Sonntag, 20. November 2016

Tag 104

Do, 17.11.16
Am Donnerstag gab es Regen. Das aber war nicht schlimm, da wir den Großteil des Tages sowieso im Auto verbrachten. Mit Addo hatten wir den östlichsten Punkt unserer Reise erreicht, von nun an ging es wieder zurück nach Westen Richtung Kapstadt.

Aus den Federn: 06:30 Uhr; Frühstück: 07:45 Uhr; los: 08:20 Uhr. Während Benjamin mit Caroline die anderen aus dem Gästehaus abholte, besuchte ich in Jeffreys Bay mit Henri und Kailash zusammen kurz einen Kodak-Laden. Die Kodak-Menschen konnten mir mit meiner Objektiv-Verunreinigung zwar leider nicht helfen, aber ein paar Fotos ausdrucken konnte ich dort.

Durch den Regen fuhren wir nach Plettenberg Bay, wo es auch regnete, was Charlotte und mich aber nicht davon abhielt, ein wenig über den Strand zu spazieren, während die anderen in der Stadt blieben und eine knappe Stunde lang shoppten (oder so). Ging aber leider nicht lang gut, die Sache mit dem Strand: Der Regen wurde stärker – was aber einige Verrückte ihre sportliche Aktivitäten nicht unterbrechen ließ.

Als nächstes fuhren wir erneut nach Knysna, diesmal allerdings auf die über dem Ort aufragenden Berge, die sogenannten Knysna Heads. Dort war es schön, zumal wir den Regen hinter uns gelassen hatten.

Ich hatte am Strand schon Fish & Chips gegessen, die anderen wollten aber nun etwas zu Mittag essen. In der Innenstadt von Knysna fand sich jedoch nicht wirklich etwas, weswegen Benjamin einige von uns noch woanders hinfuhr. Dort setzten wir uns in ein schickes Café, ich bestellte ein Stück Kuchen, Remko ebenso, Susanne und Betty aßen ein Sandwich-Ciabatta. Charlotte holte sich nebenan eine Pizza und setzte sich dann zum Essen vor die Tür. Da wir dem Kellner gesagt hatten, dass noch eine fünfte Person kommen werde, wurde er auf Charlotte aufmerksam und bat sie trotz ihrer Fremdpizza hinein: Ihre Familie warte drinnen auf sie. Oma Betty, Opa Remko, Mama Susanne, Sohn Andreas, Tochter Charlotte? Eine verblüffend internationale Familie.

Und weiter ging es, durch George hindurch, über den Outeniqua Pass, durch die Halbwüste Great Karoo, nach Oudtshoorn.

In Oudtshoorn stand ein Besuch auf einer Straußenfarm auf dem Programm: unsere am wenigsten schöne Aktivität, wie sich herausstellen sollte.
Nach einer mehr oder minder informativen Straußen-Info-Einführung in wenig gemütlichem Setting ging es in den Hof hinaus. Sich von einem Strauß etwas rabiat Futter von der Hand picken zu lassen, das war noch der witzigste Teil der Tour. Der junge Mann, der die Führung gab, leitete uns weiter nach hinten, wo etwa ein Dutzend Strauße darauf warteten, von den Besuchern der Farm geritten zu werden. Oder vielmehr eben nicht.

Henri und Kailash unterschritten das Maximalgewicht für einen Straußenritt und probierten es aus; ich ebenfalls. Worauf ich im Nachhinein nicht wirklich stolz bin. Nicht nur behandelten die Straußenfarm-Arbeiter die Tiere reichlich unsanft. Auch zeigten die Vögel deutliche, nun ja, Abnutzungserscheinungen: Die Federn auf ihren Rücken waren großflächig weg, herausgerissen, die kahlen Stellen bei einigen Tieren von einem Stück Stoff bedeckt. Die Strauße machten keinen gesunden, geschweige denn einen glücklichen Eindruck. Das alles sah und realisierte ich aber erst in aller Deutlichkeit, als ich aufsattelte (ohne Sattel, versteht sich) und zum Festhalten ins Gefieder griff. Fünf, zehn Sekunden lang rannte der Vogel mit mir auf seinem Rücken durchs Gehege, dann wurde mir der Befehl zum Abspringen gegeben. Ich hatte mich schon seit dem Aufsteigen alles andere als wohl gefühlt, Spaß machte der Ritt mir nicht.

Wer wollte, durfte danach noch auf Straußeneiern stehen, dann wurden wir auch schon in den Shop komplimentiert.

Im Shop unterhielt ich mich mit Henri und Charlotte; wir kamen gemeinsam zu dem Schluss, dass die Tour wesentlich zu kurz gewesen war, der Tourguide ziemlich durch das Programm hindurchgehetzt sei. Er verabschiedete sich dann auch, während wir noch drinnen waren, in den Feierabend. Auch meine „unethische Behandlung der Tiere“-Gedanken teilten die anderen.
Wir erzählten Benjamin von unseren Bedenken, der sie bestürzt zur Kenntnis nahm. Zumindest das Durchhetzen. Die Tour koste pro Person 280 Rand, meinte er, also ca. 18 Euro. Zu viel für das, was wir geboten bekommen hatten, meinten wir.
Benjamin ließ daraufhin den Manager der Farm antreten, der uns versprach, seinen Mitarbeiter am nächsten Morgen zu maßregeln, und sich für dessen Benehmen entschuldigte. Charlotte fragte frech, ob sie einen Stift aus dem Shop haben könne. Der Manager guckte recht bedröppelt, ließ sich dann aber nach deutlich sichtbarem innerem Kampf darauf ein. Den teuren Stift, den Charlotte haben wollte, bekam sie nicht, aber einen günstigeren. Insgesamt gingen drei oder vier Stifte kostenlos über die Ladentheke, außerdem ein kleines Pflanzen-Anbau-Set für Susanne. Ich wollte nichts haben, mir war das Ganze zuwider. Danach schenkte der Manager Benjamin, seinem guten, treuen Kontakt, noch eine Flasche Wein; da wurde es mir dann wirklich zu viel, ich setzte mich nach draußen.
Die Tiere betreffend fiel kein Wort gegenüber dem Manager oder gar von ihm. Strauße sind, so viel habe ich gelernt, eindeutig keine Reittiere. Aber inwiefern eine Ansprache dessen irgendetwas geändert hätte, und sei es nur als Gedankenanstoß, ist natürlich fraglich. Hier herrscht offenbar ein anderes Verständnis von Tieren als fühlenden Wesen und vom Tierwohl als in Westeuropa. Für die Arbeiter auf der Farm sind die Strauße große, dumme Viecher, mit denen sie Geld machen können. In Deutschland wäre so eine Farm nie und nimmer erlaubt. Aber hier, hm. Und die Touristen scheren sich wohl großteils nicht darum. Gleichwohl entschuldigt das alles die ganze Geschichte natürlich nicht. Die Stimmung in unserer Reisegruppe nach dem Straußenfarm-Besuch war eher bedrückt.

Zum Abendessen gab es dann, Überraschung, ein Straußen-Braai (ja, trotzdem lecker). Zuvor hatten wir in unserem Zimmer im Hostel Mirjam kennengelernt, eine 28-jährige Schweizerin, die für zwei, drei Wochen allein durch Südafrika reist. Wir vier Backpacker unterhielten uns gut mit ihr, sie setzte sich zum Abendessen zu uns allen. Irgendwann fuhr Benji die Gästehäusler weg. Henri, Kailash, Mirjam und ich setzten uns ans Feuer und ließen den Abend gemütlich ausklingen.

Gegen elf ging ich duschen und dann ins Bett, letzteres ebenso wie Mirjam, da sie am nächsten Morgen um 04:30 Uhr aufstehen wollte, um Erdmännchen angucken zu gehen. Henri und Kailash kamen um halb eins nach, wie ich mir am nächsten Morgen erzählen ließ. Zudem erzählte Henri, dass der reichlich angetrunkene Kailash der schlafenden Mirjam bei der Gelegenheit einen Kuss auf die Wange gedrückt habe, inklusive „good night“-Wunsch, und sie so aufgeweckt habe. Henri und ich entschuldigten uns am nächsten Morgen beide für Kailash. Er sich selbst leider nicht. Mirjam, die die nächtliche Episode zwar kopfschüttelnd, aber äußerlich recht gelassen hinnahm, meinte auf meine Nachfrage hin, dass ihr so etwas zum Glück noch nie vorher passiert sei. Immerhin. Trotzdem. Geht gar nicht.

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