauft und bei Easiprint meinen Boarding Pass ausgedruckt (zwei Seiten s/w für 1 Rand = ca. 6 Cent). Mein Taximensch Cyril, mit dessen Tour- und Taxiunternehmen ich schon bei meiner Ankunft hier vom Flughafen in die Station Rd gefahren war, hat außerdem per E-Mail angefragt, ob er mich eine Viertelstunde früher abholen kann, um 16 statt um 16:15 Uhr, da der Verkehr zu der Zeit undurchdringbar sein werde und er noch einen weitere Fahrt danach habe. Ist okay.

Um 16:00 Uhr also holte Cyril persönlich mich ab, ein netter rundlicher farbiger Mann. Wir unterhielten uns die Fahrt über über deutsche Pünktlichkeit (Cyril beschwerte sich über die „African time“), das Wetter (wie, ich sei zu Weihnachten nicht mehr hier?, dann verpasse ich ja all the fun und Weihnachten ohne Schnee!) und über Politik in Südafrika. Cyril hält den ANC, die frühere Mandela- und seit dem Ende der Apartheid Regierungspartei, für nicht mehr wählbar. Die Alternative für ihn sei die DA, die zwar noch immer als Weißenpartei gehandelt wird, aber ihm zufolge großartige Dinge für die Menschen im Western Cape tue. Außerdem ärgerte er sich über die Weiße-ablehnende Haltung vieler UCT-Studenten, die er beobachtet habe, und attestierte ihnen eine Ausnutzung von schwarzen Privilegien. Interessante Sichtweise.
Dann setzte Cyril mich am Flughafen ab, zahlen könne ich, wenn er mich in anderthalb Wochen wieder abholt. Und so sitze ich nun in der Abflughalle des Cape Town International Airport und warte darauf, dass in einer halben Stunde mein Check-in startet. Mein Handgepäck ist schwerer als mein Koffer, und ich habe kein Internet mehr auf dem Handy, die Laufzeit von 30 Tagen ist offenbar vorbei. Ich habe kaum etwas von meinem gekauften GB genutzt; nächstes Mal besser. Und ja, damit melde ich mich für eine Weile ab. Ich südafrikablogge weiter, wenn ich wieder in Südafrika bin.

Okay, doch noch eins: ein Echtes-Zebra-Bodenbelag im Afrika-Laden an den Gates.

Mittwoch, 14. September 2016

Tag 50

Mi, 14.09.16
Eigentlich hatte ich vor, heute Morgen erstmals bei der allmittwöchlichen singing class der Trainees mitzumachen. Margie wollte mich aber stattdessen direkt im Büro haben, damit wir so schnell wie möglich die Crowdfunding-Kampagne online stellen konnten. Margie wollte am Trailer noch eine kleine Kleinigkeit geändert haben, dann schauten wir den Text der Kampagne noch einmal durch.

Und dann, endlich, gingen wir um 12:45 Uhr live. Ich rufe an dieser Stelle natürlich meine gigantische Leserschaft wärmstens dazu auf, doch ebenfalls für einen wunderbaren guten Zweck zu spenden, hier ist der Link zur Kampagne:

Und hier, noch einmal separat, mein Trailer:

Dieser Trailer ist jedoch tatsächlich nicht derjenige, den ich heute Morgen hochgeladen habe. Als ich aus der Mittagspause zurückkam, war nämlich gerade Stellvertreter-Panik im Büro ausgebrochen. Jennie hatte aus Johannesburg die sofortige Absetzung der Kampagne gefordert („Pull the campaign for editing!“), da im Trailer der Text „underserved communities“ (unterversorgte Gemeinden) vorkommt, und sie der Meinung war, dass man das erste dieser Wörter als „undeserved“ (unverdient) fehl-lesen kann. Wir suchten also (nach der anfänglichen „so ein Blödsinn“-Reaktion von Meghan und mir) auf Hochtouren nach einer Lösung, dachten über alternative Schreibweisen („under served“?) oder alternative Ausdrücke nach. Jenny H. stand in ständigem Kontakt mit Jennie, schrieb ihr unsere Lösungsvorschläge und schickte ihr sogar ein Foto von mir, da Jennie sie beauftragt hatte, sicherzustellen, dass sofort, in diesem Moment an einer Lösung gearbeitet wird.

Nachdem Jenny H. Mark (dem das böse Wort Jennie zufolge wohl überhaupt erst aufgefallen war) angerufen hatte, damit er (und nicht nur Panik-Jennie) unseren Vorschlag absegnen konnte, machte ich aus „underserved“ ein „under-resourced“, Meghan nahm das Video aus der Kampagne, ich exportierte den Trailer erneut, lud ihn erneut hoch, Meghan fügte das neue Video ein, und nach 50 Minuten Unverständnis, Panik und Resignation wurde die Katastrophenwarnstufe wieder heruntergefahren und alles war wieder in wunderbester Ordnung. Der ganze Stress hatte natürlich wenig Sinn ergeben, was ich auch äußerte. Jenny H. erwiderte, tja, dafür ist Jennie nun mal der Boss, und: „That's why it's hard to be an employee.“

