Do, 20.10.16
Heute war erneut ein ereignisreicher
Tag. Begonnen hat er damit, dass ich eine Mikrowelle geputzt habe,
die neue alte nämlich, die Jenny H. Magnet spendiert hat. Ein
kleines bisschen Crowdfunding folgte, dann ein wenig nicht wirklich
erfolgreiche Arbeit am Poster mit Nwabisa. Um 11:30 Uhr gab es ein
Meeting, geleitet von der aus Amsterdam wiedergekehrten Jennie, zum am Samstag
stattfindenden Culture Gangs Showcase. Ich saß eine
Dreiviertelstunde lang eher wenig nützlich dabei, da ich mit der
Organisation nichts zu tun hatte. Abgesehen davon natürlich, dass
ich den Flapjack-Mix organsiert hatte. Eine Kostprobe der Pancakes
hatten Margie und Jenny H. heute mitgebracht: sehr lecker. Ich werde
am Samstag dann meinen Beitrag an dem großen Tag leisten, indem ich mal wieder Fotos
mache.
Nachdem ich meinen Laptop zurück nach
Hause gebracht hatte, zog ich um eins mit Yonela los ins Township
Khayelitsha (sprich: ka-je-LI-tscha). (Meghan blieb, da sie für
Samstag einiges zu tun hatte, bei Magnet und kam nicht mit.) Unsere
Reise begann damit, dass Yonela mich, während wir Richtung Main Rd
gingen, fragte, ob ich eigentlich keine Angst davor hätte, ins
Township zu gehen. Eine Frage, die bei mir, der ich eigentlich eher
interessiert-gespannt war, Zweifel an meiner
Nicht-zu-sehr-Besorgtheit schürte. Nein nein, verunsichern wolle sie
mich nicht, lachte Yonela. Wie sicher denn Khayelitsha wohl sei?
Naja, die Townships seien alle nicht sicher. Nun gut.
An der Main Rd angelangt nahmen wir ein
Minibus-Taxi Richtung Cape Town. Mein erstes. Ich habe es also doch
nicht gänzlich vermeiden können. Das Ganze war jedoch weniger
nervenaufreibend, als ich es mir vorgestellt hatte. Bei der Fahrt im
Gefährt ist die Gefahr weniger erfahrbar als von außen, scheint
mir.
Ohne Probleme kamen wir an der Cape
Town Bus Station an, einer großen, zu den Seiten hin offenen Halle mit einer in
meiner Erinnerung niedrigen, gelblichen Decke, in der, ähnlich einem
europäischen ZOB, sich eine zielschildbewährte Haltebucht an die
nächste reihte. Nur eben nicht mit Reise-, sondern mit
Minibussen. Sooo vielen Minibusse. Und ich war allem Anschein nach der
einzige Nicht-Farbige/-Schwarze weit und breit. Bei den Minibussen
hört das weiße Kapstadt dann offenbar doch auf.
Yonela und ich stiegen nach kurzer
Suche in ein Taxi ein, das nach Khayelitsha fuhr. Eigentlich wollte
Yonela auf das nächste warten, da keine zwei Plätze mehr
nebeneinander im schon wartenden Taxi frei waren und Yonela auf mich
aufpassen wollte; dann setzte sich eine Dame in dem Taxi sich
allerdings für uns um, sodass wir gegen 13:45 Uhr (nach 20-30
Minuten Wartezeit und Minibus-Taxi-Stau auf der Straße vom
Busbahnhof weg) richtig losfuhren.
Die Fahrt über die Autobahn nach
Khayelitsha war unspektakulär. Wir
fuhren an einigen Townships vorbei; an einem davon meinte Yonela, das
sei dasjenige, in dem sie wohne.
In Khayelitsha angekommen fuhren wir an
lauter Wellblechhütten und ähnlichen Bauten vorbei. Auf den
Fußwegen davor saßen und liefen Frauen und Männer und spielten
Kinder. Wir fuhren beinahe eine Kuh um, die herrenlos über die
Straße lief und sich auch von unserem Hupen nicht beeindrucken ließ.
