Samstag, 19. November 2016

Tag 101

Mo, 14.11.16
Die hiermit startenden Garden-Route-Tour-Berichte schreibe ich erst nach der Tour. Die beschriebenen Erinnerungen können also verschwommener sein, als wenn ich sie immer am selben Tag noch notiert hätte. Auch sind erste Eindrücke natürlich abschließenden Betrachtungen gewichen. Trotzdem. Ich werde mein Bestes geben, alles halbwegs von vorne nach hinten zu erzählen.

Montagmorgen wurde ich um sieben Uhr abgeholt. Im Minibus saßen bereits fünf Leute:
  • Benjamin, unser Fahrer und Tourguide, 55 Jahre alt, schwarz. Witziger und superlieber Kerl, der immer darauf Acht gab, dass es allen gut geht, und der ggf. selbst zurücksteckte. Tourguide durch und durch, wusste er überall zu jedem Ort und jedem Detail etwas zu erzählen. Immer on the road, kaum zu Hause, jede Woche neue Leute, immer zu allen freundlich, Bindung aufbauen, eine Woche Tour, Bindung wieder lösen. So weit meine Gedanken im Nachhinein. Benjamin, Benji, Ben.
  • Charlotte aus Birmingham, England, 35 Jahre, hat irgendwie eine Firma oder so, reist viel. Ich setzte mich im Bus morgens neben sie auf den Sitz in der ersten Reihe hinter dem Fahrer, sie saß am Fenster rechts, ich in der Mitte des Busses, Blick zwischen Fahrer- und Beifahrersitz hindurch, gute Fotoposition. Kurioserweise blieb die Sitzordnung, die wir mehr oder weniger zufällig beim Nach-und-nach-Einsteigen wählten, die, die wir die gesamte Woche über beibehielten. Jedenfalls: Charlotte und ich sind ziemlich schnell Bus-Buddies geworden, wir verstanden uns super.
  • Henri, 22, aus Frankreich, macht Freiwilligenarbeit oder so in Hout Bay bei Kapstadt, drei Monate insgesamt, ist seit September hier. Lustiger Typ, auch mit Henri verstand ich mich blendend.
  • Kailash (sprich: Kalasch, wie Kalaschnikow), 30, aus Indien, arbeitet dort in einem Hotel/Resort oder so. Netter, aber manchmal ein wenig seltsamer Kerl. Wir verstanden uns ganz gut, ich hatte mit ihm aber im Vergleich zu Charlotte und Henri nicht ganz so viel zu tun.
  • Caroline, um die 50, gebürtige Kanadierin aus Newfoundland, studierte seinerzeit in den USA, lebt in Singapur und arbeitet dort auch, nämlich als Englischdozentin an einer Uni. An sich nett, wir unterhielten uns durchaus ab und zu miteinander. Sie war aber trotzdem ein bisschen der Nervfaktor der Tour. Redete zu viel, insbesondere zu viel über sich selbst, und darüber, wie unfähig Chinesen und Asiaten in einfach allem seien. Wenn die Tour länger als fünf Tage gedauert hätte, hätte sich mit Caroline eine negative Dynamik entwickelt, da bin ich mir ziemlich sicher. So ging es gerade noch halbwegs unfallfrei.
Wir fuhren los, um noch weitere drei Leute abzuholen:
  • Betty, 68, und Remko, 71, niederländisches Rentner-Ehepaar. Superlieb und -herzlich, die beiden. Seit einem Jahr verheiratet, haben sich im Griechenland-Urlaub kennengelernt und darüber zueinander gefunden, dass bei beiden der erste, langjährige Ehepartner gestorben war. Beide sprachen nicht schlecht Englisch, waren aber trotzdem manchmal glücklich darüber, dass ich Holländisch verstehe.
  • Und zu guter Letzt Susanne, 54, aus Kehl, Baden-Württemberg. Sie stellte sich als der Fun-Faktor der Tour heraus, da sie nämlich fast kein Englisch sprach und noch weniger verstand. Ich fungierte die Woche über als ihr Übersetzer in beide sprachlichen Richtungen. Herrliche Frau, in ihrer polterigen, unbefangenen Art sehr erfrischend und witzig. Ihre Ausrufe „Subbaaa!“ und „Shoppiiing!“ waren am Ende der Tour zu geflügelten Worten geworden.
Als wir alle abgeholt hatten (Susanne aus dem etwas weiter entfernten Somerset West, wo sie bei ihrem Onkel ungefähr gleichen Alters urlaubte), machten wir uns auf den Weg. Neun Leute, ein Minibus, fünf Tage, vier Nächte. Los ging's.