Wesentlich witziger: Wir haben heute von einer besonderen Art Stalker erfahren, den Magnet bzw. Margie hat. Offenbar gibt es da eine Person, die aus irgendeinem Grund gerne den Magnet-Van kaufen würde. Sehr gerne. Extrem gerne. So gerne, dass sie – und hier beginnt die Geschichte, ganz hervorragend zu werden – Margie einen Kalender gemacht hat. Einen Margie-Pankhurst-Kalender. Mit großartigen, professionellen Margie-Pankhurst-Fotomontagen auf jeder Monatsseite. Von einer fiktiven Firma namens „Minibuses Wanted“, inklusive Logo. Für 2016/17. Margie selbst probiert wohl immer wieder, den Kalender ins Altpapier zu schmeißen, Jenny H. fischt ihn immer wieder heraus. Wir haben uns heute ausgiebig über diesen ganz phänomenalen Kalender gefreut, Meghan hat sogar Tränen gelacht. Toll, einfach toll. Ein großes Lob meinerseits an diese Person.

Da heute Mittwoch war, war außerdem Justin da. Ich traf ihn in der Mittagspause an. Da ich diesmal kein Post-it an meine Tür geklebt hatte mit einem „Danke, du musst heute nicht putzen und aufräumen“, hatte er genau das gemacht. Außerdem hatte er Mausefallen dabei, billige Plastikschnapper, die Theresa für 20 Rand (ca. 1,20 Euro) pro zwei Stück gekauft hatte. Die hat Justin mit Erdnussbutter bestrichen und in der Wohnung verteilt, eine auch in meinem Zimmer. Ich habe ihm noch die lockeren Fußleisten gezeigt, er meinte, er kümmere sich nächste Woche darum. Apropos nächste Woche, Justin machte lustige Laute des Erstaunens, als ich ihm erzählte, ich sei nächste Woche nicht da. Wo gehst du denn hin, Joburg oder so?, nein, Deutschland. Uh! Ho!

Bei Magnet (von wo wir dank einer dreisten Nachfrage Meghans heute 45 Minuten früher gehen durften) habe ich mich ebenfalls „bis in zwei Wochen“ (wenn auch nicht ganz) verabschiedet, zumindest von Jenny H., Beviol, Meghan und zuletzt Nwabisa. Wenn ich dann wieder hier bin, wird der Sommer wahrscheinlich schon richtig ausgebrochen sein. Heute stach die Sonne auf jeden Fall schon ganz ordentlich, ganz anders als gestern noch. Es wird, liebes Südafrika, es wird.

Dienstag, 13. September 2016

Die Tage 48 und 49

Mo, 12.09.16
Die Woche startete heute Morgen mit „meditation Monday“, heißt, wir versammelten uns alle auf der Bühne, um uns gemeinsam auf den Boden zu legen. Zukisani führte uns dann gedanklich in unsere Körper, in die nähere und letztlich die weitere Umgebung, bzw. führte er uns nicht, sondern wies uns vorab an, was wir tun sollten. Wir sind ja quasi alle Profis in derlei Dingen, da geht das auch ohne Dazwischengequatsche, war wohl sein Gedankengang.
Danach widmete ich mich wieder meinem liebsten Crowdfunding-Trailer, während Meghan am Culture Gangs Showcase herumorganisierte, das Mitte Oktober stattfinden soll. An dieser Stelle möchte ich einen Eindruck von der akustischen Untermalung geben, der wir im Büro häufig ausgesetzt sind. Zu hören sind hauptsächlich Meghan und im Hintergrund eine Probe von Lwanda: Klick!

Im Laufe des Nachmittags wurde ich tatsächlich fertig mit dem Video, alle freuten sich, Jenny H. gab mir ein dickes High Five. Am Abend jedoch bekam ich noch neues, professionelles Feedback, woraufhin ich das eigentlich schon fertige Video noch einmal umzumuddeln begann.

Das Wetter, ganz nebenbei bemerkt, wird übrigens spürbar besser, besonders im Vergleich zu meinen ersten Wochen hier. Wir hatten heute Sonne und sehr angenehme Temperaturen um die 23 Grad, schätze ich. Zwar ist es hier noch immer nicht so heiß wie in Deutschland momentan, aber dafür haben wir ja auch erst Frühling.

Di, 13.09.16
Weiter mit dem Video! Ich arbeitete erneut den ganzen Tag daran, teils wurde ich wegen technisch bedingter Wartephasen enorm kribbelig, aber wenige Minuten vor Feierabend hatte ich dann eine neue, schillernde, noch mal deutlich bessere Version als gestern, wie Jenny H. und ich befanden. Hat sich also gelohnt. Morgen wollen wir online gehen mit der Kampagne.

Aber noch mal einen Schritt zurück. Heute Mittag, als ich aus der Mittagspause zurückkam, saß im Büro ein älterer schwarzer Herr, der sich mir als David vorstellte. Wir reichten einander die Hand, und, als ich meine Hand zurückzog, weil ich mit dem Händeschütteln fertig war, setzte er zu einer weiteren Bewegung an, die aber mangels meiner Hand ins Leere ging. Jenny H. bemerkte das und lachte etwas von wegen „African handshake“. Den probieren mir tatsächlich andauernd Leute beizubringen, aber er ist immer ein wenig (oder komplett) anders als beim Mal davor, daher komme ich damit einfach nicht zurande. (Später heute übrigens noch einmal, diesmal mit Livie, der allerdings um meine Unfähigkeit weiß und nicht müde wird, sich darüber zu freuen.)
David – Margie erklärte mir später, er sei Fahrer für Magnet – stellte sich noch als ziemlich lustiger Typ heraus. Ich saß wieder hinter meinem Laptop und begann zu werkeln, da stand er auf einmal auf, kam zu mir herüber und zeigte mir sein altes Nokia-Handy. Ich guckte in sein Adressbuch, unsicher, was jetzt los sei, und er deutete auf einen Namen: Er habe einen Freund, der Jazz mit Vornamen heiße. Jazz!, lachte er, und ging guter Dinge zurück zu seinem Stuhl.

