Samstag, 3. September 2016

Tag 33

So, 28.08.16
Nachdem ich heute Vormittag mein Gepäck und das Haus weggehbereit gemacht hatte, habe ich mich um 12:45 Uhr mit Jennie bei Magnet. Wir holten Jennies und Marks Tochter Hannah und deren Freundin Aviva ab (die beiden kamen gerade aus einem jüdischen Wochenende-Camp oder so) und starteten durch Richtung Clanwilliam.
Die Fahrt verlief problemlos, Jennie fuhr angenehm. Die Straßen waren ziemlich leer; auf meine Nachfrage, ob das immer so sei, meinte Jennie, sie hätte es eigentlich lieber noch leerer. Immerhin waren wegen des Sonntags nicht so viele Trucks unterwegs. Wir fuhren auf der Cape Namibia Route, der wichtigsten Straßen an der Westküste, Richtung Norden. Die Straße war zumeist nur einspurig, jedoch gab es in beide Richtungen eine Art Seitenstreifen, der mit einer gelben Linie von den eigentlichen Spuren abgegrenzt war. Jennie erklärte, es sei eigentlich illegal, diesen Streifen zu benutzen. Es tat trotzdem andauernd jemand, nämlich immer dann, wenn wir überholen wollten. Dann fuhren die anderen freundlicherweise auf dem Seitenstreifen, und Jennie bedankte sich nach dem Vorbeifahren mit dem kurzen Betätigen des Warmblinkers. Das sei hier so üblich.
Wir fuhren hauptsächlich durch weite, grüne und teils rapsgelbe, leere Landschaften, die durch ihre Hügeligkeit auch als solche schön überblickbar waren. Die Namen der Orte, welche die Straßenschilder zierten, brachten mich häufig zum Schmunzeln, da es oftmals schien, als habe einfach jemand ein Niederländisch-Wörterbuch aufgeschlagen und wahllos Begriffe über die Landkarte verteilt („Misverstand“, „Goedgevonden“).

In Piketsburg hielten wir kurz zum Aufklogehen an einer Tankstelle an. Kurz darauf erreichten wir die Cederberg Mountains (?). Als wir dort über einen Pass einen der Berge überquerten, fielen mir Schilder auf, die vor Baboons warnten. Jennie erklärte, das seien große Affen, die hier heimisch sind. Gefährlich seien sie nicht, aber sie klauten, wenn man campen ist, gerne Essen. Man könne sie leicht verscheuchen – allerdings interessanterweise nur, wenn man männlich ist. Auf Frauen hörten die Baboons nicht, offenbar, weil ihre Stimmen häufig nicht tief genug sind. An dem Streckenabschnitt, den wir gerade durchfuhren, solle man aufpassen, da die Baboons hier häufig die Straße überqueren, ähnlich unseren Wildwechsel-Warnschildern also. Und tatsächlich: Wenig später stießen wir auf (und zum Glück nicht gegen) wilde Affen, die über die Straße hüpften.

