Freitag, 19. August 2016

Tag 23

Do, 18.08.16
Puh, was für ein Tag. Lang und voll und abwechslungsreich.
Er begann um neun Uhr. Meghan und ich nahmen erstmals an einer der Unterrichtseinheiten der Magnet-Trainees teil. Jeden Tag wird von neun bis halb elf etwas anderes gemacht, zum Beispiel Schauspiel, Gesang oder Tanz. Heute war die Stimme dran, eine voice class. Gehalten wurde die Stunde von Sara Matchett, Mitte 50, aus Kapstadt, die, wie sie erzählte, eine Freundin von Sruti ist und jüngst ihre Doktorarbeit eingereicht hat. Sarah forderte uns auf, uns auf den Boden zu legen, und erklärte uns, dass das, was wir nun machen würden, sogenannte Fitzmorris Voice Work sei – also exakt das, was ich seinerzeit in Kanada in Voice I gemacht habe. Die Yoga-artigen Übungen, die wir daraufhin machten, waren folgerichtig auch genau die, die ich aus Kanada kenne, bis hin zur Terminologie, „fluffy sounds“ zum Beispiel. Ich lag also in wilden Verrenkungen in Kapstadt auf dem Boden und fühlte mich, als wäre ich wieder in Montreal.
In der zweiten Hälfte der Stunde probten die Trainees etwas und führten es am Schluss auf, weshalb Meghan und ich nur zugucken konnten und ich Zeit hatte, mich mit Sara zu unterhalten. Da ich zu Beginn schon freudig angemerkt hatte, dass ich mit dem Fitzmorris-Ansatz vertraut bin, fragte Sara mich, wie das denn komme, wo ich Fitzmorris Voice Work gemacht habe. In Montreal, meinte ich, an der Concordia University. „Oh, so you worked with Noah?“ Hallo, kleine Welt.

Es folgten zwei Stunden Arbeit im Büro am Fundraising-Text und an meinem Vorschlag für eine Magnet-Wiki (den ich an Margie schickte, woraufhin sie später, als ich gerade draußen stand, extra raus- und zu mir kam, „That is a fabulous proposal, Andreas, thank you very much“ sagte, sich umdrehte und wieder hineinging).
Um 12:30 Uhr kamen wir für ein Staff Meeting an unserem Bürotisch zusammen, Jennie leitete die Runde. Wir (neben Jennie noch Margie, Jenny H., Themba, Nolan, Yonela, Zukisani, Honey, Meghan und ich) besprachen allerlei Dinge bzw. klärten einander über Entwicklungen, Probleme und To-Do-Angelegenheiten auf. So erzählte z.B. Nolan von seiner Arbeit in den Farmland Schools und Yolanda von den Culture Gangs, es wurde über Funding und sogar kurz über unsere Praktikanten-Arbeit geredet. Was Jennie außerdem am Herzen lag, war, dass Magnet-Angehörige sich keinesfalls in Gefahr begeben sollen (so geschehen nach eigener Aussage neulich von Maggi, ebenfalls mit den Culture Gangs in den Townships beschäftigt). Und Margie schlug vor, dass ich in Clanwilliam doch auch Fotos machen könne, was alle, inklusive meiner selbst, für eine ausgezeichnete Idee hielten. (Apropos: Ein Foto, das ich von dem Meeting mit meinem Handy aufgenommen habe, habe ich später allem Anschein nach versehentlich gelöscht, als ich wegen zu geringem Speicherplatz Dinge vom Handy gelöscht habe.)

Um 13:45 Uhr stiegen alle Trainees, Meghan und ich in den Magnet-Kleinbus (Stimmung wie auf Klassenfahrt), damit Themba uns zum Hiddingh Campus fahren konnte. Dort hatten wir ab 14:15 Uhr eine Clanwilliam-Trainingseinheit im Freien, geleitet von UCT-Drama-Department-Dozentin Lavona. Die Gruppe bestand aus Studentinnen und Studenten vom Drama Department, vom Dance Department sowie aus Magnet-Angehörigen. Zunächst wurden diejenigen, die noch bei keinem dieser Treffen zugegen gewesen waren, mit der Geschichte vertraut gemacht, die den Mittelpunkt des anstehenden Clanwilliam-Festivals bildet: „Mantis and the Cat Skins“ wurde die Geschichte getauft, die aus einer Geschichtensammlung eines mittlerweile nicht mehr existenten Volks oder einer verlorenen Kultur oder zumindest aus einer Sprache kommt, die es nicht mehr gibt, irgendwie so in der Art („Xham“, mit Klick, wenn ich Jennie richtig verstanden habe).
In der Geschichte kesselt ein Charakter, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnere (irgendwo in dem Namen kommt „Cha-u-a“ vor, ch wie in Bach), mit Feuer Katzen ein, tritt dann dank eines magischen Spruchs, an den ich mich ebenfalls nicht mehr erinnere, unverletzt durch das Feuer, tötet die Katzen und zieht ihnen das Fell ab. Er bringt den Zauberspruch einem zweiten Charakter bei (natürlich ebenfalls mit kompliziertem, nicht mehr erinnerbarem Namen), der bald mehr Geld mit Katzenfellen macht als Charakter 1, weshalb dieser den zweiten zu Abgaben zwingen will. Auf ein Nein hin entzieht C1 C2 die Magie, was letzterer ersterem aber nicht glaubt. C2 tritt erneut durch das Feuer und fängt zu brennen an. Irgendetwas (Vögel? ein magischer Mantel? je nach Version) rettet C2, indem es ihn in einen Bach schmeißt. C2 ist durch das Feuer ein alter, zerbrechlicher Mann geworden, weshalb seine Enkel ihn fragen, was denn passiert sei, und dann auf seine Antwort hin weiter, wie es denn angehen könne, dass Enkelkinder ihrem Großvater erzählen müssen, wie man sich zu verhalten hat, nämlich dass man teilen muss.
So weit, so grausam. Und nichtsdestotrotz das Thema des ganzen Festivals, um das sich alles drehen wird. Meagan und Zizipho (beide von Magnet) sowie Venus (Tänzerin) haben Lwanda (Magnet) und mir die Geschichte ein paar Mal erzählt und vorgespielt, bevor wir improvisatorisch eingestiegen sind.