Manchmal weiß ich allgemein nicht genau, was in dem Büro eigentlich so passiert. Heute Nachmittag schienen fast alle irgendetwas zu tun, was nicht direkt Arbeit war. Honey war auf Facebook, Meghan korrigierte einen Text, den ihr Vater für die Hochzeit ihrer Schwester geschrieben hatte, und ich las Artikel im Internet, während ich auf Final Cut wartete. Kopfhörer, muss ich dabei anmerken, machen die Arbeit (und Nicht-Arbeit) angenehmer, wie Meghan und ich festgestellt haben.

Und zum Schluss hier noch einige der Fotos, die Mark Wessels (http://www.markwesselsphoto.com/), der offizielle Magnet-Fotograf, beim Clanwilliam-Finale geschossen hat:

Sonntag, 11. September 2016

Die Tage 46 und 47

Sa, 10.09.16
Letzte Nacht hatte ich einen Gast, einen kleinen und ungebetenen: eine Maus, winzig klein, schaute mich von neben meinem Bett an. Ine und Angélique hatten mir schon berichtet, dass wir Mäuse haben. Bisher waren sie aber „nur“ in den Gemeinschaftsbereichen, nicht in den Zimmern gesichtet worden. Meine Besucherin verschwand hinter meinem Bett und wahrscheinlich durch die wacklige, löchrige Fußleiste in Wand oder Boden hinein. Bei meiner Suche nach ihr fand ich Mäusekot auf dem Boden hinter meinem Bett. Ich schrieb sofort eine E-Mail an Theresa.
Der heutige Samstag war ansonsten nicht sonderlich spannend. Ein Highlight war noch, dass Angélique mir erzählte, dass Rachel letzte Woche extra Theresa habe kommen lassen, weil der Strom im Nachbarhaus plötzlich weg war. Theresa habe einen Schalter am Sicherungskasten umgelegt, mehr sei nicht losgewesen. Kurioserweise war das Problem vor einigen Wochen schon einmal aufgetreten, damals habe ich den Sicherungsschalter umgelegt und Rachel und Helen erklärt, der Kasten sei direkt neben der Eingangstür. Aber anstatt sich das zu merken, kann man natürlich auch Panik bei der Vermieterin machen, das macht schließlich einen guten Eindruck.

So, 11.09.16
Auch heute gibt es nicht viel zu berichten. Ich habe im Hof gesessen, ich habe „Serial“ gehört, „Auslöschung“ gelesen, weiter Fotos sortiert, derlei Dinge. Ich habe Pattypan (dt. Patisson) gegessen, eine Kürbisart, die sich als unspektakulär herausstellte. Alles in allem ein bewusst ruhiges Wochenende nach dem spannenden letzten und vor den ereignisreichen kommenden zwei. 
Theresa hat auf meine Mäuse-Mail geantwortet: Justin werde Fallen bringen, Gift werde es nachbarkatzenbedingt nicht geben. Außerdem gab sie uns den Tipp, kein Essen herumliegen zu lassen. Ich überlege noch, ob ich ihr vorschlagen soll, sie könne die Fußleisten im ganzen Haus mal vernünftig ankleben lassen, das könnte auch helfen.

Freitag, 9. September 2016

Die Tage 44 und 45

Do, 08.09.16
Heute war es mal wieder frisch. Nachmittags hat es sogar ordentlich geregnet, oder zumindest klang das im Büro direkt unterm Dach so. Ich habe mich den Tag über abgemüht, eine neue Version eines Videos zu basteln. Ich bin ein gutes Stück vorangekommen und es ist nicht einmal schlecht geworden. Trotzdem werde ich morgen noch einiges zu tun haben damit.
Von zehn bis elf haben wir uns eine Durchlaufprobe von Jennie auf der Magnet-Bühne angeguckt, „I Turned Around and She Was Gone“, kurz „Gone“ genannt. Jennie hatte sogar in Clanwilliam jeden Morgen dafür geprobt. Ab dem Wochenende wird in Joburg aufgeführt, so weit ich das verstanden habe. Dorthin brach auch Themba heute Nachmittag auf. Er verabschiedete sich von allen, erst in einem Monat wird er wieder zurück sein.
„Gone“ jedenfalls ist eine einstündige One-Woman-Show auf einer Bühne mit nur wenigen Requisiten. Jennie verkörpert meist die griechische Muttergöttin Demeter bzw. eine teilaktualisierte Version davon. Nachgezeichnet wird ihr Verhältnis zu ihrer Tochter Persephone, der Göttin der Unterwelt, und wie sich dieses über ihre Lebenszeit hinweg verändert. Jennie spielt ausgesprochen physisch, schreckt vor allerlei Verrenkungen nicht zurück. In den richtigen Aufführungen wird sie wohl auch ausgiebig mit Wasser arbeiten, wofür dann der Anti-Rutsch-Boden nötig sein wird, den wir neulich in aufgerollter Form durch die Gegend gehievt haben.