Unser erster Programmpunkt (nachdem wir bereits einmal in einer Haltebucht gestoppt hatten, um die schöne Aussicht auf False Bay zu fotografieren) war die Pinguinkolonie in Betty's Bay. Die Tiere waren jedoch weniger niedlich, als man sich das vorstellt, da sie gerade in der Mauser sind, und stanken fürchterlich nach verrottendem Fisch. Unsere erste group bonding experience, also die ersten Gespräche abseits von „wie heißt du“ und „wo kommst du her“ im Bus, führten wir in einem kleinen Café/Restaurant dort.

Weiter ging es nach Hermanus, wo man mit ein bisschen Glück Wale und Delfine vom Land aus beobachten kann. Wir hatten zwar kein Glück, aber dafür Mittagessen, bei dem wir das Kontaktknüpfen fortführten.

Weiter ging es, und das durch Utah über Heidelberg nach Schottland. Durch den Ort Heidelberg fuhren wir tatsächlich, die anderen waren zwei der gefühlten Landschaftsformen, die wir auf unserer Tour erlebten. Südafrika hat unglaublich viele unterschiedliche Landschaften, und jede einzelne ist wunderschön. Wie ich auf der Fahrt nach Clanwilliam schon festgestellt hatte, gibt es viele wide open spaces: weite (berührte und unberührte) Natur, wohin man auch blickt.

Um vier kamen wir in der Garden Route Game Lodge in Albertinia an, laut Google ein 3-Sterne-Hotel: „Das Wildreservat im Familienbesitz mit Blick auf die Langeberg Mountains ist 47,8 km von Mossel Bay entfernt.“

An dieser Stelle ein allgemeiner Kommentar zu unseren Unterkünften: Es gab bei der Buchung die Auswahlmöglichkeiten „Backpacker“ und „Guest House“, für zweiteres wurde ein Zuschlag verlangt. Ich habe mich für die günstigere Backpacker-Variante entschieden. Der Unterschied war quasi Jugendherberge vs. Hotel, also Mehrbett- oder Einzelzimmer. Die Backpacker-Variante hatten nur Henri, Kailash und ich gebucht. Anstatt in einer Herberge landeten wir in der ersten Nacht allerdings in einer Unterkunft, die nicht ganz unpassend „Villa“ genannt wurde. Es handelte sich um ein großes, luxuriöses Haus mit zwei Zweibettzimmern, Balkon, großem Wohn- und Badezimmer sowie einem Pool neben der Eingangstür. Die anderen, die Gästehäusler, hatten kleine Hütten neben der Rezeption in einem vom Reservat abgezäunten Bereich. Wir hingegen waren mitten im Reservat, hätten also z.B. auch Elefantenbesuch bekommen können (was leider nicht passierte).

Nach dem Einchecken an der Rezeption wurden wir drei Backpacker von Benjamin zu unserer Villa gefahren, wo wir unser Gepäck ablegten und uns über die Unterkunft freuten. Kurz darauf holte einer der Ranger uns mit seinem Jeep ab, denn um 17 Uhr sollte die erste von zwei je zweistündigen Safaris durchs Reservat stattfinden.

Rund fünf oder sechs Wagen starteten um 17 Uhr von der Rezeption aus, wir acht plus zwei weitere (deutsche Touristen) teilten uns einen davon. Unser Fahrer/Ranger war Hannes, muttersprachlich wahrscheinlich Afrikaans, aber ebenso mit lupenreinem Englisch. Hannes war nicht irgendwer, sondern der Chefranger der Game Lodge. Er fuhr uns durchs Reservat und erzählte uns etwas zu allen Tieren und Pflanzen, an denen wir vorbeifuhren bzw. bei denen wir stoppten. Hannes wusste wirklich, wovon er sprach. Er hatte spannende, detaillierte Informationen und erstaunliche Geschichten zum Besten zu geben. (Einige davon übersetzte ich in zusammengefasster Version für Susanne ins Deutsche.) Hannes liebt seinen Job und die Tiere, für die zuständig ist, das kann man ohne jeden Zweifel so sagen.

Hannes' Infos wiederzugeben würde zu lang dauern, und alles zusammen bekomme ich auch nicht. Nilpferde können nicht schwimmen, so viel muss als Fun Fact ausreichen. Stattdessen einige Fotos:

Gegen Ende dieser ersten Safaritour erlebten wir dann ein Highlight. Andere Ranger meldeten per Funk, sie hätten einen cheetah, einen Gepard gesichtet. Er liege auf der Lauer, bereit, einige grasende springboks, Springböcke, anzufallen. Wir gesellten uns zu zwei anderen Safariwagen, warteten, probierten, den Gepard in der Steppe zu finden. Gar nicht so einfach. War er wirklich da?
Dass er tatsächlich da war, wurde klar, als er zum Angriff überging. Plötzlich ging alles sehr schnell, der Gepard sprintete los, auf die Springböcke zu, die ahnten nichts und bemerkten den Jäger erst, als er dicht bei ihnen war, einer von ihnen hinkte etwas, Hannes mutmaßte, auf den müsse der cheetah losgehen, tat er aber nicht, er suchte sich einen gesunden springbok aus, die beiden rannten um die Wette, der eine um sein Abendessen, der andere um sein Leben, alles in einer Wahnsinnsgeschwindigkeit. Und der Springbok entkam.
Hannes war total aus dem Häuschen. Ein Gepard jage zweimal am Tag, erzählte er, und das für jeweils 30 Sekunden. Man habe demnach eine Minute pro Tag die Gelegenheit, zufällig Zeuge des Schauspiels zu werden. Sehr unwahrscheinlich/selten also, wir würden das in unserem Leben wahrscheinlich nie wieder sehen, meinte Hannes zu uns. Was ihn allerdings noch mehr ausflippen ließ als die Sichtung selbst, war ein Foto, das ich geschossen hatte. Ich hatte einige gute, aber eines stach besonders heraus. Hannes meinte, ich müsse es ihm un-un-unbedingt schicken, er würde es bei einem internen Foto-Wettbewerb einreichen und mich benachrichtigen, wenn ich gewonnen habe. Auch ließ er mich meine Kamera mit dem Foto seinen Kollegen zeigen, die ebenfalls begeistert waren (wenn auch nicht so sehr wie Hannes). Hier das betreffende Bild (und ein weiteres):

Nach der Safari gab es Abendessen. Sehr, sehr gutes Abendessen. Buffet mit den feinsten Sachen. Normalerweise wird die Garden Route Tour andersherum gemacht; wir durchliefen sie in umgekehrter Reihenfolge, da es zu Verfügbarkeitsproblemen an den „normalen“ Daten gekommen war. Eigentlich sind die Safaris und das dazugehörige Essen also als krönender Abschluss gedacht, wir hatten sie als pompösen Einstieg. Ich aß Kudu, ich aß Strauß, ich aß Spinat, ich aß viel, alles 1A.

Nach dem Essen gingen wir in unsere jeweiligen Unterkünfte, es war (frühe) Bettzeit nach einem langen Tag. Benji fuhr Henri, Kailash und mich zur Villa. Henri und ich sprangen, wie wir nachmittags beschlossen hatten, noch in den Pool, der allerdings so kalt war, dass Henri nach zehn Sekunden, ich nach einer knappen Minute genug hatten. Und dann, ja, machten wir um halb elf das Licht aus.

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