Nach zweieinhalb Stunden Fahrt kamen wir gegen 16:15 Uhr im 230 km von Kapstadt entfernten Clanwilliam an und fuhren zunächst zu Marks und Jennies Haus. Mark hatte uns schon telefonisch vorgewarnt, dass es sehr heiß sei; ich fand es aber eigentlich ziemlich angenehm. (Dass viele Südafrikaner ein mir nicht ganz einleuchtendes Temperaturempfinden zu haben scheinen, fiel mir am Abend noch einmal auf: Mir wurde gesagt, ich solle unbedingt meine Jacke mitnehmen, es werde kalt, und Zukisani fror später auch tatsächlich im T-Shirt. Dabei herrschten um halb elf immer noch angenehme ca. 17 Grad.) Wir brachten das Familiengepäck ins Haus (das Auto war ziemlich voll gewesen, Aviva saß die Fahrt über relativ dicht hinter großen Bögen Malpapier), dann ging es ein Stück die Straße runter zu der Halle, in der wir für Arbeiten unser Hauptquartier haben und in dem nachmittags wohl auch Workshops stattfinden werden. Alles hier ist ziemlich nah beieinander, wir bewegen uns im Grunde nur eine Straße rauf und runter: Die Halle ist am einen Ende, meine Unterkunft am anderen, dazwischen liegen die Unterkunft der meisten anderen (eine Art Jugendherberge) inkl. der Küche und dem Speisebereich, sowie Marks und Jennies Haus.
Vor und in der Halle wurde schon fleißig gearbeitet, Tische wurden geputzt und dann mit Müllsack-Tischdecken eingepackt. Alle halfen mit, da Arbeiten zu verrichten, wo es gerade Arbeit zu verrichten gab; ich spezialisierte mich auf das Abreißen von Klebestreifen unter Einsatz der Zähne. Danach begannen wir, Rohrstock-Stücke von langen Rohrstöcken abzumessen und abzuschneiden, die später zu Laternen verarbeitet werden sollen. Das taten wir bis sechs, dann räumten wir auf und machten uns auf den Weg zur Herberge. Dort besorgte ich mir den Schlüssel zu unserem Zimmer von Zukisani (ich bin mit ihm und einem Musiker namens Brandon in einem Zimmer), holte mein Zeug aus Jennies Auto und fuhr mit Nolan (einem Magnet-Mitarbeiter) das kurze Stück zu unserem Bed & Breakfast. Unsere Unterkunft ist tatsächlich ausgesprochen schön: Alles sieht hübsch aus, das Zimmer ist groß und schick, und im Garten haben wir einen großen Pool. (Erst, als wir am Abend ins Bett wollten, entdeckten Zuks und ich Mäusekot auf unseren Kissen...) Ich unterhielt mich eine Weile mit Nolan, der allein in einem Zimmer schläft, während wir auf Meghan und Meagan (die namentlich auseinanderzuhalten Jennie extrem schwer fällt), die zusammen in einem Zimmer sind (mit Em-Jay = Mary-Joe, von der ich nicht genau verstanden habe, was genau sie hier macht, irgendwas Research-mäßiges). Dann fuhren wir wieder zur Herberge, wo es um sieben Essen gab, Salat und Nudelauflauf mit aufgestreuten Baconstückchen, sehr lecker.


Anschließend liefen alle zurück zur Halle, wo Mark unter Hilfe von Jennie das Wort an alle richtete. Infos wurden gegeben, Regeln wurden aufgestellt (z.B. nicht vor Kindern trinken, keine Schimpfwörter sagen zu und keine Gewalt ausüben an Kindern, auf Messer u.ä. aufpassen, wenn Kinder da sind), alle stellten sich noch mal kurz vor („Andreas, Magnet“), die Spülhilfe-Liste (ich bin Samstagmittag dran) sowie die Wer-zum-Bespaßen-der-Kinder-in-die-Schule-geht-und-dafür-sehr-früh-aufstehen-muss-Liste für morgen wurden aufgestellt. Danach ging es wieder an die Arbeit, Stöcke schneiden, Halle herrichten. Die Musiker gingen proben.
Um zehn war Schluss, wir fuhren im Magnet-Bus und mit zwei oder drei anderen Autos zurück zur Herberge. Wir Bed-&-Breakfaster (ausgenommen Em-Jay) warteten auf Brandon, der noch bei seinem Musiktreffen war, dann gingen wir alle in unsere Unterkunft.

Die Leute, so viel kann ich nach dem ersten Tag schon einmal vorsichtig resümieren, scheinen alle sehr nett zu sein, ich habe mich schon mit einigen von ihnen gut unterhalten. Sogar ein Deutscher ist dabei, Kerim aus Berlin, der Afrikanische Musik studiert. Einer der Südafrikaner heißt Rain. Morgen geht’s richtig los; ich hoffe, dass der bisher rundum positive Eindruck sich hält.

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