So, 04.09.16
Nach einer letzten Das-ist-zu-tun-Ansprache von Mark ging es heute Morgen an die letzten Vorbereitungen und den Feinschliff. Wir räumten die Halle auf und putzten sie, ich kratzte Klebeband vom Boden. Auf dem Feld hinter der Tribüne baute ein Team geleitet von Themba in sengender Sonne die Bühnentechnik auf. In der Küche der Halle bauten die Kunststudentinnen und -studenten eine kleine Ausstellung der in der Woche kreierten Werke auf, in die später mittelgroße Gruppen von wartenden Kindern hineingeführten werden sollten. Vor der Halle rührten wir Slip an, zu Deutsch Schlicker: „Mit Schlicker wird das flüssige, breiige bis zähflüssige Wasser-Mineralgemisch (auch Masse) zur Herstellung von Keramikerzeugnissen bezeichnet.“ Die weiße Paste benutzten wir später, um den Kindern und uns selbst eine Art Kriegsbemalung ins Gesicht zu schmieren.
In der Mittagspause kollabierte Danny erneut in der Sonne der Showgrounds, Kerim trug sie in ihr Bett an den Living Landscapes. Ich begann, eine Kontaktliste mit allen Namen, E-Mail-Adressen usw. zusammenzutragen. Und wir spielten 21 Questions (beliebiges Etwas erraten mit Ja-Nein-Fragen).
In der Mittagspause kollabierte Danny erneut in der Sonne der Showgrounds, Kerim trug sie in ihr Bett an den Living Landscapes. Ich begann, eine Kontaktliste mit allen Namen, E-Mail-Adressen usw. zusammenzutragen. Und wir spielten 21 Questions (beliebiges Etwas erraten mit Ja-Nein-Fragen).
Und dann ging es los. Schon vor 16 Uhr trafen die ersten Kinder an den Showgrounds ein. Wir versammelten sie zunächst nahe dem Eingangstor und ließen sie dort warten, da wir sie nicht zu früh mit Gesang und Spielen müde machen wollten. Wir spannten Flatterband, was nicht einfach war, da es mit einem Mal extrem windig war. Die Mann-Struktur wurde herausgetragen und in Richtung Feld gebracht. Immer mehr Kinder kamen und setzten sich nach Klassenstufen geordnet auf den Boden unter den Bäumen. Gegen halb sechs begannen wir dann mit dem üblichen Programm aus Liedern und Ruf-und-Antwort-Spielen. Meine drei Freundinnen waren auch da, die kleine Erstklässlerin, Heideri und Aiza.
Gegen sechs führten wir die Kinder dann klassenweise neben die Halle und reihten sie dort in je zwei Reihen, Jungen und Mädchen, erneut auf. Ich war mit Danielle und Dom für die zweite Klasse zuständig. Auf der Seite der Jungs waren einige der größten Troublemakers dabei, die zu bändigen nicht ganz einfach war: Die Ermahnung, sitzenzubleiben und keinen Ärger zu machen, musste ständig wiederholt werden. Die Mädchen (darunter Aiza, die mich wieder frech heranzuwinken probierte) waren da zum größten Teil lieber.
Eine Weile mussten wir wieder warten, bis alle anderen Klassenstufen ebenfalls da waren. Ich lief ein paar Mal die Reihen entlang und klatschte die Kinder eines nach dem anderen ab – eine Übung, bei der sie nur zu gerne mitmachten. Dann gab es erst T-Shirts für die Kleinen (wir hatten unsere schon zuvor bekommen, weiß mit Festival-Logo und -Titel für alle, und für die Magnet-Angehörigen zusätzlich ein knalloranges zum Drüberziehen), dann Slip (ich ließ mir von Brandon seine Hand ins Gesicht drücken), dann von der Kunst gebastelte Masken.
Und schließlich führten wir die Kinder aufs Feld, während sich auf der Tribüne und am Zaun das Dorf versammelte. Die Klassen R, eins und zwei setzten sich einfach vorm Bühnenbereich hin, die älteren hatten großteils Auftritte in der Show, z.B. mit Tanz und Schauspiel. Außerdem trugen die größeren Kinder die Laternen einmal ums Feld, bevor sie sie direkt vor uns, d.h. den kleineren Kindern, auf dem Boden abstellten und so die Bühne einrahmten. Danach war ich die ganze Zeit über mehr oder weniger damit beschäftigt, die Kleinen neben mir davon abzuhalten, allzu sehr mit den brennenden Laternen zu spielen. Ich saß gewissermaßen an der linken Bühnenecke, neben mir ein sehr kleiner Zweitklässler, der unheimlich niedlich war, aber auch gut Unsinn im Kopf hatte. Ein paar Kinder weiter saßen die sonstigen Unruhestifter, die aber erstaunlich friedfertig waren.