So ging der Tag dahin, Video, Jennie-Durchlauf, viel mehr Video. Um viertel vor fünf rief Jenny H. den Feierabend aus und schickte Meghan, Honey und mich, die neben ihr einzigen Verbliebenen, nach Hause, da der Regen gerade eine Pause machte. Dort komplettierte ich die Clanwilliam-Kontaktliste und begann, die Fotos zu sortieren.

Fr, 09.09.16
Das Trailer-Machen trat heute in die spannende Phase ein. Als um kurz nach zehn verkündet wurde, Jennie wolle um elf da sein zum Anschauen, hatte ich einen kurzen Moment von „das wird bis elf auf jeden Fall nichts mehr“, woraufhin Margie eine Viertelstunde lang aufbauend mitdachte. So konnte ich Jennie dann doch noch mein Werk vorlegen. Sie war weitestgehend zufrieden, hat die Verantwortung für die finale Abnahme in Margies Hände gelegt und ist Themba hinterher nach Johannesburg abgereist. Anfang Oktober sind beide wieder da.
Nachmittags wurde ich dann einerseits etwas kribbelig bei dem ganzen Millisekunden-Geschnipsel in Bild und Ton. Andererseits hatte ich aber auch Erfolgserlebnisse, weil Dinge geklappt haben. Um kurz vor fünf, passgenau zum Feierabend und zum Wochenende, habe ich Jenny H., ihrer besuchender und Lebenslauf-schreibender Tochter Rachel (?) und Meghan einen ziemlich fertigen Trailer zeigen können. Ich bin zufrieden. Montag letzter Feinschliff, Dienstag gehen wir hoffentlich online.

Donnerstag, 8. September 2016

Tag 43

Mi, 07.09.16
Heute Morgen habe ich noch vor Magnet meine Kommunalwahl-Unterlagen zum Postamt in dem Einkaufszentrum gebracht, in dem auch mein Pick n Pay angesiedelt ist. 28,55 ZAR (ca. 1,80 EUR) Porto, rund zehn Werktage Lieferzeit. Später habe ich mir sagen lassen, die Stimmzettel müssen bis zum Wahltag da sein. Da der Wahltag der jetzt kommende Sonntag ist, wird das wohl nichts mehr. Aber früher oder schneller ging nicht.

Im Praktikum habe ich mich heute ganz dem Ekhaya-Video gewidmet. Ich war relativ zufrieden mit dem Ergebnis, Jennie leider nicht mehr so sehr. Hätte sie ruhig auch neulich schon sagen können, als ich ihr die erste Version gezeigt habe, dann hätte ich mir heute die Arbeit sparen können. Naja. Ich muss mir jetzt möglichst schnell ein überarbeitetes Konzept ausdenken und es umsetzen. Toi toi toi an mich selbst.

Kurz vor drei kamen Nolan und Maggie ins Büro. Die beiden wollten gerade zum „Culture Gangs“-Projekt von Magnet nach Manenberg, einer Township von Kapstadt. Da bekam Nolan eine Nachricht auf sein Handy, dass gerade vor dem Gebäude, zu dem sie wollten, geschossen werde. Ein kollektives Stöhnen ging durchs Büro. Das sei jetzt schon das dritte Mal in Folge, dass sie nicht dort hingehen könnten, meinte Nolan. Auf meine Nachfrage hin erklärte er außerdem, dass die Örtlichkeit, die sie nutzen, direkt an der Grenze zwischen den Gebieten zweier verfeindeter Gangs liege.
Googlet man „Manenberg“, ist dies hier die erste Seite an Ergebnissen:

Abends habe ich endlich alle Blogposts der vergangenen Woche absetzen können. Ich bin mit diesem hier wieder im Hier und Jetzt angekommen. Nun kann ich mich wieder anderen Sachen widmen, zum Beispiel dem Sortieren der Clanwilliam-Fotos. Einiges ist schon weg, und es sind immer noch fast 14 GB/3500 Fotos. Das wird noch ein ordentliches Stück Arbeit.

Mittwoch, 7. September 2016

Tag 42

Di, 06.09.16
Heute hatte ich frei. Ich habe nicht allzu viel Berichtenswertes gemacht: die Kontaktliste digitalisiert und herumgeschickt, geskypet (Erlangen), Kreuze auf Briefwahlzetteln gemacht, Blogposts fertiggestellt, ich war mit Ine einkaufen und habe mit ihr gekocht und gegessen.

Daher will ich den wenig vollen Post hier nutzen, um einige Nachgedanken und bisher nicht verwendetes Material zu und um Clanwilliam herum zu präsentieren.
Zunächst einmal das Gefühl von Sicherheit auf den Straßen. In Clanwilliam war das in den Gebieten, in denen wir uns bewegt haben, tatsächlich recht gut gegeben. Ich konnte mit meiner Kamera die eine Straße herunterlaufen, ohne mich groß unsicher zu fühlen. Bei Nacht wurde uns empfohlen, nicht alleine von A nach B zu gehen, was wir dann auch nicht taten. Aber selbst da, in der Gruppe, war das Gefühl noch ein recht sicheres. Das ist in Kapstadt jetzt schon wieder anders. Der irrsinnige Verkehr und die vielen Menschen, beides ganz anders als in Clanwilliam, helfen da natürlich nicht. Ich fühle mich wieder eingeschränkt in meiner Bewegungsfreiheit. Und trotzdem habe ich das vage Gefühl, dass Clanwilliam mich den Menschen hier irgendwie näher gebracht hat, dass ich jetzt anders mit ihnen umgehen kann. Ohne genau zu wissen, was ich damit meine.