An dieser Stelle sei mal wieder Wikipedia zitiert:
„Khayelitsha ist eines der größten Townships Südafrikas. Es liegt am Stadtrand von Kapstadt in den Cape Flats.Khayelitsha ist das isiXhosa-Wort für Neue Heimat. 2011 lebten 391.749 Menschen in Khayelitsha, davon rund 98,5 Prozent Schwarze. Innerhalb des Townships wird vor allem isiXhosa gesprochen. Es besteht vor allem aus Hütten aus Blech, Holz und Pappe.“
Um 14:30 Uhr setzte
unser Taxi uns direkt vor der Schule (Chris Hani Secondary School)
ab, wir mussten nur noch über die Straße gehen. Wir waren zwar zu
früh dran, die Mädchen aus der Theatergruppe, die Yonela betreute
und zu deren Probe für den Auftritt am Samstag wir gekommen waren, waren
jedoch schon dort und bereit, weswegen sie gleich loslegten. Sie
wärmten sich auf, ich stellte mich kurz vor, sie begannen, ich
machte ein paar Fotos.
Nach einer knappen
Stunde und zwei Durchläufen (einige starke Bilder, viel chorischer
Gesang und Klatschen/Stampfen, Text auf isiXhosa und Englisch, jede Darstellerin
hatte einen Solo-Text) war Yonela der
Meinung, dass es nichts mehr zu tun gäbe, sie war zufrieden. Daher
fingen wir nicht nur verfrüht an, sondern hörten auch früher auf
als geplant. Yonela unterhielt sich noch kurz mit einem Lehrer der
Schule (bei dem ich mal wieder nicht an den afrikanischen Handshake
dachte und daher die Bewegungsfolge vorschnell abbrach), dann stiegen
wir in ein Taxi zu einer Art Busbahnhof in Khayelitsha. Da das Taxi
zeitweise fast leer war, konnte ich auf dem Weg dorthin einige Fotos aus dem Fenster
hinaus schießen, ohne mich zu blöd zu fühlen.
Im gesamten
Township war ich offenbar der einzige Weiße; ich fühlte mich,
insbesondere am taxi rank, dem Busbahnhof-Marktplatz-Wasauchimmer-Hybrid,
durchaus angeguckt und war ganz glücklich darüber, dass Yonela
dabei war. Sogar davon abgesehen war es aber ein seltsames Gefühl, im
Taxi durchs Township zu fahren. Die Armut, die die Wellblechhütten
wie nichts anderes ausdrücken, war regelrecht mit Händen greifbar. Die Kinder,
an denen wir vorbeizogen, einige davon in Schuluniform, erinnerten
mich dabei sehr an die Kleinen in Clanwilliam: arm, aber nichts
anderes gewohnt, und somit zumindest nach außen hin nicht weniger
unbeschwert als Kinder anderswo. Für sie sind die schier endlosen Reihen
schäbiger Wellblechhütten und die Dreckwege dazwischen eben ihre Lebenswelt. Die Realisierung
und tiefergreifende Erfahrung der Armut kommt wohl erst später, brennt
sich dann aber umso tiefer in die Gesichter der Menschen hier ein. Wo
wohl der Scheidepunkt der Einsicht liegt, in welchem Alter, mit welchen
Geschehnissen?
Um 16:00 Uhr fuhren
wir vom Busbahnhof nach nur fünfminütiger Wartezeit wieder los
Richtung Kapstadt. Auf der Rückfahrt fiel mir auf, dass an einer
Stelle direkt neben der Autobahn Schafe weideten, und zwar
uneingezäunt, und die Leitplanke hatte große Lücken. Ansonsten war
die Fahrt so unaufregend wie die Hinfahrt.
Um 16:20 Uhr setzte
Yonela mich am Busbahnhof in Kapstadt in mein nunmehr fünftes Taxi,
eines Richtung „WYNBERG!“, mit einem etwas älteren, nett
aussehenden Fahrer. Der ließ mich vorne neben sich einsteigen. Den
Platz teilte ich mir zweimal zwischenzeitlich mit einer anderen
Person: Die Vorderbank war nicht in der Mitte unterbrochen, sondern
ging durch. So fuhren wir nach kurzer Wartezeit die Main Rd hinunter.