Dann begann die Show, während im Hintergrund die riesige Katze, die Gottesanbeterin und der Mann leuchteten. Steel Drums leiteten ein bzw. spielten während der gesamten Zeit, als die Kinder die Laternen aufs Feld trugen. Dann ging es los mit der Hauptshow, d.h. der Geschichte. Diese wurde erzählt von Kelly und Angelo, während die beiden Hauptcharaktere der Geschichte je von einer Gruppe aus Performern im Klump verkörpert wurden. Dabei spielten sowohl die ältesten Jugendlichen als auch Leute von uns mit; die eine, meist mir zugewandte Gruppe wurde z.B. von Zac angeführt. Mark lief währenddessen die ganze Zeit übers Feld und führte Regie. Die Performance beinhaltete außerdem drei aufeinanderfolgende Tanzeinlagen (dritte Klasse, ältere Kinder, unsere Tänzer), Musik (unsere Musiker saßen am Rand), Namasuns Trommelgruppe, ein Schattenspiel und die Feuerstab- und -kettenperformance von Themba/Lwando/Luthando/Honey und Zac/Lauren/Meagan/Meghan. Den krönenden Abschluss bildete ein Feuerwerk, das ich nur halb mitbekam, da ich auf die Kinder neben mir aufpasste, das aber ziemlich pompös war. Die Kinder starrten gebannt in den Himmel, Aahs und Oohs überall, Gejubel und Gejauchze, die Kleinen waren offenkundig sehr beeindruckt.
Dann schossen riesige Feuerfontänen zum Abschluss in den Himmel, das Licht ging an – und die Hölle brach los. Alle Kinder auf einmal sprangen auf, rissen die noch immer brennenden Laternen an sich und rannten wie verrückt los. Für eine halbe bis eine Minute war ich ein komplett überfordert, weil ich damit nicht gerechnet hatte und überall Laternen durch die Luft wirbelten. Aber letztlich war es einfach nur das Ende des Festivals. Die Tore wurden geöffnet, die Kinder mischten sich unter die Nicht-Kinder-Besucher, die Trennung zwischen Festival und das Dorf war verschwunden und die Massen strömten vom Gelände.
Eines der älteren teilgenommenhabenden Mädchen, vielleicht so 15 oder 16, das mich am Donnerstag bei den Steel Drums angesprochen und mich nach meinem Namen gefragt hatte, kam noch auf mich zu und abschiedsumarmte mich. Sie meinte außerdem, Andreas, vergiss meinen Namen nicht: Michelin (relativ französisch ausgesprochen). Bis nächstes Jahr dann! Und ging. Ich habe es in dem Moment nicht übers Herz gebracht, ihr zu sagen, dass das wohl eher nichts wird.
Dann machten wir uns direkt ans Aufräumen. Es war wesentlich dunkler als es spät war, die Show war noch vor acht zuende gewesen. Alle Aufbauten wurden in einem kollektiven Kraftakt zerlegt, verstaut und in den Magnet-Van und -Trailer gepackt. An einer Feuerstelle nahe dem Feld wurden währenddessen die großen Strukturen verbrannt. Eine Woche Arbeit, ein bis zwei Stunden beleuchteter Ruhm, Feuertod. So kann's gehen.
Anderthalb Stunden später, gegen halb zehn, waren wir schon wieder an den Living Landscapes. Zuvor an den Showgrounds hatte Mark noch eine kurze Ansprache gehalten, weil unsere Köchin Claire sauer war, weil in der Nacht zuvor jemand ihren Tequila getrunken hatte. Mark wollte niemanden bestrafen und auch kein Geständnis, aber uns sagen, dass das so natürlich nicht geht. Die etwas seltsame Atmosphäre wurde dann am Ende seiner kurzen Rede von Marks Handy aufgelöst, das klingelte. „Themba?“, fragte Mark ins Telefon, und Themba antwortete von zwei Metern neben Mark: „Yes?“, aber nicht ins Telefon. „Are you calling me from your pocket?“, Mark. Ja, tat Themba. Stimmung gerettet.