Als zweites möchte ich kurz vermerken, dass ich in Clanwilliam eine südafrikanische Redewendung gelernt habe: „See you now.“ Das heißt ein wenig kontraintuitiv so viel wie „bis irgendwann später“. Das südafrikanische „now“ ist damit wesentlich weiter in die Zukunft gestreckt als woanders. Wenn jemand „now now“ sagt, ist die zeitliche Vagheit sogar noch größer, à la „üüürgendwann mal, also vielleicht zumindest“.

Als dritten Punkt möchte ich, auch und besonders als Notiz an mich selbst, einen Wikipedia-Artikel verlinken, den ich noch lesen will. Clement hat da letzte Woche drüber erzählt und es klang interessant: https://en.wikipedia.org/wiki/The_Numbers_Gang 

Viertens das Original (bzw. die Übersetzung des Originals) der Geschichte, um die sich das ganze diesjährige Festival gedreht hat, freundlicherweise mir zugeschickt von Themba. Zur Aussprache, groß = betont: die Hauptcharakter lesen sich „i-KU-té cha-U-a“ und i-KA-chen, „bagen“ ist „BAA-chen“ (ch immer wie in Bach).

A story of |ku-te !gaua who makes fires at cats’ lairs and goes through the fire and takes out cats which are very beautiful. These fires do not burn him because he has made them – he owns them - and he wears a cat skin which is scorched like the west wind’s clouds, a black cat-skin it is. Before he enters the fires he sings:
|ku-te !gaua, n bagen bagen gaua
|ku-te !gaua, n bagen bagen gaua
Then he enters the fire and it does not burn him – it is cool. When he emerges from the fire he brings out a cat. He lays it on the ground, takes out a knife, skins the cat and covers the skin with earth. He then takes a firebrand, goes to another lair and starts the process all over again. After some time, |ku-te !gaua rolls up the cats’ skins he has found and puts them on his shoulder and goes home.
One day he meets |kaggen who also wants cats’ skins and sees him jump into the fire. |ku-te !gaua instructs him on what to say to the fire to avoid getting burned. |kaggen sings like |ku-te !gaua and gets skins successfully, but when |ku-te !gaua asks him for skins he refuses to share them, saying he is going to give them to |kuamman-a, his son-in-law, who is the rainbow. |kaggen goes home but hides his cat skins from his family.
The next day |kaggen comes back for more skins. Again |ku-te !gaua sees him and again he asks for some of the skins that |kaggen is collecting. When |kaggen tells him that he is keeping them all to make a kaross, |ku-te !gaua angrily says that |kaggen and the skins will burn in the fire without his help. |kaggen laughs and says he always knew how to go into a fire and doesn’t need |ku-te !gaua’s help and |ku-te !gaua warns him to take care because the next time he tries to go into the fire he will be burnt. |kaggen insists that |ku-te !gaua is lying , that the fire is cool. He goes home and boasts to his family about the skins he has found and then he goes to sleep.
Early the next morning, |kaggen wakes and sets out to find more cat skins. |ku-te !gaua who is angry with |kaggen stays at home. |kaggen sets a fire by the cat’s lair and sings the |ku-te !gaua song and then he steps into the fire. This time, however, as |ku-te !gaua had warned, the fire scorches |kaggen. From inside the fire he screams: “O Hartebeest’s children, come to me, I am burning in this fire”. Then his things, his quiver and his kaross and his hunting stick, comes flying to him and they help him escape from the fire and drop him in the water. From the water he cries out: “O blisters, O dear” for he was howling about the fire’s blisters because the fire had burnt him. “I will not set fire to cat’s lairs any longer, for the fire has burnt me as it did not do yesterday”.
When |kaggen comes out of the water he has turned into an old man. He returns home with his things and is met by his grandson, the young Ichneumon (the mongoose) and |kuamman-a (the rainbow).
“Who has done this? Who has burnt my grandfather the Mantis so that he looks so strange?” exclaims the young Ichneumon.
“It was me myself,” |kaggen exclaims, “because the fire was cool yesterday, therefore I jumped into the fire in search of cat skins that are exceedingly beautiful”.
Then |kuamman-a speaks to the young Ichneumon: “Tell grandfather that grandfather does not seem to have given |ku-te !gaua his share of skins, for it is our custom to share our bounty, lest we be burnt by the fire of anger”.
Then |kaggen replies: “But I thought |ku-te !gaua was rich in skins”
To which Ichneumon answers: “Why is it that I, a mere child, must instruct my grandfather how to conduct himself in the world?”

Fünftens: Obwohl wir so viele waren, mehr als 50 Personen, war es enorm harmonisch. Marks und Jennies Tochter Hannah meinte, sie langweile sich fast, weil es keinen Streit gab wie sonst immer. Wir waren eine ziemlich gute Gruppe.