Nach anderthalb Stunden haben wir eine Pause gemacht, bevor es um 16:15 Uhr weiterging. Da das Festival in Clanwilliam hauptsächlich für Kinder veranstaltet wird, müssen verschiedene Aktionen entwickelt werden, um die Kleinen bei der Stange zu halten. In kleinen Gruppen haben wir uns für verschiedene Altersklassen und Gruppengrößen Aktivitäten überlegt. Nwabisa (Magnet), Mariana (Drama), Venus, Lwando (Magnet) und ich haben uns den Drei- bis Fünfjährigen angenommen und eine Reihe an Kinderliedern und -spielen aufgelistet. Lehrerin Velona meinte, diese jüngste Alterskategorie sei die schwierigste, da sie konstant beschäftigt werden müssen, sonst sind seien mit der Aufmerksamkeit und im Effekt auch körperlich sofort woanders. Das kann bei 20 bis 40 kleinen Kindern schnell kritisch werden.
Besonders spannend wird das Ganze übrigens dadurch, dass die Kinder in Clanwilliam hauptsächlich Afrikaans sprechen. Auch bei unserem Treffen heute wurde zu großen Teilen Afrikaans gesprochen, man wollte ja die Realität simulieren. Je nach Sprecher und Sprechgeschwindigkeit verstehe ich zwischen 30 und 70 Prozent des Gesagten, würde ich schätzen. Mit Niederländisch werde ich, wurde mir gesagt, auch als aktiver Gesprächspart relativ weit kommen, wenn ich langsam spreche. Insgesamt muss ich einfach hoffen, dass die Kinder ein bisschen Englisch verstehen (was die älteren wohl tun, teils sprechen sie es auch) und dass ich von ihrem Afrikaans möglichst viel begreife. Ich habe es immerhin noch besser als einige (wenige) andere, z.B. Lwanda, der mit Afrikaans gar nichts anfangen kann.

Am Ende des Vorbereitungstreffens hat eine der Gruppen eine Art Sprechchor-Kreis gebildet, dem sich nach und nach alle anderen angeschlossen haben. Unter Anleitung von immer wieder wechselnden Personen haben wir Sing-und-Rhythmus-Klatsch-und-Bewegungs-Spiele gespielt mit Texten wie „I went to the river / I went to the river / And I saw those chickens / And I took those chickens / And I hanged them on a line“, „One day, one day / One day, one day / My mama said / My mama said / (Name), cook me some porridge / Using your (Körperteil) / Cook, cook, cook“, oder simpel und ergreifend „Hey boogie boogie bah“. War so witzig wie es klingt.
 

Um 18 Uhr haben wir uns dann abermals zusammengefunden, diesmal in einem Seminarraum, für ein Clanwilliam-Infotreffen, geleitet von Themba. Der Raum war voll; von sage und schreibe 49 Personen, die als Instructors nach Clanwilliam gehen, waren fast alle da. Dabei, neben den Leuten von zuvor, auch Musiker, Künstler, und eine Köchin. Neben dem Besprechen von praktischen Dingen wie Anfahrt, Verhaltensregeln, Schlafplätzen und ähnlichem wurde uns auch versichert, dass wir eine komplette Woche lang sehr lange Tage mit sehr viel zu tun haben werden. Trotzdem sind alle schon freudig-aufgeregt, insbesondere diejenigen, die schon mal in Clanwilliam waren - was durchaus ansteckend ist. Am 28. August wird es morgens losgehen. Bei einem der nächsten bzw. letzten Vorbereitungstreffen nächste Woche, dem am Donnerstag, werden wir wieder dabei sein, wenn ich das richtig verstanden habe.
 

Gegen sieben fuhr Themba (übrigens 31 Jahre alt) Meghan und mich dann nach Hause. Er meinte, er freue sich schon darauf, am Abend nicht mehr mit Leuten zu tun haben zu müssen, sondern sich einfach hinlegen und zum Beispiel etwas lesen zu können. Ja, war auch wirklich ein langer, voller und abwechslungsreicher Tag heute.

Ach ja: Mein Name scheint in Südafrika nicht gängig zu sein, ja regelrecht unbekannt. Ich muss ihn beim Vorstellen immer mal wieder ein zweites Mal sagen. Gestern erklärte irgendwer jemand anderem meinen Namen als „gewissermaßen die Pluralform von Andrea“.

Noch ein ach ja: Mir geht es besser, die Medizin schlägt an, die Wunden heilen und tun nicht mehr weh. Die Flecken an den Händen werden wohl noch eine Weile bleiben, aber so lange sie nicht mehr offen sind und jucken oder schmerzen, ist das zu verkraften.

Und zum Schluss noch ein Clanwilliam-Video von 2008 (seit 2001 existiert das Festival), das einen Eindruck davon vermittelt, was in etwa auf uns zukommen wird:

 

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