Anderthalb Stunden später, gegen halb zehn, waren wir schon wieder an den Living Landscapes. Zuvor an den Showgrounds hatte Mark noch eine kurze Ansprache gehalten, weil unsere Köchin Claire sauer war, weil in der Nacht zuvor jemand ihren Tequila getrunken hatte. Mark wollte niemanden bestrafen und auch kein Geständnis, aber uns sagen, dass das so natürlich nicht geht. Die etwas seltsame Atmosphäre wurde dann am Ende seiner kurzen Rede von Marks Handy aufgelöst, das klingelte. „Themba?“, fragte Mark ins Telefon, und Themba antwortete von zwei Metern neben Mark: „Yes?“, aber nicht ins Telefon. „Are you calling me from your pocket?“, Mark. Ja, tat Themba. Stimmung gerettet.
Nun also, zurück an den Living Landscapes (nachdem Themba mit dem Anhänger hinter dem Van eine nervenaufreibend verzwickte Rückwärtsfahrt auf den Parkplatz hingelegt hatte), hielt Mark eine zweite Rede, diesmal keine tadelnde, sondern eine dankende. Uns allen für unsere Arbeit und ein tolles Festival, Themba für seinen unglaublichen Einsatz, Valona, Sean, Namasun, Claire („I would feel better if I had Tequila!“), und so weiter. Außerdem seiner Frau Jennie, und sogar Meghan und mir als Gästen aus Übersee. Als Themba dann das Wort ergriff und Mark dankte, versteckte der während des Applauses seine Emotionen in einem Glas, das er leertrank.
Dann gab es Essen, wie gewohnt sehr lecker. Als ich danach in die Küche ging, um meinen Teller abzugeben, war Zac auch da, und fragte, wo denn die Erdnüsse, die herumstanden, herkämen. Ich antwortete, ich wisse es nicht. Sorry. Sorry, fragte Zac, für die Erdnüsse? Oder dafür, dass wir seine Leute umgebracht haben? Aus dem Nichts ein Holocaust-Witz vom südafrikanischen Juden zum Deutschen. Ich war zugegebenermaßen ein bisschen überrascht. Zac klärte kurz darauf aber auf, dass es nicht böse gemeint war, und dass der Humor z.B. in Israel allgemein ziemlich bissig sei. Man rufe zum Beispiel bei einem Missgeschick „Was für eine Shoah!“ aus. Später unterhielt ich mich noch mit Zac und Meghan über amerikanische und deutsche Politik. Zac erzählte mir zum Beispiel, dass die AfD in Mecklenburg-Vorpommern an der CDU vorbeigezogen sei, eine Neuigkeit, die ich dank mangelnden Internets noch nicht mitbekommen hatte.
Vor diesem zweiten Gespräch mit Zac hatte ich mich eine ganze Weile erst mit Danny, dann mit Kerim und Danny unterhalten. Größtes Thema: race. Mal wieder. Hier in Südafrika geht es einfach immer irgendwann über race. Danny erzählte, dass ihre Mutter aus ärmlichen Verhältnissen komme, aber es als einzige in ihrer Familie aus diesen herausgeschafft habe. (Eine Geschichte, die Venus ein paar Tage zuvor übrigens fast identisch erzählt hatte.) Jetzt leite sie eine Tanzkompanie und versuche so, nicht unähnlich Magnet Theatre, Kindern und Jugendlichen eine Perspektive abseits von Drogen und Kriminalität zu eröffnen.
Irgendwann in dem Gespräch zeigte Danny mit ihren Händen an, wie Kerim und ich, weiß, männlich, Europäisch, und sie, coloured, weiblich, Südafrikanisch, im Sinne von Möglichkeiten und sozialer Schichtung zueinander stehen: die eine Hand oben, die andere ein gutes Stück darunter. Schrecklich, aber wahr. Danny meinte außerdem, wenn wir vor einigen Jahrzehnten miteinander gesprochen hätten, wir drei, wie wir es gerade taten, wären Kerim und ich hinterher im Gefängnis und sie tot gewesen. Was soll man da noch sagen.
Gegen halb eins setzte ich mich ins Jungszimmer zu einigen anderen. Em-Jay bekam gerade eine Massage von Vuvu, in einem der Betten schnarchte Emmanuel. Da alle müde waren, ich eingeschlossen, ging ich bereits gegen eins, halb zwei mit Meghan ins Rectory und dort nach einem erneut langen Tag wohlverdient zu Bett.



Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen