Freitag, 21. Oktober 2016

Tag 76

Do, 20.10.16
Heute war erneut ein ereignisreicher Tag. Begonnen hat er damit, dass ich eine Mikrowelle geputzt habe, die neue alte nämlich, die Jenny H. Magnet spendiert hat. Ein kleines bisschen Crowdfunding folgte, dann ein wenig nicht wirklich erfolgreiche Arbeit am Poster mit Nwabisa. Um 11:30 Uhr gab es ein Meeting, geleitet von der aus Amsterdam wiedergekehrten Jennie, zum am Samstag stattfindenden Culture Gangs Showcase. Ich saß eine Dreiviertelstunde lang eher wenig nützlich dabei, da ich mit der Organisation nichts zu tun hatte. Abgesehen davon natürlich, dass ich den Flapjack-Mix organsiert hatte. Eine Kostprobe der Pancakes hatten Margie und Jenny H. heute mitgebracht: sehr lecker. Ich werde am Samstag dann meinen Beitrag an dem großen Tag leisten, indem ich mal wieder Fotos mache.

Nachdem ich meinen Laptop zurück nach Hause gebracht hatte, zog ich um eins mit Yonela los ins Township Khayelitsha (sprich: ka-je-LI-tscha). (Meghan blieb, da sie für Samstag einiges zu tun hatte, bei Magnet und kam nicht mit.) Unsere Reise begann damit, dass Yonela mich, während wir Richtung Main Rd gingen, fragte, ob ich eigentlich keine Angst davor hätte, ins Township zu gehen. Eine Frage, die bei mir, der ich eigentlich eher interessiert-gespannt war, Zweifel an meiner Nicht-zu-sehr-Besorgtheit schürte. Nein nein, verunsichern wolle sie mich nicht, lachte Yonela. Wie sicher denn Khayelitsha wohl sei? Naja, die Townships seien alle nicht sicher. Nun gut.
An der Main Rd angelangt nahmen wir ein Minibus-Taxi Richtung Cape Town. Mein erstes. Ich habe es also doch nicht gänzlich vermeiden können. Das Ganze war jedoch weniger nervenaufreibend, als ich es mir vorgestellt hatte. Bei der Fahrt im Gefährt ist die Gefahr weniger erfahrbar als von außen, scheint mir.

Ohne Probleme kamen wir an der Cape Town Bus Station an, einer großen, zu den Seiten hin offenen Halle mit einer in meiner Erinnerung niedrigen, gelblichen Decke, in der, ähnlich einem europäischen ZOB, sich eine zielschildbewährte Haltebucht an die nächste reihte. Nur eben nicht mit Reise-, sondern mit Minibussen. Sooo vielen Minibusse. Und ich war allem Anschein nach der einzige Nicht-Farbige/-Schwarze weit und breit. Bei den Minibussen hört das weiße Kapstadt dann offenbar doch auf.
Yonela und ich stiegen nach kurzer Suche in ein Taxi ein, das nach Khayelitsha fuhr. Eigentlich wollte Yonela auf das nächste warten, da keine zwei Plätze mehr nebeneinander im schon wartenden Taxi frei waren und Yonela auf mich aufpassen wollte; dann setzte sich eine Dame in dem Taxi sich allerdings für uns um, sodass wir gegen 13:45 Uhr (nach 20-30 Minuten Wartezeit und Minibus-Taxi-Stau auf der Straße vom Busbahnhof weg) richtig losfuhren.

Die Fahrt über die Autobahn nach Khayelitsha war unspektakulär. Wir fuhren an einigen Townships vorbei; an einem davon meinte Yonela, das sei dasjenige, in dem sie wohne.
In Khayelitsha angekommen fuhren wir an lauter Wellblechhütten und ähnlichen Bauten vorbei. Auf den Fußwegen davor saßen und liefen Frauen und Männer und spielten Kinder. Wir fuhren beinahe eine Kuh um, die herrenlos über die Straße lief und sich auch von unserem Hupen nicht beeindrucken ließ. An dieser Stelle sei mal wieder Wikipedia zitiert:
„Khayelitsha ist eines der größten Townships Südafrikas. Es liegt am Stadtrand von Kapstadt in den Cape Flats.
Khayelitsha ist das isiXhosa-Wort für Neue Heimat. 2011 lebten 391.749 Menschen in Khayelitsha, davon rund 98,5 Prozent Schwarze. Innerhalb des Townships wird vor allem isiXhosa gesprochen. Es besteht vor allem aus Hütten aus Blech, Holz und Pappe.“

Um 14:30 Uhr setzte unser Taxi uns direkt vor der Schule (Chris Hani Secondary School) ab, wir mussten nur noch über die Straße gehen. Wir waren zwar zu früh dran, die Mädchen aus der Theatergruppe, die Yonela betreute und zu deren Probe für den Auftritt am Samstag wir gekommen waren, waren jedoch schon dort und bereit, weswegen sie gleich loslegten. Sie wärmten sich auf, ich stellte mich kurz vor, sie begannen, ich machte ein paar Fotos.

Nach einer knappen Stunde und zwei Durchläufen (einige starke Bilder, viel chorischer Gesang und Klatschen/Stampfen, Text auf isiXhosa und Englisch, jede Darstellerin hatte einen Solo-Text) war Yonela der Meinung, dass es nichts mehr zu tun gäbe, sie war zufrieden. Daher fingen wir nicht nur verfrüht an, sondern hörten auch früher auf als geplant. Yonela unterhielt sich noch kurz mit einem Lehrer der Schule (bei dem ich mal wieder nicht an den afrikanischen Handshake dachte und daher die Bewegungsfolge vorschnell abbrach), dann stiegen wir in ein Taxi zu einer Art Busbahnhof in Khayelitsha. Da das Taxi zeitweise fast leer war, konnte ich auf dem Weg dorthin einige Fotos aus dem Fenster hinaus schießen, ohne mich zu blöd zu fühlen.

Im gesamten Township war ich offenbar der einzige Weiße; ich fühlte mich, insbesondere am taxi rank, dem Busbahnhof-Marktplatz-Wasauchimmer-Hybrid, durchaus angeguckt und war ganz glücklich darüber, dass Yonela dabei war. Sogar davon abgesehen war es aber ein seltsames Gefühl, im Taxi durchs Township zu fahren. Die Armut, die die Wellblechhütten wie nichts anderes ausdrücken, war regelrecht mit Händen greifbar. Die Kinder, an denen wir vorbeizogen, einige davon in Schuluniform, erinnerten mich dabei sehr an die Kleinen in Clanwilliam: arm, aber nichts anderes gewohnt, und somit zumindest nach außen hin nicht weniger unbeschwert als Kinder anderswo. Für sie sind die schier endlosen Reihen schäbiger Wellblechhütten und die Dreckwege dazwischen eben ihre Lebenswelt. Die Realisierung und tiefergreifende Erfahrung der Armut kommt wohl erst später, brennt sich dann aber umso tiefer in die Gesichter der Menschen hier ein. Wo wohl der Scheidepunkt der Einsicht liegt, in welchem Alter, mit welchen Geschehnissen?

Um 16:00 Uhr fuhren wir vom Busbahnhof nach nur fünfminütiger Wartezeit wieder los Richtung Kapstadt. Auf der Rückfahrt fiel mir auf, dass an einer Stelle direkt neben der Autobahn Schafe weideten, und zwar uneingezäunt, und die Leitplanke hatte große Lücken. Ansonsten war die Fahrt so unaufregend wie die Hinfahrt.
Um 16:20 Uhr setzte Yonela mich am Busbahnhof in Kapstadt in mein nunmehr fünftes Taxi, eines Richtung „WYNBERG!“, mit einem etwas älteren, nett aussehenden Fahrer. Der ließ mich vorne neben sich einsteigen. Den Platz teilte ich mir zweimal zwischenzeitlich mit einer anderen Person: Die Vorderbank war nicht in der Mitte unterbrochen, sondern ging durch. So fuhren wir nach kurzer Wartezeit die Main Rd hinunter.

Gegen 16:45 Uhr stieg ich kurz vor der Station Rd aus. Fürs erste Taxi (zum Busbahnhof) habe ich 7 Rand bezahlt, fürs zweite (nach Khayelitsha) 17 Rand, fürs dritte (zum Khayelitsha-Busbahnhof) 8 Rand, fürs vierte (zum Kapstadt-Busbahnhof) 16, fürs fünfte und letzte (zur Station Rd) 7. Insgesamt also 55 Rand, das sind umgerechnet rund 3,60 Euro. Man kann ja sagen, was man will, aber mit den Minibus-Taxen kommt man wirklich extrem günstig herum. Interessant ist, dass in den Autobahn- und Township-Taxen den Fahrgästen die Bezahlung selbst überlassen wird, das Geld wird einfach durch die Reihen nach vorne durchgereicht, ggf. kommt Wechselgeld zurück. In den Stadt-Taxen wird man meist irgendwann vom Türöffner/Rausschreier (den es bei den anderen Taxen so nicht gibt) dazu aufgefordert, ihm das Geld zu geben.

Zu Hause empfing mich dann kein Strom. Wir hatten unsere Kilowattstunden offenbar aufgebraucht, und Justin hatte, aus welchem Grund auch immer, die noch nicht ganz leere Batterie des Stromgerätes mitgenommen, weswegen wir den Code zum Nachfüllen nicht eingeben konnten. Ine war unterwegs, um eine neue Batterie zu besorgen, hatte aber genauso wenig Glück wie ich vor ein paar Wochen: Nirgendwo gibt es 3,6-Volt-Batterien. Ich brachte, was wir in der Gefriertruhe und Teile von dem, was wir im Kühlschrank hatten, ins andere Haus hinüber, wo es freundlicherweise von Helen entgegengenommen wurde. Paula und Julia kamen eine Weile später von einem neuerlichen Strandtag zurück, und Ine schickte uns eine Nachricht, dass Theresa die Gemeinde kontaktiert hatte, die jemanden mit einer neuen Batterie vorbeischicken würden.

Das Vorbeibringen bekamen wir jedoch nicht mehr mit, da wir (mit unserem ersten weißen Uber-Fahrer, Mark, anscheinend Rentner) zum Baxter Theatre fuhren. Dort wurde das hochgelobte „The Fall“ aufgeführt, eine Produktion, die sich (sehr ähnlich Nwabisas Stück) mit den Studentenprotesten letztes Jahr beschäftigt.

Die hohen Töne, in denen von „The Fall“ gesprochen wird, sind in der Tat angemessen: Das von sieben Leuten, alle farbig oder schwarz, aufgeführte Stück war unheimlich gut geschrieben und aufgebaut. Viele viele Facetten, d.h. Problematiken der Proteste wurden aufgezeigt und durchdacht. Auch die Aufführung konnte sich sehen lassen, minimalistisch inszeniert, die nahezu einzigen Requisiten waren drei Tische, viel rhythmischer Gesang, temporeich, immer wieder ziemlich witzig. Insgesamt wirklich bewegend und zum Nachdenken anregend.
Ein paar interessante Auffälligkeiten: Der Applaus war nur eine Verbeugung lang, die Darstellerinnen und Darsteller kamen nicht noch mal auf die Bühne; und während der Vorstellung schnipsten einige Leute im Publikum, wenn sie Zustimmung ausdrücken wollten. Auch wurde während der Aufführung von der einen oder dem anderen etwas lauter als geflüstert das Gesehene und Gehörte kommentiert.

Nach der Aufführung nahmen wir uns zu siebt (Paula, Julia und ich; außerdem hatten sich Angélique und Ine die Aufführung angeschaut sowie zwei deutsche Freundinnen von Ine, Julia und Gwen) ein UberXL, das uns pro Person 7 Rand kostete.
Zurück zu Hause hatten wir tatsächlich wieder Strom, Helen muss die Batterieperson hereingelassen haben. Julia und insbesondere Paula packten den restlichen Abend über Koffer und Backpack ein. Ach, und ich habe heute die Nachricht von zu Hause erhalten, dass ich für meine Südafrika-Zeit tatsächlich BAföG bekomme. Freude, große Freude, jippie!
Eieiei, was für ein Tag schon wieder.

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