Sechstens: Autokennzeichen in Clanwilliam beginnen mit „CAR“.

Und am Schluss noch der inoffizielle Soundtrack von Clanwilliam 2016. Das Calvin-Harris/Rihanna-Lied war das, wozu getanzt wurde und das deswegen immer und überall zu laufen schien; das Sam-Smith-Lied (bzw. eine Coverversion davon, die ich gerade nicht finde) war Lagerfeuer- und Radio-im-Magnet-Van-Lied.



Tag 41

Mo, 05.09.16
Nach einer großen Verabschiedungsrunde und einem letzten Mal getanztem und gesungenem „tanzani kosa zaze lio kumba ila ja“ (Schreibung nach sehr vagem Gehör) machten sich heute alle auf den Weg zurück dorthin, wo sie hergekommen waren oder als nächstes hinmussten, also zumeist Kapstadt.


Ich fuhr diesmal bei Themba im Magnet-Bus mit. Neben ihm und mir fuhren die acht Trainees, Honey, Zuks, Meghan und ich mit, und außerdem Clement, der ja ebenfalls in Obz wohnt, wie ich weiß, seit ich neulich bei ihm mitgefahren bin. Es war keine schlechte Fahrt: in Clanwilliam sah ich ein Schild, das nach Wuppertal wies; auf dem Weg gerieten wir in einige heftige und abrupt vorbeie Regenschauer; in Piketsberg hielten wir zum Tanken; die Leute hier (ausgenommen Themba) haben es alle nicht so mit den Sicherheitsgurten im Auto.

Als wir bereits an den Rändern von Kapstadt waren, gab es per Telefon Stress mit Lavona. Themba bat sie mehrfach und unter Aufwendung vieler guter Argumente und all seiner Überzeugungskraft, unser aller Gepäck, das in einem Anhänger hinter ihrem Van lag, nach Obz zu Magnet zu bringen. Lavona aber widersetzte sich aus fadenscheinigen Gründen über diverse Anrufe hinweg. Am Ende gab Themba frustriert auf und rief Mark an, um ihn nach einem Ausweg zu fragen, den sie dann auch fanden, Mark werde aushelfen. Kurz darauf allerdings rief Lavona Themba noch einmal an: jetzt gehe es auf einmal doch. Mark hatte sie anscheinend angerufen und seine Autorität spielen lassen.

Als wir kurz nach zwei am Theater ankamen, räumten wir sofort alles aus und weg. Rund eine Stunde später kam endlich auch Lavona vom Hiddingh Campus (nicht ohne vorher noch mehr komischen Stress per Telefon gemacht zu haben). Die Trainees verabschiedeten sich in eine einwöchige Pause, Meghan in eine eintägige (die ich morgen auch habe). Zuks, Honey und ich halfen Themba weiter mit dem Aufräumen. Dafür fuhren wir sogar noch zum Hiddingh Campus, um dort Dinge abzuliefern. Dort trafen wir mit Mariana und Kelly zwei, von denen wir uns am Morgen erst verabschiedet hatten.

Zuks und Honey gingen von Hiddingh aus ihrer eigenen Wege, ich fuhr mit Themba zurück zu Magnet. Armer Kerl im Übrigen, die letzte Woche hat ihn extrem mitgenommen. Seine Augenpartie sieht gerade zehn bis zwanzig Jahre älter aus, als er ist, so wenig Schlaf hat er bekommen und so viel und hart hat er gearbeitet. Ganz davon abgesehen übrigens ist Themba ein ziemlich großartiger Kerl, immer nett, immer freundlich, immer positiv. Toller Typ.

Gegen 17 Uhr war ich endlich zu Hause. Was folgte, waren Skype (Montreal, Markt Erlbach), Herumliegen und früh schlafen gehen. Die Woche war unbeschreiblich toll und wird mir für immer in Erinnerung bleiben – aber das war dann doch nötig.

Tag 40

So, 04.09.16
Nach einer letzten Das-ist-zu-tun-Ansprache von Mark ging es heute Morgen an die letzten Vorbereitungen und den Feinschliff. Wir räumten die Halle auf und putzten sie, ich kratzte Klebeband vom Boden. Auf dem Feld hinter der Tribüne baute ein Team geleitet von Themba in sengender Sonne die Bühnentechnik auf. In der Küche der Halle bauten die Kunststudentinnen und -studenten eine kleine Ausstellung der in der Woche kreierten Werke auf, in die später mittelgroße Gruppen von wartenden Kindern hineingeführten werden sollten. Vor der Halle rührten wir Slip an, zu Deutsch Schlicker: „Mit Schlicker wird das flüssige, breiige bis zähflüssige Wasser-Mineralgemisch (auch Masse) zur Herstellung von Keramikerzeugnissen bezeichnet.“ Die weiße Paste benutzten wir später, um den Kindern und uns selbst eine Art Kriegsbemalung ins Gesicht zu schmieren.

In der Mittagspause kollabierte Danny erneut in der Sonne der Showgrounds, Kerim trug sie in ihr Bett an den Living Landscapes. Ich begann, eine Kontaktliste mit allen Namen, E-Mail-Adressen usw. zusammenzutragen. Und wir spielten 21 Questions (beliebiges Etwas erraten mit Ja-Nein-Fragen).

Und dann ging es los. Schon vor 16 Uhr trafen die ersten Kinder an den Showgrounds ein. Wir versammelten sie zunächst nahe dem Eingangstor und ließen sie dort warten, da wir sie nicht zu früh mit Gesang und Spielen müde machen wollten. Wir spannten Flatterband, was nicht einfach war, da es mit einem Mal extrem windig war. Die Mann-Struktur wurde herausgetragen und in Richtung Feld gebracht. Immer mehr Kinder kamen und setzten sich nach Klassenstufen geordnet auf den Boden unter den Bäumen. Gegen halb sechs begannen wir dann mit dem üblichen Programm aus Liedern und Ruf-und-Antwort-Spielen. Meine drei Freundinnen waren auch da, die kleine Erstklässlerin, Heideri und Aiza.


Gegen sechs führten wir die Kinder dann klassenweise neben die Halle und reihten sie dort in je zwei Reihen, Jungen und Mädchen, erneut auf. Ich war mit Danielle und Dom für die zweite Klasse zuständig. Auf der Seite der Jungs waren einige der größten Troublemakers dabei, die zu bändigen nicht ganz einfach war: Die Ermahnung, sitzenzubleiben und keinen Ärger zu machen, musste ständig wiederholt werden. Die Mädchen (darunter Aiza, die mich wieder frech heranzuwinken probierte) waren da zum größten Teil lieber.
Eine Weile mussten wir wieder warten, bis alle anderen Klassenstufen ebenfalls da waren. Ich lief ein paar Mal die Reihen entlang und klatschte die Kinder eines nach dem anderen ab – eine Übung, bei der sie nur zu gerne mitmachten. Dann gab es erst T-Shirts für die Kleinen (wir hatten unsere schon zuvor bekommen, weiß mit Festival-Logo und -Titel für alle, und für die Magnet-Angehörigen zusätzlich ein knalloranges zum Drüberziehen), dann Slip (ich ließ mir von Brandon seine Hand ins Gesicht drücken), dann von der Kunst gebastelte Masken.

Und schließlich führten wir die Kinder aufs Feld, während sich auf der Tribüne und am Zaun das Dorf versammelte. Die Klassen R, eins und zwei setzten sich einfach vorm Bühnenbereich hin, die älteren hatten großteils Auftritte in der Show, z.B. mit Tanz und Schauspiel. Außerdem trugen die größeren Kinder die Laternen einmal ums Feld, bevor sie sie direkt vor uns, d.h. den kleineren Kindern, auf dem Boden abstellten und so die Bühne einrahmten. Danach war ich die ganze Zeit über mehr oder weniger damit beschäftigt, die Kleinen neben mir davon abzuhalten, allzu sehr mit den brennenden Laternen zu spielen. Ich saß gewissermaßen an der linken Bühnenecke, neben mir ein sehr kleiner Zweitklässler, der unheimlich niedlich war, aber auch gut Unsinn im Kopf hatte. Ein paar Kinder weiter saßen die sonstigen Unruhestifter, die aber erstaunlich friedfertig waren.

Dann begann die Show, während im Hintergrund die riesige Katze, die Gottesanbeterin und der Mann leuchteten. Steel Drums leiteten ein bzw. spielten während der gesamten Zeit, als die Kinder die Laternen aufs Feld trugen. Dann ging es los mit der Hauptshow, d.h. der Geschichte. Diese wurde erzählt von Kelly und Angelo, während die beiden Hauptcharaktere der Geschichte je von einer Gruppe aus Performern im Klump verkörpert wurden. Dabei spielten sowohl die ältesten Jugendlichen als auch Leute von uns mit; die eine, meist mir zugewandte Gruppe wurde z.B. von Zac angeführt. Mark lief währenddessen die ganze Zeit übers Feld und führte Regie. Die Performance beinhaltete außerdem drei aufeinanderfolgende Tanzeinlagen (dritte Klasse, ältere Kinder, unsere Tänzer), Musik (unsere Musiker saßen am Rand), Namasuns Trommelgruppe, ein Schattenspiel und die Feuerstab- und -kettenperformance von Themba/Lwando/Luthando/Honey und Zac/Lauren/Meagan/Meghan. Den krönenden Abschluss bildete ein Feuerwerk, das ich nur halb mitbekam, da ich auf die Kinder neben mir aufpasste, das aber ziemlich pompös war. Die Kinder starrten gebannt in den Himmel, Aahs und Oohs überall, Gejubel und Gejauchze, die Kleinen waren offenkundig sehr beeindruckt.

Dann schossen riesige Feuerfontänen zum Abschluss in den Himmel, das Licht ging an – und die Hölle brach los. Alle Kinder auf einmal sprangen auf, rissen die noch immer brennenden Laternen an sich und rannten wie verrückt los. Für eine halbe bis eine Minute war ich ein komplett überfordert, weil ich damit nicht gerechnet hatte und überall Laternen durch die Luft wirbelten. Aber letztlich war es einfach nur das Ende des Festivals. Die Tore wurden geöffnet, die Kinder mischten sich unter die Nicht-Kinder-Besucher, die Trennung zwischen Festival und das Dorf war verschwunden und die Massen strömten vom Gelände.