Gegen 16:45 Uhr stieg ich kurz vor der Station Rd aus. Fürs
erste Taxi (zum Busbahnhof) habe ich 7 Rand bezahlt, fürs zweite
(nach Khayelitsha) 17 Rand, fürs dritte (zum Khayelitsha-Busbahnhof)
8 Rand, fürs vierte (zum Kapstadt-Busbahnhof) 16, fürs fünfte und
letzte (zur Station Rd) 7. Insgesamt also 55 Rand, das sind
umgerechnet rund 3,60 Euro. Man kann ja sagen, was man will, aber mit
den Minibus-Taxen kommt man wirklich extrem günstig herum. Interessant ist, dass in den Autobahn- und Township-Taxen den Fahrgästen die Bezahlung selbst überlassen wird, das Geld wird einfach durch die Reihen nach vorne durchgereicht, ggf. kommt Wechselgeld zurück. In den Stadt-Taxen wird man meist irgendwann vom Türöffner/Rausschreier (den es bei den anderen Taxen so nicht gibt) dazu aufgefordert, ihm das Geld zu geben.
Zu Hause empfing mich dann kein Strom.
Wir hatten unsere Kilowattstunden offenbar aufgebraucht, und Justin
hatte, aus welchem Grund auch immer, die noch nicht ganz leere Batterie des
Stromgerätes mitgenommen, weswegen wir den Code zum Nachfüllen
nicht eingeben konnten. Ine war unterwegs, um eine neue Batterie zu
besorgen, hatte aber genauso wenig Glück wie ich vor ein paar
Wochen: Nirgendwo gibt es 3,6-Volt-Batterien. Ich brachte, was wir in
der Gefriertruhe und Teile von dem, was wir im Kühlschrank hatten,
ins andere Haus hinüber, wo es freundlicherweise von Helen entgegengenommen wurde.
Paula und Julia kamen eine Weile später von einem neuerlichen
Strandtag zurück, und Ine schickte uns eine Nachricht, dass Theresa
die Gemeinde kontaktiert hatte, die jemanden mit einer neuen Batterie
vorbeischicken würden.
Das Vorbeibringen bekamen wir jedoch nicht mehr mit,
da wir (mit unserem ersten weißen Uber-Fahrer, Mark, anscheinend
Rentner) zum Baxter Theatre fuhren. Dort wurde das hochgelobte „The
Fall“ aufgeführt, eine Produktion, die sich (sehr ähnlich
Nwabisas Stück) mit den Studentenprotesten letztes Jahr beschäftigt.
Die hohen Töne, in denen von „The
Fall“ gesprochen wird, sind in der Tat angemessen: Das von sieben
Leuten, alle farbig oder schwarz, aufgeführte Stück war unheimlich
gut geschrieben und aufgebaut. Viele viele Facetten, d.h.
Problematiken der Proteste wurden aufgezeigt und durchdacht. Auch die
Aufführung konnte sich sehen lassen, minimalistisch inszeniert, die
nahezu einzigen Requisiten waren drei Tische, viel rhythmischer
Gesang, temporeich, immer wieder ziemlich witzig. Insgesamt wirklich bewegend und zum
Nachdenken anregend.
Ein paar interessante Auffälligkeiten:
Der Applaus war nur eine Verbeugung lang, die Darstellerinnen und
Darsteller kamen nicht noch mal auf die Bühne; und während der
Vorstellung schnipsten einige Leute im Publikum, wenn sie
Zustimmung ausdrücken wollten. Auch wurde während der Aufführung
von der einen oder dem anderen etwas lauter als geflüstert das Gesehene und Gehörte kommentiert.
Nach der Aufführung nahmen wir uns zu
siebt (Paula, Julia und ich; außerdem hatten sich Angélique und Ine die Aufführung angeschaut sowie zwei deutsche Freundinnen von Ine, Julia und Gwen) ein UberXL,
das uns pro Person 7 Rand kostete.
Zurück zu Hause hatten wir
tatsächlich wieder Strom, Helen muss die Batterieperson
hereingelassen haben. Julia und insbesondere Paula packten den
restlichen Abend über Koffer und Backpack ein. Ach, und ich habe heute die Nachricht von zu
Hause erhalten, dass ich für meine Südafrika-Zeit tatsächlich
BAföG bekomme. Freude, große Freude, jippie!
Eieiei, was für ein Tag schon wieder.






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