Eines der älteren teilgenommenhabenden Mädchen, vielleicht so 15 oder 16, das mich am Donnerstag bei den Steel Drums angesprochen und mich nach meinem Namen gefragt hatte, kam noch auf mich zu und abschiedsumarmte mich. Sie meinte außerdem, Andreas, vergiss meinen Namen nicht: Michelin (relativ französisch ausgesprochen). Bis nächstes Jahr dann! Und ging. Ich habe es in dem Moment nicht übers Herz gebracht, ihr zu sagen, dass das wohl eher nichts wird.
Dann machten wir uns direkt ans Aufräumen. Es war wesentlich dunkler als es spät war, die Show war noch vor acht zuende gewesen. Alle Aufbauten wurden in einem kollektiven Kraftakt zerlegt, verstaut und in den Magnet-Van und -Trailer gepackt. An einer Feuerstelle nahe dem Feld wurden währenddessen die großen Strukturen verbrannt. Eine Woche Arbeit, ein bis zwei Stunden beleuchteter Ruhm, Feuertod. So kann's gehen.

Anderthalb Stunden später, gegen halb zehn, waren wir schon wieder an den Living Landscapes. Zuvor an den Showgrounds hatte Mark noch eine kurze Ansprache gehalten, weil unsere Köchin Claire sauer war, weil in der Nacht zuvor jemand ihren Tequila getrunken hatte. Mark wollte niemanden bestrafen und auch kein Geständnis, aber uns sagen, dass das so natürlich nicht geht. Die etwas seltsame Atmosphäre wurde dann am Ende seiner kurzen Rede von Marks Handy aufgelöst, das klingelte. „Themba?“, fragte Mark ins Telefon, und Themba antwortete von zwei Metern neben Mark: „Yes?“, aber nicht ins Telefon. „Are you calling me from your pocket?“, Mark. Ja, tat Themba. Stimmung gerettet.
Nun also, zurück an den Living Landscapes (nachdem Themba mit dem Anhänger hinter dem Van eine nervenaufreibend verzwickte Rückwärtsfahrt auf den Parkplatz hingelegt hatte), hielt Mark eine zweite Rede, diesmal keine tadelnde, sondern eine dankende. Uns allen für unsere Arbeit und ein tolles Festival, Themba für seinen unglaublichen Einsatz, Valona, Sean, Namasun, Claire („I would feel better if I had Tequila!“), und so weiter. Außerdem seiner Frau Jennie, und sogar Meghan und mir als Gästen aus Übersee. Als Themba dann das Wort ergriff und Mark dankte, versteckte der während des Applauses seine Emotionen in einem Glas, das er leertrank.

Dann gab es Essen, wie gewohnt sehr lecker. Als ich danach in die Küche ging, um meinen Teller abzugeben, war Zac auch da, und fragte, wo denn die Erdnüsse, die herumstanden, herkämen. Ich antwortete, ich wisse es nicht. Sorry. Sorry, fragte Zac, für die Erdnüsse? Oder dafür, dass wir seine Leute umgebracht haben? Aus dem Nichts ein Holocaust-Witz vom südafrikanischen Juden zum Deutschen. Ich war zugegebenermaßen ein bisschen überrascht. Zac klärte kurz darauf aber auf, dass es nicht böse gemeint war, und dass der Humor z.B. in Israel allgemein ziemlich bissig sei. Man rufe zum Beispiel bei einem Missgeschick „Was für eine Shoah!“ aus. Später unterhielt ich mich noch mit Zac und Meghan über amerikanische und deutsche Politik. Zac erzählte mir zum Beispiel, dass die AfD in Mecklenburg-Vorpommern an der CDU vorbeigezogen sei, eine Neuigkeit, die ich dank mangelnden Internets noch nicht mitbekommen hatte.

Vor diesem zweiten Gespräch mit Zac hatte ich mich eine ganze Weile erst mit Danny, dann mit Kerim und Danny unterhalten. Größtes Thema: race. Mal wieder. Hier in Südafrika geht es einfach immer irgendwann über race. Danny erzählte, dass ihre Mutter aus ärmlichen Verhältnissen komme, aber es als einzige in ihrer Familie aus diesen herausgeschafft habe. (Eine Geschichte, die Venus ein paar Tage zuvor übrigens fast identisch erzählt hatte.) Jetzt leite sie eine Tanzkompanie und versuche so, nicht unähnlich Magnet Theatre, Kindern und Jugendlichen eine Perspektive abseits von Drogen und Kriminalität zu eröffnen.
Irgendwann in dem Gespräch zeigte Danny mit ihren Händen an, wie Kerim und ich, weiß, männlich, Europäisch, und sie, coloured, weiblich, Südafrikanisch, im Sinne von Möglichkeiten und sozialer Schichtung zueinander stehen: die eine Hand oben, die andere ein gutes Stück darunter. Schrecklich, aber wahr. Danny meinte außerdem, wenn wir vor einigen Jahrzehnten miteinander gesprochen hätten, wir drei, wie wir es gerade taten, wären Kerim und ich hinterher im Gefängnis und sie tot gewesen. Was soll man da noch sagen.

Gegen halb eins setzte ich mich ins Jungszimmer zu einigen anderen. Em-Jay bekam gerade eine Massage von Vuvu, in einem der Betten schnarchte Emmanuel. Da alle müde waren, ich eingeschlossen, ging ich bereits gegen eins, halb zwei mit Meghan ins Rectory und dort nach einem erneut langen Tag wohlverdient zu Bett.